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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.07.2015

Zweiter WeltkriegUnschuldige Musik gab es nicht mehr

Von Florian Felix Weyh

Der Tenor Roberto Sacca als Walther von Stolzing und die Meistersinger während einer Probe zu den "Meistersingern von Nürnberg" vor Beginn des Salzburg Festivals 2013. (dpa/ picture alliance/ Barbara Gindl)
Die Darstellung des Nationalismus in Richard Wagners "Meistersingern" - hier beim Salzburg Festival 2013 - sei, so Patrick Bade, "nicht unbedingt unerquicklicher als eine von Fremdenfeindlichkeit geprägte Rede bei einer Parteiversammlung der Tories." (dpa/ picture alliance/ Barbara Gindl)

Gospels, Swing und Wagners "Meistersinger" - die Nazis instrumentalisierten jede Form von Musik. Ihre Gegner ebenfalls. Fulminant wird das Geschehen nun von Patrick Bade in "Music Wars" analysiert.

Die Truppen marschieren, in Europa, Asien, Nordafrika. Und überall, wo sie sind, ist Musik: Gospels, Swing und freche Texte.

Doch Musik haben auch die Unterdrücker, die deutschen Herrenmenschen mit ihrer Herrschaftskultur, die noch wenige Jahre zuvor als unbestrittene Hochkultur in aller Welt bewundert wurde - zumindest, was deren musikalische Seite anbelangte.

"Wir haben es hier mit einer rätselhaften Situation zu tun: dem Nebeneinander von Kunst und Verbrechen."

...konstatiert der britische Musikwissenschaftler Patrick Bade zu Beginn seines fulminanten Werks über Geschichte und Funktion der Musik im Zweiten Weltkrieg. Wer auch immer im internationalen Musikleben Rang und Namen besaß, musste sich positionieren oder wurde positioniert. Letzteres durch Vertreibung, Ächtung - oder Vereinnahmung.

Ob es in Berlin Wilhelm Furtwängler als des Teufels Dirigent war oder in New York Arturo Toscanini, dessen Wandlung vom Faschisten zum Anti-Nazi kaum deutlicher hätte ausfallen können - keiner der Großen entkam dem Malstrom der Zeit. Auch Sir Thomas Beecham in London nicht, der...

"...1938 als einziger Repräsentant des 'Landes ohne Musik' (als solches betrachteten die Nazis Großbritannien) in das anspruchsvolle Werk 'Künstler plaudern' aufgenommen wurde."

Versteckte Botschaft in Beethovens Fünfter Symphonie

In Zeiten radikaler Polarisierung wirkt so etwas wie ein Kniefall, denn unschuldige Gesten existieren nicht mehr. Dies weitete sich von der Ebene der musikalischen Personalpolitik - hier konnte der Staat am schnellsten durchgreifen - rasch auf die sekundäre Ebene aus, auf die des Codes, des Informationssystems: Auch unschuldige Musik gab es bald keine mehr. Findige Geister bei der BBC entdeckten zum Beispiel eine versteckte Botschaft in Beethovens Fünfter Symphonie:

"Beethovens Motiv wurde auf einer Kesselpauke gespielt, dann nach einer effektvollen Pause wiederholt."

Weil dieses Signal zugleich dem "V" - wie "victory" - im Morsealphabet entsprach und damit zur Senderkennung taugte. Denn natürlich ist Musik immer mehr als nur reine Musik, vor allem, wenn ein Text hinzutritt.

"Hinreißend albern war Oliver Wallaces 'Der Fuehrers Face'. Wenngleich es nicht ganz so zotig wie 'Hitler has only got one ball war', bekam 'Der Fuehrers Face' durch die Verwendung eines als 'Birdaphone' bezeichneten Instruments eine derbe Vulgarität: Dieses prustet jedes Mal los, wenn das Wort 'Heil' gerufen wird."

Das bereitet auch heute noch Spaß beim Hören.

"Humor in der Musik als Waffe gegen den Feind erwies sich jedoch als wirkungslos."

Das schreibt Patrick Bade und schildert das Desaster des britischen Dramatikers und Komponisten Noel Coward, dessen sarkastischer Song "Don't lets be beastly to the Germans" säckeweise Protestpost bei der BBC eintrudeln ließ: In Zeiten von Schwarzweiß-Propaganda wird Ironie unverständlich. Warum das so ist und wie subtil sich Musik und Politik in Krisenzeiten verzahnen, erfährt man auf den 500 Seiten dieser großartigen Monografie, deren Materialfülle den Leser keineswegs erschlägt, weil sie nicht aufsummierend, sondern gut erzählt daherkommt. Nur knapp ein Fünftel des Textes beschäftigt sich allerdings mit dezidiert staatlichen Auftragswerken wie Schostakowitschs "Leningrader Symphonie". Denn Musik entsteht auch unter widrigen Verhältnissen, ja geradezu gegen jeden Auftrag.

Nazi-Musikpolitik musste manchmal vor dem Faktischen kapitulieren

So saß in einem deutschen Gefangenenlager der junge französische Komponist Olivier Messiaen und schrieb...

"...im Winter 40/41 eines der ergreifendsten und bewegendsten Werke des 20. Jahrhunderts: das Quartett für das Ende der Zeit, bei dem Mitgefangene mitspielten."

Das gehört - diesmal auf der Habenseite der Kulturkriegsgeschichte - ebenso zum musikalischen Erbe jener Jahre wie der verstörende Welterfolg eines Songs, der sich hartnäckig der propagandistischen Nutzung entzog, gerade weil ihn alle kriegführenden Parteien in sage und schreibe 75 Sprachen für sich zu nutzen suchten. "Lili Marleen" blieb aber immer das Lied der Soldaten, nicht das der Führung.

Das verlieh ihm seine Macht, auch wenn Goebbels das Lied als "defätistisch" und "stinkend wie eine Leiche" bezeichnete. Es ist nicht der einzige Fall, in dem die Nazi-Musikpolitik vor der Kraft des Faktischen kapitulierte.

Dass man etwa die deutsche Swing-Jugend kriminalisierte, wurde auf der anderen Seite von einer bizarren staatlichen Fälschung konterkariert. "Charlie and his Orchestra" hieß eine Nazi-Swingband - mit entsprechenden Texten - die nach England hinüberwirken sollte. Patrick Bade, dessen Sujet-Kenntnis bis hinein in filigranste Details geht, konstatiert trocken:

"Es darf bezweifelt werden, dass englischsprachige Zuhörer an diesen amateurhaften Texten, ganz unabhängig von ihrem anstößigen Inhalt, viel Grund zu Heiterkeit gefunden hätten."

Überhaupt: der erfrischende britische Ton in dieser Arbeit! Die Darstellung des Nationalismus in Richard Wagners "Meistersingern" sei, so Patrick Bade...

"...nicht unbedingt unerquicklicher als eine von Fremdenfeindlichkeit geprägte Rede bei einer Parteiversammlung der Tories."

Wenn dem Buch nun auch noch eine CD-Edition beigesellt würde, wäre es perfekt. Denn Musik hat einfach viele Wirkungsebenen - zum Beispiel im Kontrast zwischen Text und Melodie - wie in Rosalie Allens überaus fröhlichem Nachkriegssong: "Hitler lives".

(Anmerkung der Redaktion: Das Audio zum Beitrag kann aufgrund der fehlenden Musikrechte nicht online gestellt werden.)

Patrick Bade: "Music Wars. Propaganda, Götterfunken, Swing - Musik im Zweiten Weltkrieg"
Aus dem Englischen von Heike Warth
Laika Verlag, 512 Seiten, 34,00 Euro

Mehr zum Thema:

Die Rolle des Rundfunks im Nationalsozialismus
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 24.10.2013)

Wie "Lili Marleen" zum Kriegslied wurde
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 18.08.2011)

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