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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 01.05.2020

Zur Causa MbembeAntisemiten sind immer noch die anderen

Von Gerald Beyrodt

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Der kamerunische Historiker und Philosoph Achille Mbembe im Mai 2017 im Hamburger Thalia Theater. (dpa / Daniel Bockwoldt)
Der kamerunische Historiker und Philosoph Achille Mbembe im Mai 2017 im Hamburger Thalia Theater. (dpa / Daniel Bockwoldt)

Die Debatte über den Philosophen Achille Mbembe und die Antisemitismusvorwürfe gegen ihn macht viele Jüdinnen und Juden ratlos. Sie entzündete sich an Aussagen zum Staat Israel. Hat Deutschland bei seinen Debatten über Hass gegen Juden etwas dazu gelernt?

Einen Moment hatte ich den Eindruck, der Schrecken von Halle wäre allen in die Glieder gefahren. Ich war beeindruckt, wie viele Menschen mich deswegen angesprochen haben, weil sie wissen, dass ich einer jüdischen Gemeinde angehöre. Und ich hatte den Eindruck, viele hätten begriffen, dass Antisemitismus ein ernstes Problem ist.

Ich dachte, Halle müsste dazu führen, ernsthafter in den europäischen, in den deutschen Spiegel zu schauen, wo die Judenfeindlichkeit schon fast zur DNA gehört, mit Judensau-Motiven in Kirchen und Talmudverbrennung im Mittelalter bis zum Judenhass unserer Tage. Aber zum konkreten Fall:

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat dem Kulturwissenschaftler Achille Mbembe Antisemitismus vorgeworfen.

Wer macht sich schuldig?

Wenn in Deutschland einer Antisemitismus ruft, ist die Empörung groß. Überraschenderweise nicht über den angeblichen oder tatsächlichen Antisemiten, sondern über diejenigen, die rufen. Denn die Beschuldigten sind schließlich honorige Mitbürger, angesehene Kulturwissenschaftler oder liebgewonnene Rocksänger.

Auch Jörg Häntzschel von der "Süddeutschen Zeitung" kann die Anschuldigungen von Felix Klein nicht wirklich nachvollziehen:

"Angesichts der weltweit grassierenden Hetze und Gewalt gegen Juden ist es umso überraschender, dass für Klein die antisemitische Gefahr von einem weltweit bekannten und renommierten Wissenschaftler aus Kamerun ausgeht."

Die Gefahr steht zwischen den Zeilen

Nun hat Klein nie gesagt, dass die antisemitische Gefahr von Mbembe ausgehe, sondern sieht bestenfalls eine Gefahr unter mehreren. Offenbar können in Häntzschels Augen die Texte von renommierten Wissenschaftlern keine antisemitischen Gedanken enthalten.

"Wäre Mbembe tatsächlich Antisemit, hätte das ja auch längst auffallen müssen: Als er im letzten Jahr als Gastprofessor in Köln lehrte, als er den Ernst-Bloch- und den Gerda-Henkel-Preis bekam."

Und so weiter. Wer Preise und Gastprofessuren erhält, der kann offenbar kein Antisemit sein. Bei dem muss man auch nicht prüfen, ob einzelne Gedanken problematisch sind. Offenbar glaubt Häntzschel, dass Professuren immun machen. Überhaupt fehlt bei vielen die Unterscheidung zwischen den Antisemiten, also Menschen mit stabilen antisemitischen Überzeugungen, und einzelnen antisemitischen Gedanken.

Es geht nicht nur darum, ob einer Juden abgrundtief hasst. Es geht auch um mögliche antisemitische Gedanken und Stereotype, die in Texten stehen können, die mal so reinrutschen. Häufig zählen Häntzschel und andere auf, wer alles empört ist über die unglaublichen Vorwürfe. Harry Nutt spricht in der "Berliner Zeitung" von "Rufmord". "Hexenjagd" ist auch noch eine beliebte Vokabel in der Debatte.

Leider gilt das alte Schema: Antisemiten sind immer die anderen. Alan Posener schreibt hingegen in der "Welt", Mbembe sei ein Holocaustrelativierer und Israelhasser.

Und was sagen Mbembes Texte? Er selbst nennt Leute, deren Argumentation er nicht mag, Pharisäer und Zeloten und zieht das Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" als abschreckendes Beispiel heran. Alles Klassiker der Judenfeindschaft. Das Ressentiment gegen die Pharisäer stammt aus dem Neuen Testament und ist jahrhundertelang gegen Juden verwendet worden. Mbembe schreibt das umstandslos fort. Es ist beschämend, mit welcher Achtlosigkeit er redet.

Delegitimieren, dämonisieren und doppelte Standards

Mbembe hat das Vorwort zu dem Buch "Apartheid Israel" geschrieben. Er fordert darin eine globale Isolation Israels, hat das aber im Laufe der Debatte wieder relativiert, in der Wochenzeitung "Die Zeit", in wenigen dürren Sätzen. Es gibt klare und prägnante Kriterien für legitime Kritik an israelischer Politik. Der israelische Menschenrechtsaktivist Natan Sharanski erkennt an "drei Ds", wo jemand den Boden des Legitimen verlässt: Delegitimierung Israels, Dämonisierung Israels und doppelte Standards. In Mbembes Vorwort zu "Apartheid Israel" liest man:

"Die Okkupation Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der größten inhumanen Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Akt der Feigheit in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts."

In der Pyramide der moralischen Skandale steht die, wie Mbembe formuliert, "Okkupation Palästinas" ganz oben. Das muss schon verwundern: Das Verhalten israelischer Regierungen soll schlimmer sein als das des sogenannten islamischen Staates, arabischer Diktatoren, als die Unterdrückung der Uiguren oder der Menschen in Nordkorea. Das ist Dämonisierung – und da sind auch doppelte Standards am Werk. Kein Wunder, dass die "drei Ds" bei Mbembes Apologeten so selten auftauchen.

Antisemitismus als ein Problem unter vielen

Mbembe schreibt auch, mit Blick auf die Israelis, von der "Verweigerung der Staatsbürgerschaft an die, die nicht sind wie wir"; mit "wir" meint er die Besatzungsmacht. Aber: Es gibt Palästinenser mit israelischem Pass, christliche und auch muslimische. Ihre Situation ist nicht die beste, aber es gibt sie. Es gibt auch arabische Parteien in der Knesset. Mbembes Äußerungen sind insofern, sagen wir mal, kontrafaktisch. Ob er sich nur irrt oder bewusst die Unwahrheit sagt - ich weiß es nicht.

Er schreibt in seinem Buch "Politik der Feindschaft":

"Heute kennt man Juden und Neger unter anderen Namen: Islam, der Moslem, der Araber, der Ausländer, der Immigrant, der Flüchtling, der Eindringling – um nun ein paar zu nennen."

Mbembe sieht offenbar den Antisemitismus als Problem unter vielen. Man kann das so lesen: Antisemitismus war gestern – heute hat man andere Sorgen.

Unspezifisch gegen Hass sein, ist immer prima

Das Spezifische des Antisemitismus, seine Verankerung in der europäischen Religionsgeschichte, gerät aus dem Blick. Natürlich – Mbembe kommt aus einer Postkolonialismus-Diskussion und überträgt sie offenbar auf alles und jedes. Ob er Antisemit ist? Ich weiß es nicht. Aber er äußert neben vielem anderen Sätze, die an religiösen Hass auf Juden und antisemitische Diskurse anknüpfen.

Spannend ist: Seine Theorie mit dem gigantischen Anspruch, die Struktur des Hasses zu erklären, kommt offenbar gut an in Deutschland. Unspezifisch gegen Hass sein, ist immer prima. Und wenn einer die Standards für legitime Kritik an Israel reißt, stört es offenbar auch nicht weiter.

Natürlich gibt es auch differenzierte Stimmen in der deutschen Debatte. Ich würde sie gerne häufiger hören. Ich wünschte mir mehr Sensibilität, wo antisemitische Stereotype gesellschaftsfähig werden. Nach dem Schrecken von Halle hätte ich mir von vielen mehr erwartet.

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