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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.07.2017

Zunehmende AltersarmutWenn die Rente nicht mehr reicht

Von Lise Jolly

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Nahaufnahme der Hand einer alten Frau, die ein paar Münzen zählt.  (imago stock&people)
Täglich mit wenig Geld jonglieren zu müssen ist anstrengend und demütigend (imago stock&people)

Altersarmut wird in Deutschland zum Problem. Schuld daran ist das Absenken des Rentenniveaus. Kino, Urlaub, Ausflüge: alles gestrichen. Zum Schluss bleibt nur noch der Gang zur Tafel.

"Bin verspätet, weil die Ware zu spät gekommen ist …"

Wer in Deutschland arm ist, hat weniger als 917 Euro im Monat. Mehr als 15% der Deutschen leben unterhalb der Armutsgrenze: Arbeitslose, Alleinerziehende und inzwischen immer mehr Rentner.

Annette ist eine von denen, die nicht von ihrer Rente leben können. Ich treffe sie im Tersteegenhaus in Köln. Hier stellt ein Verein frische Produkte kostenlos zur Verfügung.

"Ich bin jetzt in Rente und habe jetzt am Ende meines Lebens so viel, als wenn ich gar nichts gemacht hätte. Die Rente ist so klein, dass ich dafür noch die Grundsicherung beantragen musste. 400 Euro. Ich kann mir nicht mehr leisten. Ich gehe nicht mehr ins Kino, gehe nicht mehr essen, oder ich fahre nicht in Urlaub. Mit dem Geld kann man in Köln nicht leben. Finde ich ein Skandal!"

Annette kommt jeden Freitag

Immer am Freitagnachmittag kommt Annette hierher. Sie ist nicht die einzige. Etwa 50 andere versorgen sich heute hier mit Lebensmitteln. Helmut organisiert die Essensausgabe.

"Es sind in der Regel Rentner ab 60. Die Leute haben wenig Rente, wenig Bezüge, das ist offensichtlich. Deswegen können die Leute diese Waren gut gebrauchen. Meistens Frauen. Aber die Männer sind zu Hause, die kommen nicht mit, oder sind schon tot, Sie wissen, wie es ist."

Marita teilt jedem seine Portion zu.

"Also, wir haben jetzt frisch Milch, und Wurst und Käse, und Obst und Gemüse, wird es alles verteilt. Das kommt von der Kölner Tafel. Und die holt das immer aus dem Geschäft ab, die das freiwillig abgeben, freiwillig abgeben für die Kunden."

Blandine nutzt das Angebot jede Woche. Aber es ist gar nicht so leicht, die alten Menschen, die in Armut leben, zum Sprechen zu bringen.

"Ja, das ist zu persönlich, bitte schalten sie aus ..."

"Wir leisten uns nichts"

Viele der Frauen haben eine abgebrochene Berufstätigkeit. Wie auch Blandine. Sie ist Deutsch-Russin und war in der Ukraine Bergbauingenieurin. Ihr Pech: Für ihren Beruf ist sie in Deutschland einfach zu spät angekommen.

"Wir leisten uns nichts, wie gesagt, ins Restaurant zu gehen, aber hier gibt es auch eine Kulturliste und oft kriege ich Einladungen in die Philharmonie, ins Theater. Wir sparen ein bisschen, versuchen wir auch was zu verdienen aber, klar, schwarz."

Die Schröder-Reformen zur Arbeitsmarktpolitik zu Beginn der 2000er Jahre haben auch sie nicht verschont.

(picture alliance / dpa)2003 stellte Gerhard Schröder die Agenda 2010 vor. Die Bilanz der Agenda hat Licht und Schatten, unter anderem mussten die Rentner Einbußen hinnehmen (picture alliance / dpa)

Sabine Graf vom DGB Nordrheinwestfalen in Düsseldorf:

"In der sogenannten Agenda 2010 wurde das Rentenniveau abgedeckt, abgesenkt. Und das hat zur Folge, dass heute jemand 45 Jahre arbeiten muss, und vielleicht gerade noch die Hälfte seines Einkommens als Rentner hält. Aber wenn man mal bis 2030 schaut, ist man dann bald bei 40 %, und dann wird’s nicht mehr zum Leben reichen."

Die Reihe "Populismus im Aufwind? Deutsch-französische Reportagen" entstand in Kooperation mit France Inter.

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