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Tonart | Beitrag vom 18.01.2021

Zum Tod von Phil SpectorGenie mit Abgründen

Oliver Schwesig im Gespräch mit Mascha Drost

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Komponist und Produzent Phil Spector sitzt im Jahr 1997 im großzügigens Fonds eines Autos. (picture alliance / Photoshot)
Komponist und Produzent Phil Spector in den späten 90er-Jahren. In seiner Jugend saugte er alles an Musik auf - von Rock bis Jazz, R'n'B bis Klassik. (picture alliance / Photoshot)

Phil Spector hat in den 60er- und 70er-Jahren die Popmusik geprägt wie wenige andere. In ihm vereinigten sich musikalisches und monetäres Genie. Dann ermordete er eine Schauspielerin und kam ins Gefängnis. Dort ist er nun mit 81 Jahren gestorben.

Mascha Drost: Ein junger Mann aus der unteren Mittelschicht schreibt mit 17 einen ersten Hit, geht dann nach New York, wird Komponist und Produzent und mit 21 ist er Millionär. Das sind Popmärchen, und für Phil Spector begann sein Popmärchen als Prince Charming. Etliche Girlgroups hat er berühmt gemacht, The Crystals, The Ronettes, oder Darlene Love – das sind nur einige Namen von Bands, für die er früh Hits geschrieben und produziert hat. In den 60er- und 70er-Jahren hat er sogar ein Beatles-Album produziert und mit John Lennon und George Harrison solo gearbeitet.

2003 aber war diese strahlende Karriere zu Ende: Phil Spector erschoss in seinem Haus in Kalifornien eine Schauspielerin. Er wurde als Mörder verurteilt und saß seit 2009 im Gefängnis. Nun ist der große Pop-Produzent im Alter von 81 Jahren im Gefängniskrankenhaus an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Mit Oliver Schwesig blicken wir zurück auf das Leben und das Werk von Phil Spector. Er war ja wirklich eine der wichtigsten Produzenten des 20. Jahrhunderts. Schon früh war mit ihm dieses einem Markenzeichen, die "Wall of Sound" verknüpft. Für die wurde er berühmt, und für die wurde er auch immer wieder gebucht. Was machte diese "Wall of Sound" aus?

Oliver Schwesig: Irgendwo stand, "Wall of Sound" heiße: je Sekunde maximaler Krach. Das stimmt nicht ganz, aber es war schon eine Menge los: einmal dieser ansteckende Rhythmus, dieser großartige R'n'B in der Musik, und dann eben ein wahnsinniger Hall. Das war damals ein Markenzeichen von ihm.

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In den Studios hatte man damals so ein Effektgerät, diese Hallwände: Das waren quadratmetergroße Kisten, wo Stahlwände drin waren, die elektromagnetisch zum Schwingen gebracht wurden. Das erzeugte in so einem engen Studio als Effekt die Illusion von der Tonhalle, von einem riesengroßen Raum.

Und dieser Hall war für Phil Spector unglaublich wichtig, das hat er geliebt. Das war so ein symphonischer Kick, den er quasi von Wagner aus der Klassik gezogen hat. Dann hat er das Ganze mit großem mehrstimmigem Gesang kombiniert. Und er war auch großer Freund von Mono: "Back to Mono" war so ein Button, den er immer ganz stolz trug. Eine CD-Box, die ich habe, die es von ihm gibt, da ist auch so ein Button drin: "Back to Mono".

Das alles kombinierte sich dann zu einer ganz, ganz großen, dicken Klangwand. Also, da ist schon ein bisschen was dran – zu jeder Sekunde war auch immer irgendwie wahnsinnig, maximal viel zu hören.

Ein Mann der Single

Drost: In den 60er-, 70er-Jahren, wenn wir dann noch mal zurückschauen, da kam ein toller 2:30-Popsong nach dem anderen heraus. Was machte denn diese Popsongs so erfolgreich?

Schwesig: Ja, das war schon vollendete Teenager-Romantik. Die hatten etwas Hymnisches, Verletzliches, eine ganz jugendliche Naivität, eine lange Kette von betörenden Melodien – ganz so wie später Brian Wilson von den Beach Boys.

Die simple Harmoniefolge hat mich auch immer an das Fesselnde von einem Bach-Choral erinnert. Und das traf in dieser Zwischenzeit so zwischen Elvis und den Beatles Anfang der 60er einen Nerv der US-Jugend. Das war schon so eine Art Pop Urknall.

Er hat sich natürlich auch musikalisch immer mit den Besten umgeben: Die besten Songschreiber aus New York, die es damals in der Brill Building Popakademie gab, wo am Fließband die Pop-Songs von Leuten wie Carole King geschrieben wurden.

Dann hat er auch noch eine wahnsinnig tolle Studioband gehabt, diese Wrecking Crew - Session Cracks mit Sonny Bono von Sonny und Cher oder Jack Nietzsche und Harry Nielsson. Das waren eingespielte Leute, die ihm quasi hörig waren, mit denen er an diesen wahnsinnigen, tollen Sound gefeilt hat.

Rock bis Jazz und Klassik aufgesaugt

Drost: Und wo kam Phil Spector musikalisch her? War dieser sinfonische Pop, den er produziert und komponiert hat, schon irgendwie angelegt in seiner Kindheit?

Schwesig: Er hat mit 17 auf jeden Fall seinen ersten Song geschrieben, und als seine Mutter mit ihm damals nach Los Angeles gegangen ist, da hat er schon ganz früh alles aufgesaugt, was damals im Radio lief: Rock'n'Roll, vor allem R'n'B, aber eben auch Jazz und Klassik, also Bach und Wagner hat er immer wieder genannt. Die große Sinfonik von Wagner hat ihn nachhaltig beeinflusst und beeindruckt.

Man muss sagen: Der Mann ist ein musikalischer Genius und er war ein riesengroßer Netzwerker. Er erkannte sofort die Macht des Radios, hat sich sofort mit den richtigen Leuten umgeben, er hatte auch ein hohes Gespür für das Geschäftliche – sein erstes Label Philles Records hat er noch im Teenageralter gegründet.

Das war echt die seltene, seltene Kombination aus musikalischem und monetären Genie, das hat man, glaube ich, so davor und danach in der Popmusik nicht mehr erlebt.


In einem weiteren "Tonart"-Beitrag erklärt Goetz Steeger, was Phil Spectors "Wall of Sound" ausmacht.


Drost: Und trotzdem war seine große Zeit die 60er-, die 70er-Jahre. Später kam noch ein großer Erfolg mit den Beatles und den Soloplatten. Aber dann wurde es jedoch relativ schnell ruhig. Warum ist er dann nicht mehr musikalisch aufgefallen?

Schwesig: Ich glaube, das hing mit dem Untergang der Single zusammen. Der 2:30er-Popsong hat Ende der 60er so ein bisschen seinen Appeal verloren, als dann plötzlich die Rockbands anfingen mit ihren Konzeptalben, The Kinks und The Who und so weiter.

Da war dann der 2:30er-Popsong eben nicht mehr so gefragt. Spector selbst hat sein eigenes Label 1966 aufgelöst, er hat den neuen Wind also schon gespürt. Aber er war dann als Albumproduzent erfolgreich: Das "Let it Be-"Album der Beatles, das er noch mit seiner "Wall of Sound" gemacht hat, war enorm erfolgreich. ohn Lennons "Imagine", George Harrisons "All Things Must Pass" - und so weiter.

Aber es kamen dann persönliche Probleme dazu, und er hat sich dann Mitte der 70er zurückgezogen. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass er als Popsong-Produzent für die 2:30er-Nummern in den 70ern nicht mehr gefragt war.

Gewalt, Missbrauch, Mord

Drost: 2009 wurde er dann für den Mord an einer Schauspielerin zu lebenslanger Haft verurteilt: Ein Popstar und Über-Produzent, von allen Großen des Geschäfts verehrt, wird zum Mörder. Nachher ist man immer schlauer – aber ein gewisser Hang zur Gewalt war bei ihm schon immer da gewesen?

Schwesig: Ja, das stimmt. Er war mit Ronny Spector, einer von den Ronettes, verheiratet, und sie hat in ihrer Autobiografie und jetzt auch in den Nachrufen noch einmal bestätigt, dass es enormen physischen und psychischen Missbrauch ihr und den Kindern gegenüber gegeben habe. Er habe sie so sehr bedroht, dass sie ihre Musikrechte abgegeben habe, weil er gedroht habe, sie umzubringen.

Also Frauen hatten es nie leicht mit ihm. Ich habe mal gelesen, er habe alle, die auf seine romantischen Anwandlungen nicht eingegangen seien, mit der Waffe bedroht. 

Ich vermute, das hat auch mit der Kindheit zu tun: Der Selbstmord seines Vaters, der Depressionen hatte. Als Phil Spector neun war, hat der Vater sich umgebracht, auf eine ziemlich unangenehme Art, mit Abgasen im Auto in der Garage. Die Mutter hat daraufhin ein großes Überwachungspotenzial entwickelt. Das alles in Verbindung mit hoher Schüchternheit und geringem Selbstwertgefühl – da kam dann der Choleriker bei ihm raus. Erratisches Gehabe.

Er hat im Studio schon als Teenager rumgebrüllt, alle zusammenkrakeelt, den Tontechniker zusammengestaucht. Er saß dann auch manchmal stundenlang im Dunkeln, hat einen Ton gehört, stundenlang, Playbacks x-mal wiederholen lassen, er hat Waffen gesammelt.

Es gibt da ein paar Anekdoten: Der Tontechniker der Beatles, Geoff Emerick, hat sich enorm erschrocken, als plötzlich dieser Herr da auftauchte, herumbrüllte und wie so ein kleiner Diktator eine Waffe zückte.

Eine Anekdote von John Lennon ist mir immer noch im Gedächtnis geblieben: Als sie zusammen produziert haben, ist Spector auch irgendwann wütend auf die Band und auf den Sänger geworden - und zog die Waffe und schoss einfach in die Decke im Studio. Lennon war geistesgegenwärtig genug, die Situation zu retten, und hat gesagt: "Phil, wenn du uns umbringen will, kannst du gerne machen, aber bitte lass uns vorher bitte noch diesen Track aufnehmen." Das war also nicht ganz einfach mit ihm.

Natürlich wirft das die Frage danach auf, ob man diesen Mann posthum noch hören sollte. Die Diskussion hatten wir bei Michael Jackson ja auch. Ich finde, so Cancel Culture-mäßige Verbote sind zu kurz gegriffen. Ich denke, man muss mit der Ambivalenz leben. Der Mann war ein übler Verbrecher. Aber unbestritten sind seine Verdienste um die Popmusik in den 60ern. Das muss man, glaube ich, beim Hören immer noch ein bisschen mitdenken."

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