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Interview | Beitrag vom 26.07.2019

Zum Tod von Jesper JuulKinder haben Bedürfnisse, und Eltern dürfen Fehler machen

Susanne Mierau im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Familientherapeut Jesper Juul im Februar 2017 (imago / Ritzau Scanpix)
Familientherapeut Jesper Juul ist am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren gestorben. (imago / Ritzau Scanpix)

Jesper Juul war Schiffskoch, Tellerwäscher und Barkeeper - später wurde er zum Erziehungspapst für viele Eltern. Für die Pädagogin Susanne Mierau sind seine humanen Gedanken aus moderner Beziehungsarbeit zwischen Eltern und Kindern nicht wegzudenken.

Kinder finden Orientierung bei ihren Eltern. Und Eltern finden seit langem viel Orientierung bei Jesper Juul. Millionen haben seine Erziehungsratgeber wie "Beziehung statt Erziehung" gelesen, in denen er Gedanken verbreitete wie diesen, den er einmal im Interview mit Deutschlandfunk Kultur äußerte:

"Kinder brauchen überhaupt keine Grenzen, in diesem altmodischen Sinne. Was Kinder wirklich brauchen, ist Führung von Erwachsenen und Erwachsene, die ihre eigenen Grenzen kennen, ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigenen Werte. Diese abgegrenzten, deutlich definierenden Erwachsenen brauchen Kinder."

"In der ganzen Elternwelt kommt man nicht herum um Jesper Juul", sagt die Pädagogin und Autorin Susanne Mierau. Juul sei ihr seit dem Studium ein ständiger Begleiter gewesen und auch im Gespräch mit Eltern immer wieder begegnet, in Zitaten etwa, die Eltern mitbrachten.

Wie man einem Kind auf Augenhöhe begegnet

"Wir haben ja schon seit langer Zeit eine Bewegung dahin, dass Kinder mehr gesehen werden, dass die Bedürfnisse mehr gesehen werden", sagt Mierau. "Jesper Juul hat das sehr breit vermittelt, also sehr, sehr viele Menschen erreichen können mit seinen Büchern. Das hat wesentlich verändert, dass die Kinder mehr gesehen wurden, dass auf 'Gleichwürdigkeit' geachtet wird. Das ist ein ganz zentraler Punkt bei ihm, dass das Kind respektiert wird in seinen Bedürfnissen, dass wir uns nicht ständig über die Grenzen des Kindes erheben, sondern tatsächlich diesen Menschen miterkennen, der das in Form eines Kindes ist."

Vor Juul hieß es, Kinder müssten sich unterordnen. Dazu habe der Familientherapeut und Pädagoge einen wichtigen Gegenimpuls gesetzt. Es gehe aber auch nicht darum, nur die Bedürfnisse der Kinder zu sehen, betont Mierau. Verwöhnung forderten Juul und viele andere Pädagogen in seiner Folge gar nicht.

Sie hätten einen wichtigen Impuls zur Selbstreflexion gesetzt, den es sich fortzuführen lohne: "Diese Sachen, die da in den Erwachsenen drinstrecken, in uns allen, die wir selber gelernt haben, wie mit uns umgegangen wurde, die tragen sich fort, wenn wir damit nicht aktiv umgehen, wenn wir das nicht reflektieren."

"Großer Anspruch an Elternschaft heutzutage"

Einen übergroßen Anspruch von Eltern an sich selbst, wie man ihm heute oft begegnet, sieht Mierau kritisch: "Wir haben einen großen Anspruch an Elternschaft heutzutage. Und das macht es ganz schön schwer für die Eltern, den richtigen Weg zu finden."

Auch hier liefere Juul Entlastung: "Glücklicherweise hat Juul auch gesagt, dass wir ungefähr 20 Fehler am Tag machen können und dass das immer noch nicht schlimm ist." Das Tolle an seinen Büchern sei, dass sie neben einem geschärften Blick für Kinder und deren Bedürfnisse "auch eine ganz große Entspannung und Gelassenheit für die Eltern vermitteln. Wir müssen alle nicht perfekt sein, sondern müssen uns einfach nur bemühen, das Kind richtig wahrzunehmen."

(fmay)

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