Zum Tod des Philosophen Gernot Böhme

Streiter für mehr Sinnlichkeit

08:21 Minuten
Der Philosoph Gernot Böhme.
Der Philosoph Gernot Böhme ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Von 1977 bis 2001 hatte er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt inne. © picture alliance/dpa | Horst Galuschka
Dieter Mersch im Gespräch mit Eckhard Roelcke · 22.01.2022
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Gernot Böhme war ein Philosoph, der der Übertechnisierung der Welt skeptisch gegenüberstand und für eine Selbsterfahrung der „Leiblichkeit“ plädierte. Auch in politische Debatten mischte er sich immer wieder ein. Nun ist er mit 85 Jahren gestorben.
„Gernot Böhme war ausgesprochen tolerant“, sagt sein ehemaliger Schüler Dieter Mersch, der heute an der Kunsthochschule Zürich Ästhetik und Theorie lehrt.
„Ich kam von einer Richtung, die eher semiotisch, poststrukturalistisch, dekonstruktiv orientiert war, die ihm überhaupt nicht behagte. Aber seine Haltung war: Das interessiert mich, mich interessiert, was ein anderer denkt – als ein widerständiges Moment, das ihn auch dazu bringen konnte, sich neu auseinanderzusetzen.“

Mitinitiator der "Darmstädter Erklärung"

Böhme, der von 1977 bis 2001 an der TU Darmstadt Philosophie lehrte, war ein streitbarer, politisch denkender Wissenschaftler. Kaum in Darmstadt angekommen, zählte er zu den Mitinitiatoren der „Darmstädter Erklärung“, die als sogenannte Verweigerungsformel in die Geschichte eingehen sollte. Darin verweigert sich die Wissenschaft explizit der Rüstungsforschung.
Böhmes Denken sei geprägt gewesen von einer Kritik am Primat der Technik, nicht an der Technik selbst, unterstreicht Mersch.
Einer der Schlüsselbegriffe seines Denkens sei die "Leiblichkeit" gewesen, die er in einem Gegensatz zur "Körperlichkeit" gesehen habe. Das heißt, „dass wir einen Körper haben, den wir zum Objekt machen können. Die Medizin untersucht körperliche Zustände. Leib ist aber etwas, was wir sind. Und zwar ist das die Natur, die wir selbst sind. Insofern geht es um so etwas wie Selbsterfahrung, die von der Fremderfahrung des Körpers getrennt wird.“

Selbsterfahrung in einer Zeit technischer Zurichtung

Diese Selbsterfahrung müsse man sich wieder neu aneignen in einer Zeit technischer Zurichtung auch des Körpers, so Mersch.
„Diese Zurichtung führt dazu, dass wir unsere eigene Leiberfahrung verleugnen oder dieser eigenen Leiberfahrung entgehen.“
Konkreten Übungen, um diese Art der Selbsterfahrung wieder voranzubringen, habe sich Böhmes Institut für Praxis der Philosophie, dessen Leitung er 2005 übernommen hatte, gewidmet, so Mersch.

Gernot Böhm im Gespräch (2018)

In unserer Philosophiesendung "Sein und Streit" sprachen wir 2018 mit Gernot Böhme darüber, was das Menschsein mit leiblicher Selbsterfahrung zu tun hat und warum wir eine gemeinsame Wirklichkeit verteidigen müssen.

Ein weiterer, für Böhmes Denken zentraler Aspekt war der Begriff der Atmosphäre. Damit sei die Erfahrung gemeint, „dass wir in der Welt sind und nicht den Dingen gegenüberstehen, die Gegenstände zum Objekt machen", so Mersch. "Sondern dass die Gegenstände gleichsam in uns hineinragen oder aus uns herausstehen. Die Dinge haben auch eine Art aktive Rolle, die uns zwingt, uns ihnen zuzuwenden.“
Dieser Begriff sollte dann Schule machen als Wahrnehmungslehre, die sich von der bloßen Kunstinterpretation verabschiedet, also weniger Verkopfung, mehr Sinnlichkeit.

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