Mittwoch, 20.11.2019
 

Tonart | Beitrag vom 02.10.2019

Zum Tod des georgischen Komponisten Gija KantscheliMeister des Atmosphärischen

Cornelia de Reese im Gespräch mit Mascha Drost

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Der Komponist sitzt in seinem Wohnzimmer und lächelt in die Kamera. (deutschlandfunk/ Cornelia de Reese)
Der georgische Komponist Gija Kantscheli wurde einst auch von Kurt Masur nach Leipzig eingeladen. (deutschlandfunk/ Cornelia de Reese)

Er verwandelte Trauer in eine Musik der Stille. Jetzt ist der georgische Komponist Gija Kantscheli im Alter von 84 Jahren gestorben. Er habe die Menschen berührt, gerade weil er der Avantgarde eher fern stand, sagt unsere Autorin Cornelia de Reese.

Wohl kaum ein Komponist hat sich mit der Nachtseite des Lebens so intensiv beschäftigt wie Gija Kantscheli. Luigi Nono und John Cage gehörten zu den zahlreichen Künstlerfreunden, mit denen Kantscheli verbunden war. Als Avantgardist habe er sich jedoch nie verstanden, so Cornelia de Reese:

"Seine Musik hat nichts Konstruiertes und begeistert viele Leute, weil sie sehr eingängig und authentisch ist. Die Stille, die er in sich trug, hat er auch in seine Werke gegossen."

Von Bühnenmusiken zur großen Sinfonik

Geboren wurde Kantscheli 1935 in einer nicht sonderlich musikalischen Familie. Aber volkstümliche Musik und vor allem die Tradition des Chorgesangs sei in Georgien in allen Bevölkerungsschichten stark verbreitet, sagt de Reese. Kantscheli, der ursprünglich Geologe werden wollte, entdeckte die Musik für sich im zweiten Anlauf. Zunächst komponierte er für Film und Theater, schrieb populäre Musik für Jazz-Bands und Chor-Events.

Die Begegnung mit dem Dirigenten Djansung Kakhidze habe ihm dann andere Dimensionen eröffnet. Ermutigt durch Kakhidze, fand Kantscheli einen eigenständigen Weg zur großen Sinfonik. Mit seiner vierten Sinfonie, die er 1975 zu Michelangelos 500. Geburtstag komponierte, lud Kurt Masur ihn nach Leipzig ein.

Ein Chor, der peu à peu verstummt

Seine auf Initiative von Masur verfasste Komposition "Light Sorrow" für großes Orchester und Knabenchor machte ihn international bekannt, sagt Cornelia de Reese: "Das Stück endete damit, dass die Chormitglieder sich peu à peu erst im Orchester platzierten und dann verschwanden. Und dann war Stille."

Eine Stille, die Kantscheli besonders viel bedeutet habe, sagt de Reese, die den Komponisten im vergangenen Jahr für ein Radio-Porträt besuchte. "Light Sorrow" nehme auf das Ende des Zweiten Weltkriegs Bezug, in anderen Werken habe Kantscheli seine Erfahrungen mit politischen Umbrüchen und bürgerkriegsähnlichen Situationen in seinem Heimatland verarbeitet. Den Abgründen menschlicher Existenz hielt er in Töne gesetzte Stille entgegen. "Stille", sagte Gija Kantscheli, "ist ein Schweigen nach Geschehenem."

(fka)

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