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Lesart | Beitrag vom 09.07.2021

Zum 90. Geburtstag von Alice MunroMeisterin der kleinen Form

Von Manuela Reichert

Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro sitzt bei ihrer Tochter zu Hause auf dem Sofa, neben sich eine Katze. (picture alliance / dpa/ Chad Hipolito)
Alice Munro verstand es, auf wenigen Seiten ein ganzes Leben zu entwerfen. (picture alliance / dpa/ Chad Hipolito)

In der Waschküche schrieb sie, auf dem Küchentisch. Eher nebenbei entwickelte sie ihren unverwechselbaren Stil. Als Alice Munro 2013 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde die Entscheidung so einmütig gefeiert wie selten. Jetzt wird Munro 90 Jahre alt.

Auf dem kanadischen International Festival of Authors berichtete Alice Munro im Oktober 2006:

"Ich wusste, dass ich schreiben würde, ich musste einfach. Ich erinnere mich an Hans Christian Andersens 'Kleine Meerjungfrau' und an das traurige Ende. Und als ich zu diesem traurigen Ende kam, war ich entsetzt und gab es auf. Ich ging raus, lief ums Haus und überlegte mir ein Happy End: Sie bekommt den Prinzen. Sie muss nicht ins Meer zurück. Ich glaube, das war der Anfang meiner literarischen Karriere. Ich wusste, ich musste etwas mit dem Leben machen, das mich umgab. Ich kann mich nicht erinnern, mir irgendwann keine Geschichten ausgedacht zu haben. Ich glaube nicht, dass ich das wirklich 'Schreiben' nannte."

Alice Munro wurde am 10. Juli 1931 im Süden Kanadas geboren, in Wing­ham, Ontario. Ihre Kindheit verbringt sie auf einer Silberfuchs-Farm. Sie wächst unter ärmlichen Bedingungen mit zwei jüngeren Ge­schwistern auf. Als sie zwölf Jahre alt ist, erkrankt ihre Mutter an Parkinson. Alice Munro ist begabt. Sie schafft es aufs College, bekommt ein Stipendium, das jedoch nicht bis zum Studienabschluss reicht. Sie heiratet, wird mit 22 zum ersten Mal Mutter.

Geschichten, die den Blick in den Abgrund freigeben

Sie schreibt Kurzgeschichten. Sie ist das, was man "Kitchenwriter" nennt, das heißt, sie schrieb in der Waschküche und auf dem Küchentisch, neben der Hausarbeit. Eine Zeit lang quält sie sich mit einem Roman herum, weil sie meint, der mache erst die richtige Schriftstellerin aus. Später sagt sie, sie habe nie Zeit gehabt für "große Würfe". Sie wird eine Meisterin der kleinen Form, der "short story", entwickelt einen unver­wechsel­ba­ren, höchst kunstvollen Stil der Zeitverschiebungen, der Menschen- und Lebens­be­trachtungen.

Ihren ersten Erzählungsband veröffentlicht sie 1968: "Tanz der seligen Geister". Sie ist 37 Jahre alt. Sie ge­winnt mit diesem Buch sofort einen wichtigen kanadischen Litera­turpreis. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Töchtern in Victoria. Dort führt das Ehe­paar gemeinsam einen Buch­laden. 1973 trennt sich Alice Munro von ihrem Mann. Viele Ehen, so wird sie sich später erinnern, gingen in diesen Jahren auseinander. Die Verhältnisse änderten sich, die Frauen wurden mutiger, die sexuel­­le Revolution hinterließ Spuren.

Gefragt, wie sich das Schreiben mit dem Alter verändert habe, hat sie geantwortet: Als Kind habe sie über Prinzessinnen geschrieben, als junge Autorin über junge Frauen und ihre Kinder und dann eben übers Altern, über ältere und alte Menschen. Die Themen der Alice Munro waren immer die, die unser Leben bestimmen: Familie, Kinder, Liebe und Ehe, das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern und Freundinnen, Alter und Sex, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Momente, die für immer nachklingen

Und es geht in den Geschichten von Alice Munro immer wieder um die­ Frage, was in Erinnerung bleibt. Wie funktioniert das Gedächtnis, warum bleiben nicht allein die großen Momente in der Rückschau wichtig, sondern kurze Augenblicke der Verwirrung, nebenbei gesprochene Sätze, die für immer nachklingen? Eine Anekdote, die der Vater gern erzählte, die eindeutig zu sein schien und sich nach seinem Tod plötzlich ganz anders darstellt, der wortlose Ab­schied von einer Kinderliebe, der als Schmerz Jahrzehnte später immer noch spürbar ist.

Die Autorin be­herrscht es meisterhaft, ein ganzes Leben auf wenigen Seiten zu ent­wer­fen – die Auf­­­­brüche, die Sehnsüchte, die Le­benslügen und am Ende manchmal die Ein­sicht, dass alles schiefgelaufen und nicht mehr zu ändern ist, oder auch das seltene Glück, dass sich alles an­ders und besser ent­wickelte als erwartet. Das Unglück und das Glück scheinen in der Rück­schau gleichermaßen banal.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Ihre deutsche Übersetzerin Heidi Zerning hat ihre Faszination für die Munrosche Literatur einmal so erklärt: "Diese Geschichten, die scheinbar im normalen Alltag spielen, geben aber oft den Blick in einen Abgrund frei, der sich in den Geschichten plötzlich auftut. Das macht, glaube ich, das Ungewöhnliche daran aus."

Der Literaturnobelpreis 2013 kam spät. Ihr Name war schon lange vorher auf jeder Kandidatenliste erschienen. Mit der Auszeichnung wurde sie berühmt und zu einer viel gelesenen Schriftstellerin. Aber der Preis markiert auch das Ende ihres Schreibens. Der letzte veröffentlichte Band "Liebes Leben" enthält einen autobiografischen Teil, der "Finale" überschrieben ist. Sie habe, so hatte sie nach dem Erscheinen gesagt, keine Kraft mehr zum Schreiben.

Erschienen anlässlich des 90. Geburtstags: Alice Munro "Ferne Verabredungen"
Mit einem Nachwort von Manuela Reichart. 
Taschenbuchausgabe einer Sammlung ihrer schönsten Erzählungen, 13 Euro.

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