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Interview | Beitrag vom 16.07.2020

ZukunftsforschungDer Mensch als Architekt der Welt von morgen

Lucian Hölscher im Gespräch Dieter Kassel

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Viele Zukunftsvisionen spielen auf fernen Planeten im Weltall. (picture alliance / Bildagentur-online / Blend Images)
Viele Zukunftsvisionen spielen auf fernen Planeten im Weltall. (picture alliance / Bildagentur-online / Blend Images)

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Doch das hindert uns nicht daran, sie zu entwerfen. Derzeit gebe es eine besonders intensive Beschäftgung mit Zukunftsfragen, sagt der Historiker Lucian Hölscher.

Der Historiker Lucian Hölscher sieht die Menschheit in einer "neuen Intensivphase der Zukunftsbeschäftigung". "Das hängt mit den großen Gefahren zusammen, die wir in den letzten Jahrzehnten reflektieren mussten, von der Klimakatastrophe bis zu den Atomreaktoren, die unsicher waren", sagt er.

Die Überwindung von großen Gefahren setze immer neue Reflexionen frei. Er glaube, dass von den heutigen Ideen und Entwürfen einiges übrig bleiben werde, betont der Historiker.

Lucian Hölscher ist Historiker und Zukunftsforscher. Er war Professor an der Ruhr-Universität Bochum und hatte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2014 einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte. (Katja Marquard, RUB)Lucian Hölscher ist Historiker und Zukunftsforscher. (Katja Marquard, RUB)

"Dass wir über Zukünfte reden, ist relativ neu", sagt Hölscher. Erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts werde "systematisch" über die Zukunft nachgedacht. So habe ein großer Konzern wie die AEG damals eine ganze Abteilung aufgebaut, die sich mit langfristigen Zukunftsentwürfen beschäftigte - zum Beispiel mit der Frage, ob man einen Blitz in Elektrizität umwandeln kann. Hier sei also ein ganz pragmatischer und kein utopischer Ansatz verfolgt worden.

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Auch heute noch gehe die Zukunftsforschung sehr konkret vor. Die Entwicklung von Zukunftsszenarien sei zudem ein Mittel der Politik geworden.

Unser Zukunftsbegriff verändert sich

Grundsätzlich sei Zukunft ein metaphysisches Konzept: "Was die Zukunft sein wird, wissen wir nicht." Und unsere Vorstellungen von der Zukunft sind auch nicht starr, sondern verändern sich: "Der alte Zukunftsbegriff ging von einer objektiven Zukunft aus, der neue Zukunftsbegriff hebt mehr auf die Entwürfe ab, die subjektive Seite."

Lucian Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
371 Seiten, 28,90 Euro

Anfang September 2020 erscheint Hölschers neues Buch "Zeitgärten - Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit", ebenfalls im Wallstein Verlag. 

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