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Lesart | Beitrag vom 31.08.2019

Zukunftsforscher Matthias Horx"Die Welt wird nicht untergehen, dazu hat sie kein Talent"

Moderation: Christian Rabhansl

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Ein Roboter spielt auf einem Keyboard. (Unsplash/ Franck V.)
Zukunftsmusik hat ihre eigene Melodie. (Unsplash/ Franck V.)

Die Zukunft ist ein Möglichkeitsraum: Das sagt der Trendforscher Matthias Horx, der seit 25 Jahren beobachtet, wie sich Zukunftsdiskurse entwickeln. In seinem neuen Buch stellt er fünfzehneinhalb Regeln dafür auf, wie es sich visionär leben lässt.

Viele aktuelle Entwicklungen können verunsichern: Supermächte, digitale Systeme, die keiner mehr begreift, Verschwörungstheorien, die vermehrt um sich greifen. Wie lässt sich bei all dem in die Zukunft blicken? In jedem Falle neugierig und offen, und damit man das hinbekommt, möchte uns der Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx mit seinem neuen Buch dazu auf die Sprünge helfen. Es heißt "Fünfzehneinhalb Regeln für die Zukunft: Anleitung zum visionären Leben".

Christian Rabhansl: Es ist ja ein ziemlich weit verbreitetes Schreckensszenario, dass es dann irgendwie so eine übermächtige künstliche Intelligenz geben wird, die uns Menschen zum Fehler im System degradiert. In Ihrem aktuellen Buch – das ist gestern erschienen, und das trägt den Titel "Fünfzehneinhalb Regeln für die Zukunft" –, in diesem Buch, da kommen solche Warnungen gar nicht gut weg. Eine dieser Regeln, die lautet nämlich: Vertraue auf natürliche Intelligenz, statt dich vor künstlicher Intelligenz zu fürchten. Was heißt das denn?

Matthias Horx: Ich glaube, das nach ungefähr 25 Jahren Zukunftsforschung ein bisschen beurteilen zu können, wie sich Zukunftsdiskurse entwickeln, und die künstliche Intelligenz ist ja momentan so etwas geworden wie das Narrativ generell, also ein Märchen, das wir uns selber erzählen, ein Angstmärchen. Das gibt es ja übrigens in allen Gesellschaften und in allen Kulturformen. Das gehört einfach zum menschlichen Leben dazu.

Also es wird eine Gefahr gesehen, imaginiert, und die wird in eine gigantische Form aufgeblasen, und das hat natürlich ganz viel auch mit unserer Aufmerksamkeitskultur zu tun. Wenn Sie mit differenzierten, prognostischen Systemen arbeiten, haben Sie da meistens kein Gehör dafür, sondern die klaren Schreckensgeschichten werden ja auch gespeist von Science-Fiction-Filmen, die gewinnen immer. Das ist nur nicht unsere Zukunft.

Das ist nur sehr schwer klarzumachen, dass natürlich diese Märchen nie unsere Zukunft abbilden, sondern sie sind immer Hypes, kann man sagen. Die künstliche Intelligenz ist momentan das Gegenwartsmärchen, was wir uns besonders um die Ohren hauen.

"Künstliche Intelligenz" beruht auf einem Kategorienfehler

Rabhansl: Das fängt schon damit an, dass Sie schreiben, allein der Begriff der künstlichen Intelligenz sei ein Missverständnis.

Horx: Ja, diesen Begriff Intelligenz müsste man natürlich definieren. Wenn Sie künstlich und Intelligenz zusammenbasteln, dann erleiden Sie einen sogenannten Kategorienfehler. Luhmann hat mal gesagt, die meisten Irrtümer über die Welt entstehen durch Kategorienfehler, wenn zum Beispiel ein Bauer versucht, Bratkartoffeln anzubauen. Also künstlich und Intelligenz geht eigentlich gar nicht, weil Intelligenz ist im Grunde genommen ans Menschliche gebunden.

Hier ist oft dann die Rede von einer Intelligenzform, die problemlösend ist, das können Algorithmen natürlich zum Teil in der Tat, aber Intelligenz im Menschen wird ja heute viel weiter definiert. Es gibt ja so was wie emotionale Intelligenz, wie soziale Intelligenz, wie Gefühlsintelligenz. Da gibt es ja eine lange Debatte, was menschliche Intelligenz eigentlich ausmacht.

Der Unternehmensberater und selbsternannte "Trend- und Zukunftsforscher", Matthias Horx, schaut während des Future Expert Day in Berlin für ein Porträt in die Kamera.  (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)Science Fiction erzählt uns Märchen, die nie eintreffen werden, sagt Matthias Horx. (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)

Die Maschinen werden natürlich einen Teil davon abbilden können, also ich selber fahre in einem Auto, was schon halbautomatisch fährt, das fährt dann unter Umständen sogar besser als ich, und sie können vielleicht auch Schach spielen, aber das sagt ja mehr über das Schachspielen aus. Das ist eigentlich auch eine höhere Form der Mathematik. Wir verwechseln das.

Intelligenz hat natürlich ganz viel mit Gefühlen zu tun. Also das menschliche Hirn ist ja deshalb so interessant und auch so einmalig, weil es auch über die körperlichen Dimensionen mit Fleisch, mit Sterblichkeit, mit Emotion verbunden ist. Das sind ja ganz wichtige Dimensionen unseres Lebens. Das wird eben verwechselt in dieser Fantasie, also mit den Robotern, die aus der Zukunft auf uns eindreschen.

Vor Future-Bullshit hüten

Rabhansl: Trotzdem ist es ja nun so, dass es natürlich wesentlich besser klingt, von einer künstlichen Intelligenz zu reden als zu sagen, da haben wir ein computergestütztes System, das massenhaft Daten auswertet und daraus statistische Wahrscheinlichkeiten erstellt. In Ihrem ersten Kapitel, da warnen Sie gleich, wir sollen uns vor Future-Bullshit hüten. Ist so ein Begriff typischer Future-Bullshit?

Horx: Ja, der Diskurs drumrum. Also ich gehe ja praktisch auf alle Konferenzen über die Zukunft, die man sich vorstellen, seit vielen Jahren, und da kann man erleben, dass es eigentlich nur noch zwei Diskurse gibt: nämlich technische Erlösungsdiskurse, also da stehen dann so die Gurus der künstlichen Intelligenz und sagen uns, alles wird geregelt, die Staus werden sich auflösen, wir werden den Menschen unsterblich machen, und da hängen natürlich alle an den Lippen, das ist so der moderne technizistische Gottesdienst.

Dann ist der große Bereich, der natürlich noch stärker gewachsen ist, das ist die Apokalypse in all ihren Formen, der Weltuntergang. Das erregt unser letzten Endes natürlich immer noch Jäger-und-Sammler-Hirn, unser Angsthirn in einer unglaublichen Art und Weise, aber es fixiert auch auf solche unterkomplexen Dimensionen von Zukunft.

Die Welt wird nicht untergehen, dazu hat sie eigentlich gar kein Talent, aber dafür sind wir natürlich nicht gemacht, das so zu differenzieren. Das ist ja auch so ein bisschen die Aufgabe des rationalistischen oder rationalen Zukunftsforschers, zu dem ich mich zähle, ein bisschen diese Zukunftserzählungen zu relativieren und auch in eine Reflexion zu bringen. Das versuche ich mit dem Buch. Ich versuche auch zu verstehen, wie funktionieren Zukunftsentwürfe in der Kultur, in der Gesellschaft.

Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend

Rabhansl: Da machen Sie auch sehr klar, man muss aufpassen, dass man zwischen Modellen und Wirklichkeit unterscheidet oder einen grundsätzlichen Fehler nicht macht, von dem Sie schreiben, dass er Ihnen früher auch passiert ist, nämlich einen Trend einfach linear in die Zukunft fortzuschreiben und dann zu glauben, alles geht in die Richtung. Also Sie nennen da so Beispiele wie: Alles wird vernetzt, alles Menschen ziehen in die Metropolen, alle Autos werden autonom fahren, solche sogenannten Megatrends. Ist das auch so ein Bullshit?

Horx: Ja, also in der Tat ist so diese Besoffenheit von Megatrends. Also ich selber bin ja starker Vertreter von Megatrends, man kann sehr gut mit ihnen arbeiten, wenn man sie in ihrer Tiefe versteht, aber eins der wichtigsten Kapitel lautet in dem Buch: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Wir sehen, dass alle großflächigen Trends –, ob es jetzt Individualisierung, Verstädterung ist, ob es Globalisierung ist, Mobilität – natürlich an Sättigungsgrenzen kommen. Also wenn alle mobil sind, stehen alle im Stau, und wenn alles globalisiert ist und in jeder Stadt alle Läden gleich sind, dann fühlen sich die Menschen nicht mehr wohl.

Wir erleben das ja gerade mit Globalisierung. Da gibt es einen klaren Gegentrend momentan, Nationalismus, neuer Nationalismus. Daraus ein Modell zu entwickeln, wie Zukunft wirklich entsteht, nämlich durch so eine Schleifenbildung von Trend, Gegentrend und dann einer höheren Komplexität, das ist, glaube ich, ein ganz interessantes und auch attraktives Modell. Das ist auch so das Kernmodell von dem, was wir in der systemischen Zukunftsforschung machen.

Wie konstruiert das Gehirn Zukunft?

Rabhansl: Da merkt man schon, es gibt nicht nur technische Themen in Ihrem Buch, sondern es geht auch um die ganze Weltbevölkerung, andere Kontinente, um politische Macht. Es geht auch um Ökologie und dergleichen. Wonach haben Sie ausgewählt, was Sie mit hineinpacken? Weil es ist so viel drin, dass Sie für alles immer nur sehr wenig Platz haben.

Horx: Ja, das ist das Dilemma ein bisschen des ganzheitlichen Prognostikers oder der ganzheitlichen Futurologie, dass sie natürlich in Systemen denken, und diese Systeme sind sehr ähnlich innerhalb von verschiedenen Subsystemen von Wirtschaft, von Kultur, von Politik. Der rote Faden in diesem Buch ist eigentlich Psychologie. Also es gibt einen neuen Zweig, wir nennen den auch Neurofuturistik oder Zukunftspsychologie, wo wir versuchen zu verstehen, wie konstruiert das Hirn und auch die Gesellschaft Zukünfte, und wie leitet uns das wiederum an.

Es ist ja so, Visionen haben ja so eine Funktion, dass sie uns nach vorne treiben können, sie können uns auch abschrecken oder in die Irre führen. Da braucht man natürlich diese ganzen Wissenschaften. Man muss ein bisschen was wissen, wie ist der Mensch entstanden. Deshalb ist die Kulturanthropologie wichtig und auch die Neurologie. Das ist in der Tat aber immanent in der Art und Weise, wie wir holistische Zukunftsforschung betreiben, weil wir versuchen, die verschiedenen Wissenschaften und auch Denkweisen miteinander zu vernetzen und auch miteinander zu konfrontieren.

Bullshit hat immer große Aufmerksamkeit

Rabhansl: Bei all den Begriffen, die Sie jetzt schon benutzt haben, wird das sehr deutlich, wie unglaublich viel Sie in dieses Buch hineingesteckt haben. Damit das Ganze lesbar bleibt, arbeiten Sie da mit vielen Zitaten, mit kleinen Grafiken, mit originellen Sätzen. Dadurch ist das sehr unterhaltsam. Ich habe aber nach dieser Mahnung ganz am Anfang des Buches, wir sollten nicht auf Bullshit hereinfallen, manchmal habe ich mich gefragt, ob Sie ein Spielchen mit uns spielen. Da gibt es zum Beispiel eine Illustration, die nennen Sie die Spirale der Zukunft.

Das sind dann zwei Achsen, eine Achse ist die Freiheit, die andere die Komplexität, beide natürlich ohne Maßstäbe eingezeichnet, weil was soll da schon Maßstab sein, und dann dreht sich da so eine etwas eiernde Spirale drumherum, was auch deswegen merkwürdig ist, weil das nur zwei Achsen sind, also nur zwei Dimensionen – wie passt da eine dreidimensionale Spirale rein und so –, und das waren so ein paar Punkte, wo ich mich gefragt habe: Spielen Sie jetzt gerade mit uns das Bullshit-Spielchen, sollen wir da Bullshit rufen?

Buchcover zu "Fünfzehneinhalb Regeln für die Zukunft" von Matthias Horx. (Econ Verlag)"Zukunft entsteht erst durch gelungene Beziehungen", lautet eine von Horx' Regeln für ein visionäres Leben. (Econ Verlag)

Horx: Ja, rufen Sie ruhig, das ist ja ganz in Ordnung, weil Bullshit hat ja immer große Aufmerksamkeit. Um das geht es ja letzten Endes. Aber wenn Sie die Grafik ein bisschen im Kontext betrachten, dann geht es natürlich in der Tat um fundamentale Gesetze von Komplexitätsentwicklung. Also der Mensch ist ja ein komplexes Wesen, entstanden aus einem sehr langen historischen, komplexen Prozess, und dabei geht es immer um diese zwei Achsen des Ichs, der Entwicklung des Seins als Individuum und der der Gruppe, und dazwischen verlaufen die Bewegungen immer in einer Spirale.

Dasselbe gilt auch für ökonomische Prozesse zwischen Rezession und Zusammenbruch und Wiederaufbau. Das ist eigentlich so eine Grundmetapher, die ich versuche als so ein Meme einzusetzen, also als so ein Symbol, mit dem man sich vielleicht ein bisschen orientieren kann.

Vielleicht ist das nicht so gelungen, dass ich Sie damit erreichen konnte, aber es ist natürlich immer der Versuch, auch in einfachen Grafiken ein bisschen zu erklären, was man meint, weil ich zwar ziemlich intellektuell bin, aber eigentlich versuche ich, das Akademische ein bisschen auch aufzulösen. Aber solche Kurven gibt es natürlich bei den Systemforschern – und davon gibt es ja auch eine ganze Menge im akademischen Bereich –, und die sehen eigentlich sehr ähnlich aus.

Projizierte Zukunft erklärt, wie es uns geht

Rabhansl: Also Ihr Anliegen ist ganz offensichtlich, die Sachen ja auch schön kompakt unterzubringen, deswegen auch diese fünfzehneinhalb Regeln für die Zukunft. Das sind solche Regeln wie: Ich habe das mit dem Bullshit genannt, aber auch "Verwechsel dich nicht mit deiner Angst" oder "Zukunft entsteht erst durch gelungene Beziehungen" oder "Schließe Frieden mit der Ungleichheit in der Welt". Die können wir jetzt nicht alle durchgehen, aber wenn Sie so ein Meister der Komprimierung sind, als abschließenden Satz: Was ist der eine zentrale Satz aus Ihrem Buch?

Horx: Der Satz ist im Grunde genommen, dass die Zukunft ein Möglichkeitsraum ist, mit dem wir in Beziehung treten können und nicht eine fixierte Größe. Also wir neigen dazu, die Zukunft uns vorzustellen als irgend so einen Film, wo dann irgendein Raumschiff durch die Gegend eiert oder eine künstliche Intelligenz uns frisst, aber hier geht es darum, wie können wir in Beziehung zu unserer auch inneren Zukunft kommen.

Also die Zukunft, die wir nach außen projizieren, das bildet auch immer ab, wie es uns geht. Das ist so diese Doppelacht, diese Schleife nach innen und nach außen. Da versuche ich einfach die Menschen drauf hinzuweisen, dass das nicht aus einem luftleeren Raum kommt, sondern dass wir es letzten Endes sind, die Zukunft konstruieren und dann auch produzieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Matthias Horx: "15½ Regeln für die Zukunft. Anleitung zum visionären Leben"
Econ 2019
250 Seiten, 19,99 Euro

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