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Lesart | Beitrag vom 10.01.2020

Zsuzsanna Gahse: "Schon bald"Abschiedsbilder und Gefühle des Aufbruchs

Von Manuela Reichart

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Buchcover "Schon Bald" von Zsuzsanna Gahse vor einem grafischen Hintergrund (Edition Korrespondenzen)
"Wir ziehen aus", heißt es in "Schon bald" von Zsuzsanna Gahse. (Edition Korrespondenzen)

Was bleibt, wenn man sein bisheriges Leben hinter sich lässt? Was will man aus diesem Dasein überhaupt behalten? Sprachmächtig erzählt Zsuzsanna Gahse in "Schon bald" von einem älteren Paar, das nach langer Zeit die angestammte Wohnung räumt.

Eine fantastisch-realistische Geschichte über Abschied und Erinnerung, Trennungen und Neubeginn: "Das alte Gebäude hat dreihundertfünfzig Jahre auf dem Buckel, und wir ziehen aus." Hinter diesem "wir" verbirgt sich ein älteres Paar: Sie schreibt, er ist Künstler oder wenigstens Lebenskünstler.

Ob die beiden ausziehen müssen, weil ihnen gekündigt wurde, oder ob sie freiwillig die Drei-Zimmer-Wohnung verlassen, das "bleibt offen". In jedem Fall müssen sie nun ausräumen und wegwerfen, es geht um "Entschlankung" und "Entkramung", um Geschichten und Träume, Pläne und Fantasien.

Die Erzählerin sitzt in den sich langsam leerenden Räumen, sie beobachtet ihren Mann, der notiert: "Erst räume ich den Schreibtisch auf, dann die Schubladen, dann die Hängeregister, und nachher sehe ich weiter." Um dieses "Weitersehen" geht es nicht zuletzt. Wie sehen die Räume ohne Möbel aus, was muss, was will man behalten, woran hängt das Herz? Was braucht man noch von den Dingen, die im alten Nussbaumschrank liegen, etwa von den Hundeutensilien, die später wieder nützlich sein könnten? Nur leider gibt es keinen Hund mehr.

Besondere Sammelwut

Was braucht man überhaupt noch von all den Gegenständen, mit denen man so lange gelebt hat? Die Bücher werden in Kisten verpackt, das Geschirr nehmen Freunde mit, der Tisch geht an eine traurige Bekannte. Und die Briefe und Tagebücher und Notizen? "Die alten Notizen werfe ich weg und schreibe neue."

Zsuzsanna Gahse entwirft auf wunderbare Weise Abschiedsbilder und Aufbruchsgefühle. Sie lässt ihr Paar "Rückzug, trübe Hochzeitstage, dann Ehekrach" spielen. Sie stellt sich vor, eine vierköpfige Familie zöge zu ihnen in die sich leerenden Räume. Sie erinnert sich an alte Freunde, die eine ähnliche Wohnung vor vielen Jahren bewohnt hatten und die eine besondere Sammelwut auszeichnete.

Wenn der Vorhang aufgeht

Es gibt surreale Momente in diesem Band, der sich einer literarischen Gattungsbezeichnung entzieht, und sehr komische, wenn eine Freundin etwa fragt, ob Listen wirklich unerotisch seien. Vor allem aber gibt es in der Dramaturgie des Bandes, der aus fünf Kapiteln und einer Zeichnung besteht, eine eindeutige Zielgerade, denn am Ende wird die leere Wohnung zum Theater. Vorher schon gab es Ideen für die ausgeräumten Zimmer: eine Tanzschule, eine Galerie wären möglich.

Am Ende wird aber alles bereitet für eine Theateraufführung. Freunde werden spielen, einmal nimmt die Erzählerin an einer Probe übers Telefon teil, es kommt ein junger Schauspieler vorbei, der selbstbezüglichen Unsinn erzählt und abgelehnt wird, es gibt viel zu viel Text und viele gute Ideen. Und weil der literarische Ort dieser sprachmächtigen Autorin die flirrende Fantasie ist, endet das Buch, wenn der Vorhang aufgeht, genauer gesagt: Wenn er zur Seite gezogen wird.

Zsuzsanna Gahse: "Schon bald"
Edition Korrespondenzen, Wien 2019
148 Seiten, 20 Euro

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