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Länderreport | Beitrag vom 05.06.2019

Zoff in Berlin-KreuzbergWo Linke für einen Discounter kämpfen

Von Manfred Götzke

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Eine Frau hält ein Schild hoch, auf dem steht: "Omi braucht Aldi". (imago images / Carsten Thesing)
In Berlin-Kreuzberg demonstrieren Anwohner für den Verbleib des Aldi-Markts in der Markthalle. (imago images / Carsten Thesing)

In Berlin-Kreuzberg gibt es Ärger: Der Aldi in der Markthalle Neun soll schließen. Das passt den Anwohnern gar nicht und sie protestieren, eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. Die Angst: "Erst muss der Aldi weg, dann werden wir verdrängt."

Ein sonniger Nachmittag in der Pücklerstraße in Kreuzberg. Es geht auf fünf Uhr zu und auf den Bierbänken vor dem Späti "Süße Ecke" sitzen ein paar Rentner bei Kaffee, ersten Bierchen und quatschen. Einige haben volle Aldi-Tüten unter dem Tisch geparkt, sie kommen vom Einkaufen in der "Markthalle Neun", gleich nebenan:

"Ich komme gerade von dort. Ich geh jeden Tag da hin. Ein, zwei Mal. Wir brauchen den, wir sind alte Leute."

Mitten in der Gründerzeithalle aus dem 19. Jahrhundert befindet sich neben Ständen mit Tapas, edlem Biobrot oder Wurst vom Hipster-Metzger "Kumpel und Keule" eine Filiale des großen deutschen Discounters – seit 1977. Für das Rentner-Grüppchen der einzige Grund, überhaupt noch in die Markthalle zu kommen:

"Die anderen Angebote in der Markthalle, die sind nicht für unsereins, die sind für 'ne ganz andere Klientel. Das ist was für Leute mit einem sehr viel höherem Einkommen."

Anwohner demonstrieren für Erhalt des Discounters

Geht es nach den aktuellen Betreibern der Halle, soll der Aldi raus. Sie haben dem Discounter zum 31. Juli gekündigt. Als das vor einigen Monaten bekannt wurde, formierte sich im Kiez massiver Widerstand. Denn vor allem für die älteren Menschen hier ist der Aldi die letzte Möglichkeit, noch selbstständig einzukaufen, erzählt der 73-jährige Reinhard Ginthard, während er sich in seinem Rollstuhl an einen der Tische schiebt:

"Das wäre katastrophal, wenn der weg wäre. Wir sind ja alle nicht mehr gut zu Fuß, das ist der einzige Laden, der gut erreichbar ist noch. Wenn der weg ist, dann ist nur noch Lidl da hinten. Das ist urweit weg."

"Auch wenn es nur ein paar 100 Meter sind?", fragt der Reporter.
"Ja, aber es sind die entscheidenden paar 100 Meter."

Ende März demonstrierten sie mit 300 anderen Anwohnern für den Verbleib des Discounters. Das alternative Kreuzberg kämpft jetzt also für einen Milliardenkonzern: "Omi braucht Aldi!", "Kiez-Markthalle statt Luxus-Food-Halle", stand damals auf den Flyern, erzählt Helmut Hamm in seinem Filmplakate-Laden direkt gegenüber der Halle.

"Das Preisniveau ist zu hoch"

"Also, wir kommen hier als linke Aldi-Retter rüber. Das ist überhaupt nicht das, worum es geht. Das ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Unser Problem mit der Markthalle ist, dass das hier ein Touristenbespaßungsort geworden ist. Das von dem Angebot auf dem Markt, den es eh nur zwei Tage die Woche gibt, dass ganz viel davon Blödsinn für Besserverdiener ist. Dass das Preisniveau generell zu hoch ist."

Der Aldi Markt in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. (imago images / Schöning)Der Aldi Markt in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg soll schließen. (imago images / Schöning)

Hamm hat eigens eine Anwohner-Initiative gegründet, die für eine "Halle für Alle" kämpft. Schließlich seien mehr als 20 Prozent der Einwohner im Kiez von Sozialleistungen abhängig. Viele fürchten: Erst muss der Aldi weichen, dann wir.

"Man hat jetzt schon das Gefühl, dass man endgültig rausgedrängt wird. Dass man unerwünscht ist. Das ist schon das Hauptproblem."  

Zwischen Bio-Smoothie-Stand und italienischem Bäcker sitzt Florian Niedermeier auf einer Bierbank in der Halle, nippt an seinem Kräutertee. Niedermeier ist einer der drei Betreiber der Markthalle Neun. 2011 haben sie sie vom Land Berlin übernommen:

"Unser Ziel war von Anfang an eine Markthalle mit kleinteiligen Strukturen wiederzubeleben. Und gleichzeitig haben wir das Ganze auch als Experiment betrachtet. Ein Markt ist immer eine offene, lebendige Plattform: Welches Angebot kommt und kann überleben – und welches Angebot kann nicht überleben."

Die Angst vor der Gentrifizierung

Und der Aldi macht einigen Händlern das Überleben offenbar schwer. Niedermeier und seine Kollegen wollen den Discounter schon seit Jahren durch einen DM-Drogeriemarkt ersetzen. Der würde das Sortiment besser ergänzen.

Dass die Anwohner das derart auf die Palme treibt, damit hat er nicht wirklich gerechnet, erzählt Niedermeier. Schließlich sei 500 Meter weiter doch der Nächste Discounter.

"Was wir feststellen ist, dass es durchaus Leute in allen Einkommensklassen gibt, die hier einkaufen. Es ist natürlich eine Entscheidung, wofür man sein Geld ausgibt. Es gibt günstige Dinge auf dem Markt, es gibt auch teure Dinge auf dem Markt. Aber generell ist es so, dass die Lebensmittel, die in kleineren Strukturen hier hergestellt und angeboten werden, in der Regel teurer sind als die Lebensmittel beim Discounter. Die Discounter-Lebensmittel sind meines Erachtens zu billig."

Dass er mit seinem Markt die Gentrifzierung vorantreibe, das weist er jedenfalls von sich:

"Dafür sind wir viel zu klein. Im Moment, wo man den Aldi rausnimmt, ist man jetzt kurzzeitig der Böse. Aber ich bin guter Hoffnung, dass wir das wieder auf ´ne Ebene zurückführen, wo wir wieder diskutieren können. Da würde ich auch nichts ausschließen wollen."

Politikum Aldi-Markt

Mittlerweile ist der Aldi-Markt in der Markthalle zum Politikum geworden. Die Linke im Bezirk kämpft Seit an Seit mit den Anwohnern für den Aldi-Verbleib. Die Grüne Bezirksbürgermeisterin hat eigens Mediatoren engagiert, die nun vermitteln sollen. Ende der Woche soll ein Runder Tisch starten.

Draußen vor der "Süßen Ecke" zündet sich Rentnerin Hannelore Biereda eine neue Zigarette an. Sie mischt in der Anwohner-Initiative mit und freut sich schon auf den Runden Tisch. Schon jetzt will sie erfahren haben, dass die Kündigung für Aldi auf Eis gelegt werden soll.

"Erst mal ist es jetzt auf Eis gelegt. Das ist doch schon mal ein Erfolg, wie es nachher weiter geht, wissen wir noch nicht, aber wir werden weiter dran bleiben!"

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