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Lesart | Beitrag vom 22.06.2020

Zoë Beck über ihren Roman "Paradise City"Deutschland nach mehreren großen Pandemien

Moderation: Frank Meyer

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Symbolbild: Ein großes Auge überwacht eine Frau in der Stadt bei Nacht. Die Frau ist mit ihrem Smartphone beschäftigt, im Hintergrund ist eine Wohnhochhaussiedlung zu sehen.  (imago images / Ikon Images / Dan Mitchell)
Eine Gesundheitsapp überwacht die deutsche Gesellschaft im Buch von Zoë Beck. (imago images / Ikon Images / Dan Mitchell)

Ein nach Seuchen stark entvölkertes Land und eine durch strikten Gesundheitsschutz gesteuerte Gesellschaft: Deutschlands Zukunft im neuen Roman der Autorin Zoë Beck. Dass es tatsächlich in einer Pandemiesituation erscheint, habe sie erschreckt, so Beck.

In Deutschland ist es heiß, die Küsten wurden überschwemmt, nach großen Pandemien sind weite Teile des Landes entvölkert. Die Stadt Berlin ist nur noch eine Kulisse für Geschichtstouristen, die Regierung ist nach Frankfurt am Main umgezogen, in eine Megacity mit zehn Millionen Einwohnern. So sieht die Zukunft aus – zumindest im neuen Roman "Paradise City" von Zoë Beck, die neben ihrer Tätigkeit als Autorin auch Verlegerin und Übersetzerin ist. Zusammen mit Jan Carsten betreibt sie den Verlag "culturBooks".

In Zoë Becks Buch ist etwa von einer großen Masern-Pandemie die Rede, an der viele Menschen gestorben sind. Dass aber jetzt zum Erscheinen des Buchs in Deutschland tatsächlich die Corona-Pandemie im Gange ist, sei natürlich überraschend gewesen, sagt Beck. Als der Lockdown in Deutschland durchgesetzt wurde, war das Buch längst abgeschlossen. "Ich habe Anfang Januar schon gehört, dass da was unterwegs ist", erklärt Beck. Auch 2018, als sie die Idee zum Buch gehabt habe, sei die aktuelle Situation nicht absehbar gewesen. Damals hätten lediglich manche Experten immer mal gesagt: "Irgendwann kommt was."

"Was habe ich getan, worüber habe ich geschrieben?"

Sie habe "schon ein sehr absurdes Gefühl", sagt Beck. Denn gerade hat sie einen recht düsteren, dystopischen Roman über eine Gesellschaft mit strikter Gesundheitsüberwachung geschrieben, die stark von Maßnahmen für den Gesundheitsschutz dirigiert wird – und dann kommt die Coronasituation mit Lockdown und Abstandsregeln. Als es soweit war, Mitte März, habe sie sich schon gefragt: "Was habe ich getan, worüber habe ich geschrieben?" und sich ein bisschen gefragt, ob sie in eine Fernsehserie geraten sei wie "Versteckte Kamera". "Das hat mich schon alles auch, ehrlich gesagt, ein bisschen mitgenommen."

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Im Kern geht es in dem Buch um Gesundheit: Wie weit gehen Menschen, um Krankheiten zu verhindern oder auch, um Abweichungen von einer als "gesund" definierten Norm zu verhindern. Zum Beispiel: zu verhindern, dass Menschen mit Trisomie 21 geboren werden.

Zu diesem Thema sei sie über den Entwurf der Gesundheitsapp für die Gesellschaft in ihrem Roman gekommen, sagt Beck. "Die, die diesen Gesundheitsapp-Entwurf dann hatten, sind von etwas ausgegangen, was sie für normal halten." Da habe sie hinterfragt: "Was halten wir eigentlich für normal? Ist das normal, was wir für normal halten? Warum denken wir so?"

Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Menschen

Bei dieser "Norm" gehe es in erster Linie um Wirtschaftlichkeit, also die Frage, welche Personen wirtschaftlich sind. "Und Personen, die nicht einer gewissen Norm entsprechen, die mehr Aufmerksamkeit brauchen oder die nicht auf eine Art arbeiten können oder etwas zur Gesellschaft beitragen können, die sind natürlich nicht besonders wirtschaftlich." Da stelle sich in dieser Logik die Frage: "Warum soll man sich damit belasten?"

Neben ihren Tätigkeiten als Autorin, Verlegerin und Übersetzerin ist Zoë Beck in der Buchwelt sehr engagiert, beispielsweise bei Verlagen gegen Rechts oder den Initiativen "Herland" und "Bücherfrauen", die sich der Stärkung von Frauen in der Buchbranche verschrieben haben. Außerdem beim PEN-Zentrum und beim Verein Litprom, der Lobbyarbeit für Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt macht. Sie mache das, weil sie der Meinung sei, dass diese Anliegen gesellschaftspolitisch wichtig seien. Diese Themen interessierten sie auch privat. Und: "Ich glaube, gesellschaftspolitisches Engagement gehört dazu."

(abr)

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