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Lesart | Beitrag vom 04.07.2020

Zeitreise, Verschwörungen - und PandemienDie besten Bücher für den Sommer 2020

Moderation: Christian Rabhansl

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Eine Person liegt vor dem Meer am Strand und liest ein Buch (Unsplash/Dan Dumitriu)
Ein gutes Buch im Gepäck, passend zu diesem Sommer - und dann nichts wie ab an den Strand: Mit unseren Tipps wird jeder Leseurlaub zum Abenteuer. (Unsplash/Dan Dumitriu)

Ob Urlaub, Park oder Balkon: Welche Bücher sollten Sie unbedingt dabei haben? Unsere Lesetipps handeln von Verschwörungen, vom Widerstand, von einer Luftfahrtpionierin und von der Pest. Sie passen perfekt zu diesem besonderen Sommer.

Sie haben die ewigen Virologen-Podcasts satt, können die neusten Coronastatistiken nicht mehr hören und sind aber trotzdem neugierig auf die sozialen Folgen von Epidemien? Dann ist ein Ausflug in die Geschichte genau das richtige, findet Maike Albath. Sie empfiehlt die schön gestaltete Neuausgabe des Klassikers "Die Pest in London" von Daniel Defoe:

"Defoe lässt einen Unternehmer durch die Metropole streifen, der abwechselnd erschüttert, mitleidig und verblüfft beobachtet, wie die Londoner auf die Seuche reagieren. Der europaweit gefeierte Verfasser des Abenteuerromans "Robinson Crusoe" schreibt 1720 aus einem konkreten Anlass über die fatale Londoner Epidemie von 1665, denn gerade war auf dem Festland ein Ausbruch zu verzeichnen, und er wollte die behördlichen Anordnungen unterstützen. Es gab Hygieneregeln und Eindämmungsversuche – aber auch folgenreiche Regelbrüche. Jede Menge Scharlatane trieben ihr Unwesen, wer es sich leisten konnte, verließ die Stadt. 1722 erstmals erschienen, bietet die Chronik einen faszinierenden Einblick in das, was Seuchen für ein Gesellschaftsgefüge bedeuten. Ein Buch von bezwingender Aktualität."

Daniel Defoe: "Die Pest in London"
Jung und Jung, Neuauflage Mai 2020
386 Seiten, 25 Euro


Für Wiebke Porombka ist "Nelly B.s Herz" der ideale Sommerroman im Pandemiesommer, weil das Buch "in gewisser Weise ein Zeitreiseroman" sei:

"Aris Fioretis ist ein ganz exzellenter Kenner der Weimarer Republik. Zugleich ist es aber ein Roman, der ganz und gar gegenwärtig ist, er verhandelt nämlich ganz viele Themen und Diskurse, die für uns heute auch noch wichtig sind – Körperbilder, Geschlechtszuschreibungen oder die Frage, wie sehr uns Technik hilft – oder uns einspannt und gefügig macht."

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Im Zentrum steht Nelly B., die sich als Pionierin der Luftfahrt in einer Männerwelt behaupten muss. Der Roman changiere immer zwischen Leichtigkeit und Tragik, lobt Porombka: "Auf der einen Seite eine wirklich versehrte Frau, die mit den Schikanen einer Männerwelt umgehen muss – auf der anderen Seite das Fliegen, der Rausch, der Ausbruch aus dieser Gesellschaft. Das Gleichgewicht zu halten, das ist sehr schwierig. Davon erzählt dieser Roman. Es ist das Prinzip des Tragischen, dass es am Ende keine Erlösung gibt. Aber in der Literatur ist das Schöne, dass es immer das ‚Wie‘ gibt. Also: Wie wird erzählt. Dieses ‚Wie‘ ist es, das in diesem Roman die ganze Geschichte zum Schweben bringt."

Aris Fioretos: "Nelly B.s Herz"
Hanser Verlag
336 Seiten, 24 Euro


Ein 2000-Seiten-Roman über den deutschen Widerstand gegen Hitler? Florian Felix Weyh hat acht Jahre und die Entschleunigung der Coronapandemie gebraucht, um dieses 2012 erschienene Buch endlich zu lesen – und ist begeistert:

"Es geht um den Widerstand in einer Totalität und perspektivischen Gesamtschau, wie ich das nie zuvor gelesen habe. Hunderte von Figuren treten auf, alle historisch belegt. Dieses Buch handelt von dem humanistischen Ideal, das diese Menschen in der Hoffnung stark und handlungsfähig gemacht hat, dass sich das von ihnen vorgelebte humanistische Ideal irgendwann, durchaus auch nach dem eigenen Opfertod durchsetzt. Wenn man so will: Es geht um die Verzweifelten und Aufrechten, nur sehr wenige von ihnen überlebten das Terrorregime. Das Zitat von Theodor Haecker, einem katholischen Philosophen: ‚Ich habe nicht die Macht zu verhindern, dass das Gesindel die Welt regiert, aber gegen eines kann ich mich (…) wehren, (…) dass mir nämlich das Gesindel die Welt erklärt.‘ Dieses Zitat macht deutlich, wie zeitlos aktuell das Thema ist: Lassen wir uns um Himmelswillen die Welt nicht vom Gesindel mit seiner Gesindelgesinnung erklären. Das muss man lesen, wirklich! Und zwar jeder!"

Sabine Friedrich: "Wer wir sind"
dtv
2032 Seiten, 29.90 Euro


Kim Kindermann empfiehlt für die Sommerferien zwei Bücher im Doppelpack: ein Sachbuch der britischen Psychotherapeutin Philippa Perry und ein Jugendbuch der US-amerikanischen Schriftstellerin Wendelin Van Draanen.

"Beide Bücher handeln davon, was schiefgehen kann in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Das tut manchmal ein bisschen weh, muss ich sagen. Meiner Meinung nach muss man das zusammenlesen: beide Bücher – und Eltern und Kindern gemeinsam. Denn seien wir mal ehrlich: Die Ferienzeit ist oft aufgeladen mit ganz großen Erwartungen. Nicht selten knallt es in den Ferien umso heftiger. Man lernt hier wieder, wie wichtig es ist, wertschätzend miteinander umzugehen, eigene Fehler zuzugeben und aus ihnen zu lernen - und kommt ins Gespräch mit den eigenen Kindern. Insofern sind beide Bücher die beste Ferienlektüre der Welt."

Wendelin Van Draanen: "Acht Wochen Wüste"
Magellan Verlag
336 Seiten, 17 Euro

Philippa Perry: "Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)"
Ullstein
304 Seiten, 19,99 Euro


Das Sachbuch "Fake Facts" ist das ideale Buch für einen Sommer, in dem ein veganer Imbissbudenbetreiber mit antisemitischen Sprüchen Anhänger um sich schart, in dem rechtsextreme Elitesoldaten auffliegen und sich manche Menschen eher vor Bill Gates als vor einer Pandemie fürchten, meint Christian Rabhansl:

"Angeblich ist Angela Merkel Hitlers Tochter. Hitler lebt auf Rückseite des Mondes. Unter der Erde tobt ein Krieg zwischen Echsenmenschen und Klonen. Solche Theorien sind so irre, dass die Autorinnen dafür gar nicht das Wort 'Theorie' verwenden wollen. Sie unterscheiden analytisch klar zwischen Verschwörungsmythen und Verschwörungserzählungen. Sie beschreiben, weshalb manche Menschen anfälliger für dergleichen sind. Sie beleuchten die Profiteure und Nutznießer solcher Ideologien. Und sie machen deutlich, weshalb wir zwar die Ideologien nicht ernst nehmen müssen, aber ihre Anhänger: Weil sie schlicht gefährlich sind. Für sich selbst, wenn sie aus Angst vor einer Pharmaverschwörung nicht ins Krankenhaus gehen, wenn sie müssten, und für uns alle, wenn sie Sprengstoff horten und auf einen Bürgerkrieg warten. Ein wichtiges Buch, das den Irrsinn sehr nüchtern analysiert."

Katharina Nocun und Pia Lamberty: "Fake Facts"
Quadriga
352 Seiten, 19,90 Euro

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Buchcover zu Anselm Kiefers "Opus Magnum". (Schirmer/Mosel Verlag)

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