Zeit für den Nachwuchs

    Was politisches Talent ausmacht

    04:25 Minuten
    Anführer auf einem Podium spricht zu einer Menschenmenge
    In Politik und Medien werden Bühnen hergerichtet, auf denen Figuren brillieren oder scheitern. © imago/Ikon Images
    Überlegungen von Marcel Schütz · 21.10.2021
    Audio herunterladen
    Während die Kanzlerin jahrelang Nachfolger in der eigenen Partei verschlissen hat, ist nun endlich überall Zeit für den Nachwuchs. Doch wodurch zeichnet sich ein politisches Talent eigentlich aus? Der Soziologe Marcel Schütz weiß, worauf es ankommt.
    Sebastian Kurz sagt man es nach, Robert Habeck und Kevin Kühnert. Doch schon früher scheint daran kein Mangel geherrscht zu haben: Von Helmut Kohl über Angela Merkel bis Olaf Scholz – alle gelten als politische Talente. Doch was zeichnet das Talent in der Politik aus? Und ist es nicht ein Unterschied, wenn man sagt: Jemand hat Talent oder ist ein Talent?
    Der Duden verrät, dass ein Talent als hohe Begabung zu verstehen ist. Talent kommt aus dem Griechischen, von "tálanton", was so viel heißt wie "das Gewogene" oder ein "bestimmtes Gewicht". Gewichtige Worte hatte jüngst auch der Philosoph Peter Sloterdijk für Christian Lindner übrig, als er meinte, dieser besitze Gravitas. Eine plastische Bezeichnung für das, was man mit einer präsenten, wortmächtigen Person verbindet.

    Kompetenz ist gut, Networking-Fähigkeiten sind besser

    Es ist der ganze Eindruck einer Person, der Urteile bildet, welches Format jemand hat, welches Gewicht sie oder er einnimmt. Charismatische und kompetente Ausstrahlung. In der Politik sind Abschlüsse und Zertifikate aber nicht zwingend. Wurde nicht ein juveniler Studienabbrecher zum Top-Talent einer Alpenrepublik?
    Die Rolle der Politiker ist hochinklusiv. Wer es schafft, so unterschiedliche Ansprüche wie rhetorisches Vermögen, Fachwissen, Vertrauen, Netzwerke und ein Gespür für die Momente in seiner eigenen Person zu vereinen, die oder der hat Chancen als Talent registriert zu werden. Eine halbwegs ansprechende Optik tut ihr Übriges.

    Performance auf öffentlicher Bühne

    All diese Umstände deuten auf eine wichtige Rahmung: die öffentliche Bühne. Kaum ein anderer Bereich ist heute derart massenmedial durchprogrammiert wie jener der Politik. Was eine Person gilt oder nicht, ist eine Frage der Kommentare, Stimmungen, Umfragen, auch der Zahl der Auftritte in Talkshows und Nachrichten.
    Die Soziologie spricht hier von der "Konstruktion einer Medienrealität". Bühnen werden hergerichtet, auf denen Figuren brillieren oder scheitern. Spitze Leitartikel und freche Tweets mögen den Eindruck erwecken, eine Person habe es entweder drauf oder sei ein Versager. Das ist platt. Aber irgendwie auch normal. Schließlich beurteilen wir unsere Welt oft subjektiv aus dem Stegreif. Das gilt gerade für die Politik, die anspricht oder abstößt. Man macht sich keine allzu großen Gedanken, warum jemand so unsympathisch oder toll rüberkommt.
    Aber zurück: Nicht allein von sich aus ist jemand ein Talent, sondern durch Zuschreibungen, die andere ihr oder ihm verleihen und wieder nehmen. Beispielsweise Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg haben es erlebt: Man fährt schnell mit dem Aufzug nach oben - und noch schneller wieder nach unten.

    Jeder Spitzenpolitiker empfindsam für eigene Wirkung

    Die Sache mit der Konstruktion ist jedoch keine einseitige. Spitzenpolitikern fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Sie haben feine Antennen, womit sie ankommen und punkten. Vermutlich verstand das kaum jemand so wie Donald Trump, der Twitterpräsident. Gar die schwierigsten Figuren des politischen Parketts können zumindest in dieser Hinsicht glänzen. Wer die Reziprozität seiner Performance verinnerlicht, hat auch Talent.
    Doch selbst polternde Präsidenten, smarte Freiherren und charismatische Jungkanzler sind vor dem Scheitern nicht gefeit. Eine wichtige Erkenntnis: Die Fragilität und Fallhöhe der Talente ist enorm. Je mehr Aussicht auf Erfolg, desto riskanter der Fehlgriff. Der dumme Chat, das leichtfertige Lachen, und auch die trügerische Sicherheit, dass andere das eigene Talent sehen. Der Tod der alten Talente ist die Geburt der neuen. Die vermeintlich Untalentierten, gestern unbeachtet oder belächelt, betreten die Bühne.

    Marcel Schütz ist Research Fellow an der Northern Business School Hamburg und lehrt an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg. Sein Schwerpunkt liegt in der soziologischen Organisationsforschung.

    © Kevin Knoche
    Mehr zum Thema