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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.03.2012

Zeichen - Bücher - Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode

Neue Dauerausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig zum 100. Gründungsjahr

Von Claudia Altmann

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Erst Schrift, dann Buchdruck, dann digitale Netzwelten und dann? (Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Erst Schrift, dann Buchdruck, dann digitale Netzwelten und dann? (Deutschlandradio / Andreas Lemke)

Ob Kerbholz, Schriftrolle oder SMS: Seit mehr als fünftausend Jahren notiert der Mensch sein Wissen über die Welt mithilfe von Zeichen. In der Ausstellung "Mediengeschichte der Menschheit" wird der Bogen von der Frühgeschichte bis heute gespannt.

Egal ob so…

Atmo Schreiben

…so…

Atmo Schreibmaschine

…oder so:

Atmo Computertastatur

Wörter und Gedanken durch Zeichen festzuhalten, ist für uns selbstverständlich. Wissen, das unsere Vorfahren mündlich von Generation zu Generation weitergegeben haben, kann durch Schrift gespeichert und verbreitet werden. Aber dazu musste diese erst einmal entstehen. Und so beginnt die Ausstellung mit Gegenstandsschriften, wie einer Erinnerungskette für Erzähler aus dem Kongo. 80 daumengroße Figuren sind an ein Band geknüpft, an denen sich der Erzähler beim Vortragen seiner Geschichte entlang hangelte. Eine der wohl bekanntesten frühen Zeichenformen ist bis heute in unserem Sprachgebrauch lebendig und nicht nur das, erklärt Museumsdirektorin Stephanie Jacobs.

"Das Kerbholz ist eines der ganz ganz frühen mediengeschichtlichen Zeugnisse, was den schönen und verrückten Effekt hat, dass er mit einem binären Code arbeitet. Also wie die Computerwelt 0/1 ist das Kerbholz entweder Kerbe oder nicht Kerbe."

Die Reise geht von Hieroglyphen über die Keilschrift hin zum Alphabet.

"Die Alphabetschrift hat deshalb eine so unglaubliche Verbreitung gefunden und ist eine einzige Erfolgsgeschichte, weil sie eben nicht mehr von den Bildern der Gegenstände ausgeht, sondern den menschlichen Geräuschpegel in 40 Zeichen niederlegt. Das heißt, es ist eine Lautschrift. Und damit konnten alle Sprachen erfasst werden. Es war im Grunde genommen nicht mehr an kulturelle Zusammenhänge gebunden."

Einen großen Teil widmet die Ausstellung der wichtigen Zäsur, die der Buchdruck mit beweglichen Metalllettern setzte. Wer an Buchdruck denkt, denkt zuerst an Gutenberg, dessen Erfindung die Schau auch den ihr gebührenden Platz einräumt. Aber:

"In Korea ist mit einem Buch 1377, also 70 Jahre vor Gutenberg, das Verfahren des Drucks mit beweglichen Metalllettern auch schon praktiziert worden. Das ist eine ganz spannende Geschichte, denn im Gegensatz zur Entwicklung im Europa des 15. Jahrhunderts hatte diese koreanische Erfindung keinerlei Breitenwirkung."

Das lag einerseits daran, dass bei dem Wachsgussverfahren die Wachspatrize zerstört wurde und jedes Mal neu geschnitten werden musste. Seit Gutenberg wurden dauerhafte Metallpatrizen verwendet.

"Und das andere war, in Korea war es eine Erfindung und eine Technik des Hofes, während es in unseren Breitengraden einfach eine Technik des Alltags war, der Bürger war und deshalb auch eine solche gesellschaftliche Wirkmacht hat entfalten können."

Mit dem Buchdruck entstanden öffentliche Medien. Wissen wurde dauerhaft fixiert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Ohne Buchdruck hätte es die Reformation nicht gegeben. Wie schwer das Dasein derjenigen war, die die gebundenen Seiten unters Volk brachten, das der Buchhändler, zeigt die Ausstellung ebenfalls. Kolporteure waren noch im frühen 19. Jahrhundert die wichtigsten Bücherlieferanten vor allem für die Landbevölkerung. Mit so genannten Krätzen auf dem Rücken schleppten sie sich von Dorf zu Dorf. In den schweren Holzkästen waren bis zu 50 Exemplare: Religiöse Schriften, Kalender, Unterhaltung. Von der Zensur wurden sie misstrauisch beäugt und gehörten als Hausierer zu den Randgruppen der Gesellschaft.

Zensur ist auch ein Thema in der Neuzeit. Der Besucher erfährt etwas über Tarnschriften im Dritten Reich und im Kalten Krieg und lernt Victor Klemperer, den Kritiker der Nazi-Zensur, selbst als Zensor kennen. Schließlich wird die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich die Medien im 20. Jahrhundert weiterentwickelt haben, dokumentiert. Von Druckmaschinen über Radio- und Fernsehgeräte bis hin zu digitalen Lesegeräten für e-books, erklärt der für diesen Teil der Ausstellung verantwortlich zeichnende Stefan Iglhaut.

"Wir zeichnen hier einen Weg nach, der von der Automatisierung der Drucktechnik über die elektronischen Medien bis zum Internet, bis zur virtuellen Bibliothek verläuft."

Seit Gründung durch den Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig sammelt die zunächst Deutsche Bücherei und heute Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main alles, was im deutschsprachigen Raum schwarz auf weiß erschienen ist. Auch im Zeitalter der neuen Medien ist das unverzichtbar, sagt Direktor Michael Fernau. Gleichzeitig stellen sie die Einrichtung vor ganz neue Herausforderungen.

"Anders, als man vielleicht annimmt, sind es nicht die großen Suchmaschinenbetreiber, die das Gedächtnis der Welt oder auch nur einer Nation bedienen würden, denn die haben schon die Berliner Zeitung von vorgestern, jedenfalls die Online-Ausgabe, auch nicht mehr. Da sind sehr viele Sachen, wo wir ein Gedächtnis überhaupt erst aufbauen müssen."

Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ist die erste von 100 Veranstaltungen, mit denen die Bibliothek das Jubiläum bis zum eigentlichen Gründungstag am 3. Oktober begehen wird. Passender hätte der Auftakt nicht gewählt werden können, denn all das, was der Mensch zwischen…

Atmo Steinmeißel

…und…

Atmo SMS

…durch Erfindergeist und künstlerische Kreativität hervorgebracht hat, kann der Besucher seit heute in Leipzig nachvollziehen. Eines hat sich bisher nicht geändert: Er braucht seinen Kopf und seine Hände. Aber das könnte morgen schon ganz anders sein. Und so wagt die Ausstellung am Ende auch einen phantasievollen Ausblick in die mögliche Zukunft der Medien in unserer Gesellschaft.


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