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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.09.2015

Zehn Jahre Mohammed-KarikaturenKeine Chance auf Versöhnung

Von Jana Sinram

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Der Karikaturist Kurt Westergaard sitzt an seinem Wohnzimmer am Tisch und zeichnet. (Deutschlandradio / Jana Sinram)
Der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard arbeitet in seinem Wohnzimmer an einer Illustration. (Deutschlandradio / Jana Sinram)

Als die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" im Jahr 2005 zwölf Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, protestierten Muslime in der ganzen Welt. Zeichner Kurt Westergaard lebt bis heute unter Polizeischutz. Wie blicken die Dänen heute auf die umstrittene Situation?

Ein Industriegebiet im dänischen Aarhus. Als ich aus dem Bus aussteige, fällt mir als erstes der hohe Metallzaun vor dem Redaktionsgebäude von "Jyllands-Posten" auf.

Vor zehn Jahren ist die Zeitung weltberühmt geworden. Damals, am 30. September 2005, druckte "Jyllands-Posten" zwölf Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed – und löste damit die größte außenpolitische Krise aus, die Dänemark seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Anfang Februar 2006 – gut vier Monate nach der Veröffentlichung - gehen Hunderttausende wütende Muslime weltweit auf die Straße. Sie zünden dänische Fahnen an, in Syrien und im Libanon brennen die Botschaften des kleinen skandinavischen Landes. In Pakistan setzen Extremisten ein Kopfgeld für den Tod der zwölf Karikaturisten aus.

Der berühmteste von ihnen ist Kurt Westergaard. Damit ich ihn besuchen kann, muss er mich schon Wochen vorher beim Dänischen Geheimdienst PET anmelden.

Als ich auf das Haus der Westergaards zugehe, irgendwo in einem Vorort in Dänemark, werde ich schon von einem Polizisten erwartet.

Sinram: "Hi, good morning."
Polizist: "Per, from Dansk police. Will you please come with me?"

Bevor ich ins Haus darf, muss ich ihm meinen Presseausweis zeigen. Ich ziehe meine Jacke aus und leere alle Taschen, um zu zeigen, dass ich keine Waffe dabei habe. Eine Klingel brauchen die Westergaards nicht.

Polizist: "Kurt. Der er gæster."
Sinram: "Hallo, guten Tag."
Westergaard: "Herzlich willkommen. Wir haben eine Tasse Kaffee."

Zum Kaffee am Wohnzimmertisch gibt es selbstgebackene Rosinenbrötchen von Frau Westergaard. Der 80-Jährige ist ein freundlicher Mann. Er trägt eine rote Filzweste, hat einen grauen Vollbart und lacht viel. Ganz anders seine Zeichnungen. Die sind fast immer bitterböse – auch die Mohammed-Karikatur, die er 2005 für "Jyllands-Posten" gezeichnet hat:

"Meine Karikatur ist die Karikatur mit der Bombe in dem Turban, und meine Intention war zu zeigen, dass es gibt Terroristen, die ihre spirituelle (Am)munition von Islam bekommen."

Diese Terroristen, meint Westergaard, missbrauchen den Koran. Seine Darstellung Mohammeds mit Bombe im Turban hat viele Muslime besonders verletzt. Dass ausgerechnet Westergaard sich bis heute nur in Begleitung von Polizisten bewegen darf, liegt auch daran, dass er immer wieder bewusst die Öffentlichkeit gesucht hat. Er hat viele Interviews gegeben und die Mohammed-Karikaturen verteidigt. Am Neujahrstag 2010 hätte Westergaard das beinahe mit dem Leben bezahlt. Damals stand plötzlich ein somalischer Asylbewerber mit einer Axt in seinem Wohnzimmer:

"Er war ganz schwer bewaffnet. Der hatte eine Art rituelle Messer und er wollte mich töten."

Der Karikaturist zeigt mir sein Badezimmer, in das er sich damals geflüchtet hat. Auf den ersten Blick sieht es aus wie jedes andere Bad auch. Tatsächlich aber ist es in einen Schutzraum umgebaut worden.

Sieben Minuten musste Westergaard hinter der dicken Tür ausharren, bis endlich die Polizei kam.

"Aber die Minuten in hier waren sehr langsam, also für mich. (atmet tief ein) Aber ..."

Trotz des Erlebten findet er immer noch, dass es richtig war, die Mohammed-Karikatur zu veröffentlichen:

"Wir hatten eine Zusammenstoß zweier Kulturen erlebt, und wir können ja nicht etwas so fundamentalische in dem dänischen Demokratie aufgeben wie die Äußerungsfreiheit, wir müssen es verteidigen."

Warum war "Jyllands-Posten" überhaupt auf die Idee gekommen, Mohammed-Karikaturen zu drucken? Im Sommer 2005 erzählte ein dänischer Schriftsteller einem Journalisten von seinem Kinderbuch über das Leben des Propheten Mohammed, an dem er gerade arbeitete. Dafür konnte er keinen Illustrator finden. Drei Illustratoren hatten angeblich schon abgelehnt, aus Angst vor den Reaktionen von Islamisten. Aus Sicht von "Jyllands-Posten" war das Selbstzensur. Also bat die Zeitung alle Mitglieder der dänischen Karikaturistenvereinigung, Mohammed so zu zeichnen, wie sie ihn sehen.

Ein anderer, der dem Aufruf folgte, war Lars Refn. Er ist heute Vorsitzender der Karikaturistenvereinigung und empfängt mich in seinem Atelier in Kopenhagen. Refn erzählt, dass er die Idee damals ziemlich dumm fand – und deshalb beschloss, sich über "Jyllands-Posten" lustig zu machen:

"Meine Zeichnung war als Streich gedacht, könnte man sagen. Ich habe einen Schuljungen namens Mohammed gezeichnet. Und er hatte an die Tafel geschrieben: Die Redakteure von 'Jyllands-Posten' sind ein Haufen rechter Provokateure. Das habe ich in Farsi geschrieben, aber mit arabischen Buchstaben. Als 'Jyllands-Posten' die Karikatur gedruckt hat, habe ich zunächst sehr gelacht darüber, dass die Zeitung sich quasi über sich selbst lustig macht."

Ärger über den damaligen Leitartikel

Die Karikaturen erschienen an diesem 30. September 2005 auf einer ganzen Seite im Kulturteil von "Jyllands-Posten". Überschrift: "Das Gesicht Mohammeds". Neben Refns Schuljungen und Kurt Westergaards Mohammed mit Bombe im Turban zeigte eine Zeichnung den Propheten mit einem Krummsäbel und zwei verängstigten, fast vollständig verschleierten Frauen. Eine andere Karikatur stellte Mohammed als eine Art Petrus am Himmelstor dar. Er hält eine Gruppe von Selbstmordattentätern zurück und ruft ihnen zu, dass im Himmel die Jungfrauen ausgegangen seien – eine Anspielung auf das Paradies, wie es islamistische Märtyrer angeblich erwartet. Dazu gab es einen Text, in dem der Kulturredakteur Flemming Rose den Lesern erklärte, warum "Jyllands-Posten" es für geboten hielt, Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen:

"Die moderne, säkularisierte Gesellschaft wird von einigen Muslimen abgelehnt. Sie verlangen eine Sonderbehandlung, indem sie auf einer besonderen Rücksichtnahme auf ihre eigenen religiösen Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer weltlichen Demokratie und der Meinungsfreiheit, in der man damit klarkommen muss, sich Hohn, Spott und Häme auszusetzen."

Der Karikaturist Kurt Westergaard wird an seinem Wohnzimmertisch von Deutschlandfunk-Nachrichtenredakteurin Jana Sinram interviewt. (Deutschlandradio / Jana Sinram)Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nachrichtenredakteurin Jana Sinram (Deutschlandradio / Jana Sinram)

Der Karikaturist Lars Refn ärgerte sich über diesen Artikel:

"Wenn ich einen Text lese wie den von Rose, dann setze ich für das Wort 'Moslem' das Wort 'Jude' ein und frage mich, ob das ok wäre. Und in diesem Fall fand ich es ganz und gar nicht ok. Natürlich muss man sich über jeden lustig machen können, aber der Rahmen muss stimmen. Und ich fand nicht, dass 'Jyllands-Posten' der richtige Rahmen war, um sich über Moslems lustig zu machen – weil 'Jyllands-Posten' eben eine ziemlich rechte Zeitung ist."

Dieser Meinung ist auch Rune Engelbreth Larsen, den ich in einem Café in Aarhus treffe. Der 48-Jährige arbeitet als politischer Kolumnist für die linksliberale Zeitung Politiken und hat ein Buch über die Mohammed-Karikaturen geschrieben:

"Die Idee, solche Karikaturen zu zeichnen, passte zu der Art und Weise, in der sich 'Jyllands-Posten' seit den 90er-Jahren in der politischen Debatte positioniert hat – es passte zu ihrer Haltung zu Einwanderern, Moslems und dem Islam. Es war also keine Überraschung. Wenn irgendwer so etwas macht, dann 'Jyllands-Posten'."

Larsen erzählt, dass es gar nicht die Karikaturen waren, die ihm in der Ausgabe vom 30. September zuerst aufgefallen sind, sondern der Leitartikel, den "Jyllands-Posten" am selben Tag veröffentlichte:

"Dieser Leitartikel war sehr feindselig gegenüber allen Muslimen und vor allem gegenüber allen muslimischen Wortführern. Sehr verallgemeinernd und herablassend – schon in der Überschrift wurden Muslime als 'Stimme aus der Dunkelheit' bezeichnet."

In seinem Text sprach der damalige Chefredakteur Carsten Juste unter anderem wörtlich von "selbstherrlichen Imamen" und "verrückten Mullahs". Solche Formulierungen, sagt Larsen, sind für viele Medien und Politiker in Dänemark bis heute ganz normal – genauso wie die Tatsache, dass fast nur über Muslime gesprochen wird, und selten mit ihnen. Einer, der sich seit Jahren in die Debatte einmischt, ist Fatih Alev. Der Imam ist in Dänemark geboren und gehört zu einer Moscheegemeinde in Kopenhagen, in der das Freitagsgebet auf Dänisch gehalten wird.

"Die Diskussion über den Islam war schon lange vor den Karikaturen sehr scharf. Als ich die Zeichnungen zum ersten Mal gesehen habe, hat mich das also nicht sonderlich berührt. Ich habe einfach den Kopf geschüttelt und mir gesagt: Das ist doch lächerlich.

Viele Dänen geben Imamen die Schuld an der Eskalation

Anderen gläubigen Muslimen in Dänemark ging es ganz anders. Sie waren schockiert über die Mohammed-Karikaturen und fühlten sich von "Jyllands-Posten" angegriffen. Alev wundert das nicht:

"Die Leute, die sehr heftig auf die Zeichnungen reagiert haben, hatten etwas gemeinsam: Sie hatten die Mediendebatte über Muslime vorher nicht verfolgt. Und plötzlich waren sie Teil dieser Debatte, und zwar auf eine ziemlich unglückliche Art und Weise. Sie sahen die zwölf Karikaturen und wussten überhaupt nicht, wie ihnen geschah. Wie jemand in Dänemark so töricht sein konnte, das zu tun."

Sofort beschwerten sich die Botschafter mehrerer islamischer Länder über die Karikaturen, die aus ihrer Sicht nur ein Beispiel für eine zunehmend islamfeindliche Stimmung in Dänemark waren. Und sofort traf sich in Kopenhagen eine Gruppe von Imamen, um zu überlegen, wie die dänischen Muslime friedlich gegen "Jyllands-Posten" protestieren könnten. Sie starteten eine Leserbrief-Aktion, organisierten eine Demonstration und schrieben einen Brief an das Kultusministerium. Als sie wochenlang keine Antwort bekamen, reisten sie mit den Mohammed-Karikaturen nach Ägypten, nach Syrien und in den Libanon und zeigten sie religiösen Autoritäten. Viele Dänen geben deshalb den Imamen die Schuld an der Eskalation des Karikaturenstreits.

Ein regnerischer Abend in Kopenhagen. In den Räumen der Islamischen Glaubensgemeinschaft haben sich etwa 50 Männer zum Gebet versammelt. Der Sprecher der Gemeinde, Imran Shah, findet bis heute, dass es richtig war, die Proteste zu internationalisieren:

"Unbedingt, eine sehr gute Idee. Wir haben ein halbes Jahr lang versucht, eine Reaktion vom Ministerium zu bekommen, und es hat einfach nicht geantwortet. Die Reise war also notwendig."

Der Sprecher der islamischen Glaubensgemeinde in der dänischen Hauptstadt sagt, dass die Muslime nicht nur wütend waren über die bildliche Darstellung ihres Propheten, die im Islam verpönt ist:

"'Jyllands-Posten' hat ganz offiziell gesagt: Muslime müssen sich eben daran gewöhnen, verspottet und lächerlich gemacht zu werden. Das ist etwas, das wir nicht akzeptieren können. Denn niemand würde akzeptieren, dass etwas, das ihm wichtig ist, verspottet oder ins Lächerliche gezogen wird."

Der Journalist Rune Engelbreth Larsen vom linksliberalen Blatt Politiken kann diese Haltung gut verstehen:

"Natürlich muss man klar sagen: Ja, 'Jyllands-Posten' durfte diese Karikaturen veröffentlichen, das ist überhaupt kein Problem, jedenfalls im rechtlichen Sinne. Aber war das wirklich eine gute Idee? Ging es wirklich um die Meinungsfreiheit? Oder ging es nur oder zumindest auch darum, Muslime zu verteufeln? Ich glaube, letzteres ist der Fall."

Dass die Mohammed-Karikaturen von "Jyllands-Posten" vollkommen im Rahmen der Pressefreiheit lagen, bezweifelt so gut wie niemand. Die zentrale Frage ist also eine andere: Muss oder soll man alles, was man darf, auch tun? Eine Frage, die sich nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar nicht nur in Frankreich und Dänemark wieder viele Menschen stellen.

"In Wirklichkeit sind wir überhaupt nicht frei"

Der Karikaturist Lars Refn hat einige seiner französischen Kollegen persönlich gekannt. In seinem Atelier hängt eine Zeichnung in Regenbogenfarben, darauf steht in schwarzen Buchstaben der Satz "Je suis Charlie". Trotz seiner Betroffenheit ärgert sich Refn, wenn er das Argument hört, Mohammed-Karikaturen seien notwendig, weil sonst die Satirefreiheit in Gefahr gerate:

"Es heißt immer: Die Freiheit der Karikaturisten ist gefährdet. Aber in Wirklichkeit sind wir überhaupt nicht frei. Wir sind Angestellte. Über meine Freiheiten entscheidet mein Chefredakteur. Wenn ich eine Karikatur zeichne, die ihm nicht gefällt, dann druckt er sie nicht. Und ich glaube, das ist ganz natürlich."

Kurz nach dem Anschlag von Paris im Januar gibt es auch in Kopenhagen ein Attentat. Ein junger Mann mit palästinensischen Wurzeln tötet auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit einen Dokumentarfilmer. Anschließend erschießt er vor einer Synagoge einen jüdischen Wachmann. In Dänemark haben beide Anschläge alte Wunden aufgerissen, meint der Imam Fatih Alev:

"'Jyllands-Posten' und die ganze Atmosphäre von 2006 waren plötzlich wieder da. Es ging wieder ständig um die Meinungsfreiheit. Viele Muslime in Dänemark haben aber wirklich keine Lust mehr auf diese Diskussion. Es wird immer so dargestellt, als hätten Muslime generell ein Problem mit der Pressefreiheit, und das ist überhaupt nicht der Fall. Für viele von uns geht es hier überhaupt nicht um die Pressefreiheit. Es geht darum, dass man sich in einer Demokratie gegenseitig respektieren sollte, anstatt sich zu beleidigen. Dass man unsere Grenzen achten sollte, statt uns sowas anzutun."

Bei "Jyllands-Posten" will heute niemand mehr über die Mohammed-Karikaturen sprechen – und auch nicht darüber, ob sich durch die Zeichnungen, die Proteste und die Anschläge in Dänemark etwas verändert hat. Meine Anfrage beantwortet Chefredakteur Jørn Mikkelsen mit einer kurzen Mail: Nach zehn Jahren ununterbrochener Debatte habe er zu diesem Thema wirklich nichts Neues hinzuzufügen.

Zeichner Lars Refn zieht zehn Jahre danach eine ziemlich gemischte Bilanz:

"Wenn der Karikaturenstreit etwas Gutes hatte, dann die Erkenntnis, dass es sehr große Unterschiede zwischen unterschiedlichen Muslimen gibt und die meisten von ihnen genauso friedlich sind wie die meisten Christen. Aber es gibt eben auch negative Effekte. Manche Medien verwenden unsere Karikaturen heute als eine Art Waffe und drohen Muslimen, nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht benehmt, dann zeigen wir wieder die Mohammed-Karikaturen. Ich versuche, das zu verhindern. Denn ich finde nicht, dass Karikaturisten sich über alles lustig machen sollten, über das sie sich lustig machen dürfen. Ich selbst würde mich nicht über religiöse Minderheiten lustig machen, obwohl ich ein Atheist bin. Ich würde die Religion zwar am liebsten aus den Köpfen der Menschen streichen – aber damit sollte ich nicht bei den Muslimen anfangen."

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