ZDF-Sitcom "The Drag and Us"

    Undifferenziert und transfeindlich

    06:38 Minuten
    Im Still aus "The Drag and Us" kniet eine Drag Queen mit siegessicherem Ausdruck auf dem Sofa, die übrigen Figuren starren sie erschrocken und gebannt an.
    "The Drag and Us" mit Hauptfigur "Catherine" ist für Autor und Journalist Stefan Mesch "unterste Schublade". © ZDF / Walter Wehner
    Stefan Mesch im Gespräch mit Massimo Maio · 31.08.2021
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    "The Drag and Us" erzählt davon, wie Dragqueen "Catherine" den Alltag einer Familie auf den Kopf stellt. Der Journalist Stefan Mesch hält die Sitcom für 90er-Jahre-Klamauk, der auf unterstem Niveau Klischees über trans Personen bedient.
    Franziska leitet einen Schlossereibetrieb und ist alleinerziehende Mutter. Sohn Nikki braucht Geld und vermietet kurzerhand sein Zimmer unter – und zwar an Christian, der sein Geld mit Auftritten als Drag Queen "Catherine" verdient.

    Gelächter vom Band und simple Kulissen

    Die ZDFneo-Comedy sei "eine klassische Comedy-Serie", die vom Ton her sehr an "Hausmeister Krause" aus den 1990er-Jahren erinnere, sagt Autor und Journalist Stefan Mesch. Wenig verwunderlich, denn Tom Gerhardt aus dem dreiköpfigen Autorenteam sei damals mit dieser Serie bekannt geworden. Wie damals gebe es in "The Drag and Us" acht kurze Folgen lang "Gelächter vom Band und sehr simple Kulissen". Auch der Humor sei ein Rückgriff auf die 90er-Jahre: Jede Folge "ein Schwank, eine Posse, es gibt ulkige Verwechslungen, und alle verarschen einander".
    Das Format erinnere an die US-amerikanische Sitcom "Alf", die ab 1986 im deutschen Fernsehen zu sehen war: So wie der Außerirdische ist auch Catherine eine "exotische" Gestalt, die ein geordnetes Familienleben durcheinanderbringt. Auf den ersten Blick dachte Mesch: "Schlicht und laut – genau richtig für Kinder".

    Undifferenziert und dabei "krass transfeindlich"

    Je länger der Autor der Serie folgte, desto mehr schlug die positive Erwartungshaltung in Enttäuschung, ja, in Ärger um: Die Sitcom sei "krass transfeindlich – und das muss man erst mal hinkriegen in einer Serie, in der gar keine trans Figuren vorkommen". Mesch kritisiert ein unkritisches Durcheinander von Begriffen und Konzepten.
    Die Darstellung von Catherine zeigt in acht kurzen Folgen, wie eine pragmatische Mutter an einem unreifen, selbstverliebten und aggressiven schwulen Mann verzweifelt, der wahllos Perücken trägt, "sie" genannt werden will und sich ungefragt in ihrem Leben einnistet: Catherine sei eine Drag Queen, die laut Pressetext "nicht so ganz zwischen der Bühne und dem echten Leben unterscheiden kann".
    Ihre Figur habe, findet Mesch, "nichts mit Drag zu tun, und auch nicht mit Transgender oder Crossdressern". Alle diese Gruppen würden in "The Drag and Us" gleichzeitig angegriffen. "Das Wort 'Transe' schmeißt all das zusammen und trifft sie damit auch alle."

    Was soll das?

    "The Drag and Us" zeigt ein trostloses, unwitziges Tauziehen – etwa, wenn Catherine dem Hausmeister sagt, sie sei eine Lady und könne darum auf keinen Fall die Mülltrennung einhalten: Schmutz sei schlecht für ihre Maniküre. Mesch fragt sich, was solche Plots genderqueeren Leuten antun, trans Frauen und eigentlich allen, die gern mal ihre Fingernägel machen lassen? Ist das ignorant – oder schon bewusst reaktionär?
    Figur Catherine, tagein-tagaus im Fummel und mit allen Männern im Bett, in ihrer Identität undurchdacht und beliebig, verkörpere "das typische transfeindliche Szenario": Männer ins Bett tricksen, schummeln. Es sei "ein kalter Blick auf eine rücksichtslose, selbstbezogene Figur".
    Mesch findet den Pressetext des Senders in dieser Hinsicht vielsagend: Hier erzählt Autorin Gabriele M. Walther davon, wie ihr Kollege Tom Gerhardt einer Drag Queen den Gefallen tat, ihren Koffer in den fünften Stock zu wuchten. "Ich habe meine schwere Tasche wieder allein hochgetragen", erklärt sich Walther, "und dachte mir: Irgendwas mache ich falsch."

    "Unterste Schublade"

    "Und das scheint so das Weltbild zu sein: Theatrale, queere Leute schaffen es, dass die Mehrheitsgesellschaft ihnen Extrawürste brät und auf sie eingeht. Und sie tun das aus Gier oder Faulheit oder Geltungssucht", sagt Mesch. Frausein als Trick, um sich Vorteile zu verschaffen.
    Bereits in den 1990er-Jahren habe der Journalist als Kind "Durchgehend warme Küche" gesehen, eine Serie, in der zwei Männer gemeinsam ein Restaurant führten. "Soweit waren wir schon mal." "The Drag and Us" sei für ihn "unterste Schublade für das, was ich vom ZDF erwarte".
    Für einen differenzierteren Blick empfiehlt Stefan Mesch, Drag Queens auf ihren eigenen Kanälen zuzuhören. Als lohnenswerte Beispiele nennt er Bambi Mercury, eine deutsche Drag Queen, oder den größten Drag Queen Wettbewerb "Drag Race" auf TVNow.

    (bat)
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