Casting-Direktorin Anja Dihrberg zur Initiative #ActOut

    "Wir sind schon auf dieser Welle unterwegs."

    08:14 Minuten
    Die Titelseite des Süddeutsche Zeitung Magazin zeigt die Porträts zahlreicher Schauspieler mit dem Titel "Wir sind schon da".
    Menschen aus Film und Fernsehen haben sich im "SZ-Magazin" haben als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht binär und trans geoutet. Sie wollen, dass auch die Fernsehrealität diverser wird. © Imago / Rüdiger Wölk
    Anja Dihrberg im Gespräch mit Massimo Maio · 08.02.2021
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    185 queere Menschen haben sich im "SZ-Magazin" geoutet und fordern mehr Sichtbarkeit in Film und Fernsehen. Casting-Direktorin Anja Dihrberg wirft der Branche vor, Menschen seien in der Realität viel vielfältiger als auf dem Bildschirm.
    Im SZ-Magazin der vergangenen Woche haben sich 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans* Schauspieler*innen geoutet – und mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen gefordert. Als Initiative #actout wollten sie mit dem gemeinsamen Manifest eine Debatte anstoßen, hieß es in dem Blatt, die Aufmachung erinnerte an das "Stern"-Heft vom Juni 1971, in dem sich über 300 prominente Frauen dazu bekannten, abgetrieben zu haben.
    Schauspieler Mehmet Ateşçi sagte dazu auf Deutschlandfunk Kultur: "Wir haben in Privatgesprächen gemerkt, dass die Sorgen, die wir in dem Manifest erwähnen, viele Kolleginnen und Kollegen quälen." Viele machten bei der Arbeit die Erfahrung, dass man über bestimmte Dinge nicht sprechen sollte. Er habe vielfach Anekdoten gehört, wonach Produzenten, Regisseure und Caster queeren Menschen dazu raten, sich grundsätzlich bedeckt zu halten – beispielsweise auf dem roten Teppich nicht mit einem gleichgeschlechtlichen Partner aufzutauchen.

    Realität queerer Menschen nicht im Fernsehen

    Anja Dihrberg, Casting-Direktorin für Produktionen wie dem Polizeiruf bis zu Filmen von international bekannten Regisseuren wie Olivier Assayas oder Terrence Malick, begrüßt die Kampagne. Sie finde es toll, dass die 185 Menschen von #actout an die Öffentlichkeit gegangen seien. Bei der Casting-Branche renne die Initiave offene Türen ein. "Wir sind schon längst auf dieser Welle unterwegs."
    "Ich freue mich, dass Menschen mit Prominenten im Hintergrund oder mit prominentem Namen weit nach vorne treten und sagen: Wir sind homosexuell, bisexuell was auch immer – und dass sie sagen: Wir möchten das gerne in Geschichten sehen." Dihrberg stellt fest: "Die Realität der homosexuellen, bisexuellen und transgender Menschen kommt in unserer Fernsehrealität – der Film ist ein bisschen offener – nicht vor."
    Der Bundesverband Casting habe schon vor fünf Jahren schon Briefe geschrieben mit dem Wunsch, dass die Lebensrealität im Fernsehen stärker abgebildet werde: "Wir prägen das Bild der Gesellschaft in den Köpfen der Menschen, die Fernsehen gucken. Deswegen ist es wahnsinnig wichtig, homosexuelle Liebe, transgender Menschen, alle Möglichkeiten der Liebesbeziehungen auch zu erzählen und sichtbar zu machen." Der Wunsch und die Sehnsucht nach diesen Geschichten sei in erster Linie ein Appell an Autorinnen und Autoren.

    People of Colour keine Selbstverständlichkeit im TV

    Sie selbst und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen würden sich zudem seit Jahrzehnten bemühen, mehr Rollen mit People of Colour zu besetzen: "Wir diskutieren mit allen zuständigen immer wieder darüber, dass man Rollen, selbst wenn sie anders geschrieben sind, anders besetzen könnte."
    Sie bemängelt, dass seitens der Regie und der Produktion oft argumentiert werde, dass People of Coulour nicht besetzt werden könnten, weil das dann viel Hintergrundinformationen bräuchte und dass das dann thematisiert werden müsste. Dabei sei es eine Selbstverständlichkeit, dass nicht-weiße Menschen in Deutschland sozialisiert und aufgewachsen sind und hervorragend Deutsch sprechen, weil sie eben deutscher Nationalität sind. "In der Realität in den Köpfen ist das nicht angekommen. Warum? - Weiß ich nicht."
    Diese Einstellungen würden vielfach diskutiert, wobei es zuletzt auch besser geworden sei, meint Dihrberg. Um die Lage zu verbessern, müsste man aus ihrer Sicht bei den Drehbüchern ansetzen. "Ich sag gar nicht, dass man die Menschen alle überzeugen muss, sondern dass man den Blickwinkel einfach bisschen verschieben muss."
    (mfu)
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