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Kompressor | Beitrag vom 19.04.2018

Youtube-Serie: "What's Underneath Project"Lass deine Hüllen fallen!

Elisa Goodkind und Lily Mandelbaum im Gespräch mit Gesa Ufer

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Screenshot aus dem Trailer "The What's Underneath Project Paris & Berlin" (Youtube)
Das Mantra von Elisa Goodkind und Lily Mandelbaum lautet: Verwandle deine Schwäche in Stärke! (Youtube)

Für die Online-Videoserie "What's Underneath Project" ziehen sich die Porträtierten vor der Kamera bis auf die Unterwäsche aus und reden über die Unsicherheiten mit ihrem Körper. Die New Yorker Macherinnen wollen damit eine Revolution anzetteln.

Gesa Ufer: Eine Interviewpartnerin sitzt auf einem Hocker und beantwortet unangenehme Fragen - und zieht sich dabei aus. Dabei läuft eine Kamera. Elisa Goodkind und Lily Mandelbaum sind Mutter und Tochter und sie haben sich dieses Youtube-Format überlegt. Bei ihrem "What's Underneath Project" reden Menschen über ihre Körper und ihre Unsicherheiten, eine Art Seelen- plus Klamotten-Streaptease, der wie eine kollektive Therapiesitzung funktioniert und zur radikalen Versöhnung mit dem eigenen Körper aufruft.

Die beiden sind mir jetzt aus New York zugeschaltet. Ihr ungewöhnliches Projekt ist aus dem Modeblog "StyleLikeU" hervorgegangen. Wie kamen Sie auf diese Idee für diesen radikalen Seelenstriptease?

Elisa Goodkind: Das kam, nachdem wir einige Jahre unsere andere Videoserie gemacht haben, in der wir untersucht haben, was hinter dem persönlichen Stil steckt, was jemanden dazu bringt, einen persönlichen Stil zu entwickeln. Wir haben eine Reihe verschiedener Videos gemacht, unter anderem solche, bei denen wir Leute zu Hause besucht haben.

Ich sagte damals zu Lily Mandelbaum , dass ich sagen könnte, ob jemand Stil hat, auch wenn er nichts anhat. Stil hat nichts mit der Kleidung zu tun, die jemand trägt. Auch wenn ich Leute in Unterwäsche sehe, oder im russischen Bad in Badesachen, bin ich in der Lage zu sagen, ob jemand Stil hat.

"Stil und Schönheit kommen von innen"

Lily Mandelbaum: Im Grunde haben wir beide mit "StyleLikeU" angefangen, weil wir frustriert waren von der Mode- und Schönheitsindustrie, von den Medien mit ihren exklusiven Schönheitsstandards und von dem homogenen Bild dessen, was Stil sein soll, das überall vermittelt wurde. Wir fanden, dass Stil und Schönheit so viel weitreichender sind, als das, was in den Medien gezeigt wurde, und dass die Leute, die wir bewunderten, die einen faszinierenden persönlichen Stil haben, eben diesen Stil haben, weil sie sich in ihrer Haut wohlfühlten und damit, individuell zu sein, nicht weil sie sich an irgendwelche Trends oder Vorgaben der Gesellschaft oder der Medien hielten.

Wir begannen also eine Video-Serie, die sowohl metaphorisch als auch ganz direkt zeigen sollte, dass Stil und Schönheit von innen kommen. Es geht darum, sich wohlzufühlen und man selber zu sein, nicht um irgendwas, das von außen kommt. Tatsächlich sorgt das innere Wohlgefühl dafür, wie beeindruckend und inspirierend man nach außen hin wirkt.

"Verletzlicher werden und tiefer gehen"

Elisa Goodkind: Wir haben das bei der vorherigen Videoserie festgestellt, weil wir gemerkt haben, dass je mehr Zeit wir mit den Leuten verbracht haben, mit ihnen über ihren Stil, ihre verschiedenen Klamotten und ihre persönlichen Geschichten geredet haben, umso schöner wurden sie. Dadurch, dass wir mit ihnen über ihr Innenleben gesprochen haben, zeigte sich ihre Schönheit - und das wollten wir zeigen, sozusagen andersherum.

Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, über sich selber zu sprechen, offen zu sein, sich für nichts schämen zu müssen, all die komplizierten Dinge, die uns als Menschen ausmachen, anzunehmen, verletzlicher zu werden und tiefer zu gehen, dahin wo letztlich die wahre Schönheit liegt. 

Gesa Ufer: Im vergangenen Jahr kam der erfolgreiche australische Dokumentarfilm "Embrace"in die Kinos, der sich auch mit Körperbildern beschäftigt und eine Statistik zitiert, nach der 90 Prozent aller Frauen sehr unzufrieden mit ihrem eigenen Körper sind. Das ist eine krasse Zahl. Ist diese Form der Scham für den eigenen Körper – auch Ihrer Erfahrung nach wie vor allem ein weibliches Problem?

Lily Mandelbaum:  Ich denke, das ist für jeden ein Thema. Frauen werden mit mehr Bildern gefüttert, in Modezeitschriften und so weiter, was vielleicht zu intensiverem Druck führt, sich dem Ideal anzupassen, auf dass wir hintrainiert worden sind, es schön zu finden. Aber ich glaube es betrifft auch Männer. Sie sind wahrscheinlich nur ein bisschen gehemmter als Frauen, frei darüber zu sprechen. 

Elisa Goodkind: In der nächsten Reihe von "What's underneath" werden ausschließlich Männer auftauchen.

Gesa Ufer: Wie finden Sie ihre Interviewpartner und warum tun Menschen so etwas freiwillig – sich vor laufender Kamera und vor einem unwägbaren Publikum, der anonymen Online-Gemeinde nämlich, nackig zu machen?

"Bewegung zu mehr Selbstakzeptanz"

Lily Mandelbaum: Wir finden unsere Interviewpartner auf ganz unterschiedlichen Wegen. Das reicht von aktiver Suche nach Leuten auf der Straße, also Fremden, die wir interessant finden, oder die einen individuellen Stil zu haben scheinen, über Internetsuche, Empfehlungen von Leuten, die wir bereits interviewt haben, bis hin zu Menschen, die von alleine auf uns zukommen. Es gibt also viele Gelegenheiten, Leute zu finden.

Mit denjenigen, die wir letzten Endes interviewen, reden wir vorher ausführlich, um sicher zu gehen, dass sie sich verletzlich zeigen können, bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen, ohne Zurückhaltung offen zu sein.

Ich denke, dass sie mitmachen, weil sie Teil der Bewegung zu mehr Selbstakzeptanz sein wollen, ihre eigene Geschichte und das eigene Sich-in-seiner-Haut-wohlfühlen da mit einbringen möchten und andere Menschen damit inspirieren möchten. Es leiden ja so viele Menschen an einem schlechten Selbstwertgefühl, aufgrund der Dinge, die uns die Medien so erzählen. Und die Leute, die mitmachen, haben ein besseres Selbstvertrauen, weil sie diese Dinge und den Status quo eben nicht unhinterfragt übernehmen.

Ich nehme an, sie fühlen sich inspiriert, an dieser Revolution teilzuhaben, die wir hoffen mit dieser Videoreihe anzufeuern, indem sie eben ihre Erfahrungen teilen und andere, die das Video sehen, inspirieren. Es geht ihnen wohl auch darum, dass das ein gemeinsames Thema ist und wir zusammen versuchen, so vielen Leuten wie möglich zu helfen.

Elisa Goodkind: Außerdem ist es, denke ich, eine kathartische Erfahrung für sie. Die Leute empfinden es als solche. Sie haben zwar ein bisschen Angst davor, aber sie genießen es auch und sind hinterher doch froh, dass sie es gemacht haben. Und darum geht es auch.

"Eine kathartische persönliche Erfahrung"

Lily Mandelbaum: Und es hilft ihnen auch auf ihrem eigenen Weg zur Selbstakzeptanz. Sie sitzen ja da in ihrer Unterwäsche und erzählen ihre persönliche Geschichte - in diesem Moment akzeptiert man sich sozusagen zwangsläufig selber, denn es wird ja nichts retuschiert, kein Photoshop, kein Filter, man ist einfach da mit all seinen Falten und Speckröllchen, vielleicht nach einer Brust-OP, ohne Make-up. Ich denke diese Handlung ist schon sehr relevant für den Aufbau einer Selbstakzeptanz. Und sie empfinden es als eine kathartische persönliche Erfahrung.

Gesa Ufer: Auffällig ist die Tatsache, dass sich durchweg positive Kommentare unter Ihren Porträts finden. Wie kommt das? Ist das Ergebnis radikaler Zensur? Bei diesen Themen tummeln sich doch ansonsten die Hater und Trolle?

Lily Mandelbaum: Wir zensieren nichts. Ich glaube, der Grund dafür, dass die Videos so viele positive Kommentare bekommen, liegt darin, dass wenn jemand auf dermaßen persönliche Art und Weise seine Geschichte erzählt, sich damit so verletzbar zeigt, dass die Zuschauer sich weniger bemüßigt fühlen, über ihn oder sie zu urteilen. Man möchte die jeweilige Person dann eher unterstützen. Es geht ja nicht um irgendwelche intellektuellen Meinungen oder Gedanken, sondern um tiefe Verletzbarkeiten und persönliche Geschichten, gegen so etwas will man nicht ankämpfen, das ist schwer zu hassen.

Elisa Goodkind: Weil die Leute in unseren Videos einfach nur ihre Geschichte erzählen, hat das einen gewissen Teflon-Effekt. Es werden politische, persönliche und wichtige Themen kommuniziert, aber ohne, dass man damit eine Grundlage für Kritik liefern würde, weil es eben die jeweilige persönliche Geschichte und Erfahrung ist. Was kann man schon gegen die persönliche Erfahrung eines Menschen sagen, man kann niemanden für seine Erfahrungen verurteilen oder kritisieren.

"Umarme Deine Schwäche!"

Gesa Ufer: Ihr Mantra lautet: Umarme Deine Schwäche! Verwandle Deine Schwäche in Stärke! Das ist ja schön gesagt, aber wie kriegen Ihre Protagonisten das hin? Haben Sie ein Beispiel, das Sie besonders beeindruckt hat?

Elisa Goodkind: Jeder hat in seinem Leben zu kämpfen, aber wir versuchen Leute zu finden, die einen Punkt erreicht haben, von dem aus sie sagen, dass sie ihre Schwierigkeiten nicht eintauschen wollen würden. Sie sehen sich nicht als Opfer ihrer persönlichen Kämpfe, sondern finden in diesen ihre Stärke. Natürlich erreichen wir diesen Punkt nie zu hundert Prozent, aber wir können ihn größtenteils erlangen.

Lily Mandelbaum: Ich möchte ein Beispiel nennen: Wir haben ein Interview gemacht mit einem Model, Lauren Wasser, die aufgrund eines toxischen Schocks durch einen Tampon zuerst ein Bein verloren hat und jetzt kürzlich auch noch einen Fuß. Im Interview redet sie darüber, dass sie diese Erfahrungen trotz der extremen Schmerzhaftigkeit nicht rückgängig machen würde, wenn sie könnte.

Es war unglaublich schwierig für sie, sie war Sportlerin, aber sie empfindet die geistige Tiefe und die Ziele, die sie für ihr Leben durch diese Erfahrung gewonnen hat, als so wertvoll. Sie war vorher einfach so ein It-Girl in L.A., eine Partygängerin, sie hatte nicht das Gefühl gehabt, dass ihr Leben irgendein Ziel hatte. Sie wusste nicht, wer sie wirklich war, bis das passiert ist. Sie würde diese Erfahrung also nicht ändern wollen, und das ist wohl das beste Beispiel.

Gesa Ufer: Das ist eines der vielen bewegenden Porträts, die zu finden sind auf der Seite des "What´s Underneath Project". Elisa Goodkind und Lily Mandelbaum sind die Macherinnen. Thank you very much for joining us!

(Übersetzung: Marei Ahmia)

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