Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Sonntag, 27.09.2020
 
Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Konzert / Archiv | Beitrag vom 13.08.2020

Young Euro Classic 2020: Solowerke von Johann Sebastian BachMit sich selbst im Ensemble spielen

Moderation: Leonie Reineke

Eine junge Frau spielt mit ernstem Gesicht ihr Instrument. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)
Kein Geiger kommt an den Solowerken von Bach vorbei, auch nicht Geigerin Mayumi Kanagawa. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)

Das Festival "Young Euro Classic" im Konzerthaus Berlin bietet internationalen, junge Künstlern eine Bühne. Vier junge Musiker bieten ein Bach-Solo-Programm. Diese Werke fordern die Musiker heraus, viele Stimmen gleichzeitig auf ihrem Instrument zu spielen.

Viele junge Künstler studieren an den Berliner Musikhochschulen. An diesem Abend sind vier Solisten von drei verschiedenen Ausbildungsstätten zu hören: die Geigerin Mayumi Kanagawa, die Pianistin Schaghajegh Nosrati, der Pianist Mo Zhou und der Cellist Marcel Johannes Kits. 

Eine junge Frau in rotem Festkleid sitzt an einem Flügel und spielt. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)Pianistin Schaghajegh Nosrati gewann 2014 den internationalen Bach-Wettbewerb. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)

Die vier kommen aus der Universität der Künste, der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin und der Barenboim-Said Akademie. Solowerke von Johann Sebastian Bach stehen im Zentrum dieses Konzerts.

Wie ein Computerspiel

Streng logisch und trotzdem bunt – so sieht in diesem Jahr der Gebäudeplan des Berliner Konzerthauses aus: Über verschiedenfarbige Pfeile werden den Besuchern die Hauseingänge und Routen zu ihren Sitzplätzen angezeigt, damit möglichst keine Kollisionen mit anderen Konzertbesuchern stattfinden. Der Grund ist offensichtlich: Die Corona-Pandemie schreibt derartige Spielregeln vor.

Ein Lageplan mit bunten Linien, der dem Publikum als Orientierungshilfe auf einer großen Tafel vor dem Konzerthaus aufgestellt wurde. (deutschlandradio / Leonie Reineke)Wie kommt das Publikum in das Konzerthaus und wieder heraus? (deutschlandradio / Leonie Reineke)

Tatsächlich erinnert dieses Prozedere ein wenig an ein Computerspiel, in dem logische Stringenz ebenso dazugehört wie eine gewisse Verspieltheit. Und diese Kombination aus Logik und Farbigkeit findet sich auch in der Musik, die am 8. August im Konzerthaus gespielt wurde: Werke von Johann Sebastian Bach.

In trauter Einsamkeit

Was macht eine junge Musikerin während des Corona-Lockdows? Allein sein – wie etliche andere Menschen auch. Aber vielleicht doch nicht ganz allein: Das Instrument als Partner, die Musik als Partnerin half vielen Künstlern, denen Engagements, Konzertreisen und große Ensembleauftritte weggebrochen sind, durch die Krise. Und was eignet sich besser zum Bewältigen von Isolation als ein anspruchsvolles Solostück?

So jedenfalls erlebten es die vier Musikerinnen und Musiker, die am 8. August bei "Young Euro Classic" zu Gast waren: Mit Solowerken von Johann Sebastian Bach sind sie aus der Einsamkeit der Übezelle auf die Konzertbühne zurückgekehrt.

Musikalische Mathematik

Johann Sebastian Bachs Kompositionen für Soloinstrumente – wie etwa die "Kunst der Fuge" oder auch die Cellosuiten und Violin- oder Klavierpartiten – haben bis heute nichts von ihrer Frische und Anziehungskraft eingebüßt. Einige der Stücke sind noch immer Gegenstand kaum überschaubarer Reflexionen. 

Bachbiograph Johann Nicolaus Forkel etwa erklärte 1802, dass die "Kunst der Fuge" "für die große Welt zu hoch" sei. Für die einen galt das umfangreiche Werk als klanglich ausformulierte Mathematik, für die anderen als tiefste, poetische Musik. Und nach wie vor ranken sich viele Geschichten um das Werk.

Mit sich selbst im Ensemble spielen

Die Cellosuiten wiederum waren schon deshalb eine Sensation, da es bis zur ihrer Entstehung Anfang des 18. Jahrhunderts keine historischen Vorbilder für diese Gattung gegeben hatte. Cellisten trauten sich kaum an die Werke heran, denn bis dahin waren sie es gewohnt gewesen, in kammermusikalischen Besetzungen nur den Generalbass zu spielen.

Ein junger Mann sitzt auf einer Bühne und spielt Violoncello. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)Der Cellist Marcel Johannes Kits spielt ein wertvolles Instrument, das 1674 von Francesco Ruggeri in Cremona gebaut wurde. (MUTESOUVENIR / Kai Bienert)

Und auch Bachs Sonaten und Partiten für Violine sind für jeden Musiker eine Herausforderung. Denn Melodie und Begleitung müssen von ein und derselben Person bestritten werden. Der Musiker muss gewissermaßen mit sich selbst im Ensemble spielen. Doch genau das macht auch den Reiz von Bachs Solowerken aus.

Young Euro Classic
Aufzeichnung des Konzerts vom 8. August 2020 im Konzerthaus Berlin

Johann Sebastian Bach
Auszüge aus "Die Kunst der Fuge" für Klavier BWV 1080
Suite Nr. 2 für Violoncello d-Moll BWV 1008
Partita Nr. 4 D-Dur für Klavier BWV 828
Partita Nr. 2 d-Moll für Violine BWV 1004

Schaghajegh Nosrati, Klavier
Marcel Johannes Kits, Violoncello
Mo Zhou, Klavier
Mayumi Kanagawa, Violine

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur