Yevgeniy Breyger: "hallo niemand"

Surrealer Roadtrip durch Deutschland

05:05 Minuten
Buchcover von "Hallo niemand" von Yevgeniy Breyger. Gelbes Buchcover mit blauen Fischen.
© Suhrkamp Verlag

Yevgeniy Breyger

hallo niemand. Roadtrip in VersenSuhrkamp, Berlin 2026

109 Seiten

20,00 Euro

Von Samuel Hamen |
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Die Möglichkeit des Untergangs beherbergt auch die Möglichkeit, eine neue Sprache zu finden: Irre rasant und unbekümmert traurig erzählt Yevgeniy Breyger in seinem neuen Langgedicht von einer Reise durch eine deutsche Welt, die keine Normalität mehr kennt.
Mit dem Finger eine Linie in die Luft ziehen, „als würdest du die form einer möglichkeit nachzeichnen“, so heißt es in einem Vers aus Yevgeniy Breygers neuem Gedichtband. Aber die zärtliche Erkundung von Welt, die an dieser introspektiven Stelle anklingt, ist nur ein kurzer, kleiner Luxus, den sich das lyrische Ich in „hallo niemand“ gönnt.
Denn in der europäischen Luft liegen Krieg und Krise, und die Hand, die eine rettende Geste vollführen mag, zittert vor Wut, Verzweiflung und Hohn. Unter diesen Umständen ist gängige, zarte Schönheit weder möglich noch redlich, das hat der 1989 im ukrainischen Charkiw geborene Breyger 2023 bereits in dem Gedichtband „Frieden ohne Krieg“ eindrücklich dargelegt. Mit zehn Jahren war Breyger mit seiner Familie als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen.
Außerordentlich am Langgedicht „hallo niemand“ ist nun aber die Haltung, die die Figur namens Niemand einnimmt: „geplapper der blätter, geplapper des jahres, o wunder / und er denkt und er denkt und er heult, aber was denkst du?“ Dieser Niemand, der nicht wissen darf, wer er ist, weil er sich sonst im biografischen Kleinklein verheddern würde, präsentiert sich während einer surrealen Reise von Österreich nach Deutschland als Stellvertreter aller Schutzbedürftigen, Widerständigen und Abgedrehten. Dabei verfällt er in eine ungezügelte poetische Redseligkeit: Während er Etappe für Etappe die sogenannte deutsche Realität erkundet, driftet er ins Fantastische, Halluzinatorische und Abseitige ab.

Die Normalität ist mehrere Tode gestorben

Gregor Gysi hat einen Folterkeller. Friedrich März wechselt zur AfD, Alice Weidel wiederum zur CDU. An den Rändern der Autobahnwälder treffen wir auf queere LKW-Fahrer, die bei Niemand das „unstillbare wissen um die möglichkeit eines untergangs“ auslösen, auf dem Wiener Naschmarkt wiederum auf einen „hoodie-mann“, der verschwörerische antikapitalistische Floskeln „wie eine kaputte Kassette“ aufsagt. Später folgt ein Bundestagswahlkampf, der vollkommen aus dem Ruder laufen muss. Die Normalität bleibt nicht außen vor, sie ist längst mehrere Tode gestorben.
Die Unsicherheit in Breygers Versen ist dabei so fundamental, dass sie nicht nur ins Dunkle, Spöttische, Sardonische kippt, sondern eben auch ins Blöde, Leichtfüßige und Plakative: „ja ja, ihr müsst mich holen / wohin!? (alice weidel mit schriller stimme) / ins KZ, ich bin doch jude / sowas machen wir nicht! sagt weidel, sie haben uns missverstanden“.

Nach der Wahrheit

An einer Stelle fragt sich Niemand: „was bleibt wahr?“ Das heißt auch: Was wird demnächst schon diffamiert, zur Lüge deklariert, obwohl es doch der Wahrheit entspricht? Breygers trauriger, aber clownesk verschminkter Niemand richtet sich ein in dieser neuen Zeit, in der faktuales Sprechen längst zur Farce geworden ist.
Gerade das Plappern à la Niemand ist vor diesem Hintergrund eine sprachliche Haltung, die der allseits konstatierten „Verrücktheit unserer Zeit“ entspricht, ohne dabei ins Nihilistische wegzudämmern: nah am tückischen Nonsens, bereit zu niederen Gegenschlägen, aber auch dazu befähigt, ins Prophetische abzudriften: „doch wie ihr wisst / ist meine heimat der weg, wie ihr wisst, bin ich verpflichtet / ewig zu rollen.“
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