Wunderglaube

Der Hunger nach dem Zauberhaften

38:54 Minuten
Ein ikonografisches Schwarz-Weiß-Bild einer Jesusfigur, von hinten gesehen, vor hellem Licht, das von oben auf sie herabscheint.
Jesus soll von den Toten auferstanden sein - an dieses Wunder müsse glauben, wer sich als Christ versteht, sagt Heiko Schulz. Doch das Wunder sei auch eine "philosophische Grunderfahrung". © Unsplash / Mads Schmidt Rasmussen
Heiko Schulz im Gespräch mit Simone Miller · 17.04.2022
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Sei es die Auferstehung Christi oder die Rettung aus einer ausweglosen Lebenskrise: Gut die Hälfte der Deutschen glaubt an Wunder. Aber was ist ein Wunder? Und warum glauben auch Menschen daran, die klassischen Religionen eine Absage erteilen?
Am Ostersonntag feiern gläubige Christinnen und Christen bekanntlich die Auferstehung Jesu Christi – die Überwindung des Todes: Ein größeres Wunder ist kaum vorstellbar.
Der Glaube daran ist zentraler Bestandteil des Christentums, sagt der Religionsphilosoph und Theologe Heiko Schulz, und verweist auf Paulus: „Wenn man sich als Christ versteht, dann kommt man nicht darum herum, dazu ja zu sagen.“
Aber auch jenseits der christlichen Theologie ist der Wunderglaube heute sehr verbreitet: Laut Umfragen glaubt gut die Hälfte der Deutschen an Wunder – auch wenn sie sich keiner Kirche zuordnen. Was ist überhaupt ein Wunder? Und warum bleibt der Glaube daran lebendig, auch in Zeiten, in denen die klassischen Religionen scheinbar an Anziehungskraft verlieren?

Wer Wunder sagt, muss auch Gott sagen

Heiko Schulz schildert drei Ansätze für die Definition von Wundern, die sich aus seiner Sicht ergänzen: Die erste Möglichkeit ist, von der Wahrnehmung eines Ereignisses auszugehen: „Das Wunder lebt davon, dass es eine Differenzerfahrung ist. Es braucht die Regularität, gegen die es sich absetzt.“
Der zweite, im Christentum besonders verbreitete Ansatz legt Wert darauf, dass das Ereignis selbst eine „besondere Qualität“ hat – dass also etwa die Naturgesetze vorübergehend aufgehoben werden.
Der dritte Ansatz zielt auf die göttliche Urheberschaft – dieser Aspekt ist für Schulz besonders wichtig: „Um etwas als Wunder bezeichnen zu können, muss man den Namen Gottes benutzen können.“
Zwar fänden sich im Neuen Testament und in anderen Religionen „eine Menge anderer Instanzen“, die Wunder wirken – etwa Engel oder Dämonen – „wenn wir aber genauer hinschauen, steht immer die Vorstellung dahinter, dass es ein Geschehen ist, das sich jedenfalls der Fähigkeit eines Menschen entzieht, und dass wir eigentlich eine übermenschliche Instanz annehmen müssen, um so etwas für möglich zu halten.“

Das Grundbedürfnis, an Wunder zu glauben

Trotzdem können auch Menschen, die sich als nicht-religiös bezeichnen, Wundererfahrungen machen, etwa wenn sie gegen jede Wahrscheinlichkeit aus einer aussichtslosen Situation gerettet werden:
„Das Interessante ist, dass Menschen, die die Kategorie Gott nicht benutzen würden, Erlebnisse haben können, die sie in Entzücken, Erstaunen, Verblüffung versetzen. Insofern würde ich sagen, dass auch ein Mensch, der sich als religiös unmusikalisch versteht, Zugang zu Erfahrungen hat, die ihn gewissermaßen auf die Schwelle dessen bringen, Gott dafür zu danken – obwohl er ja tief in seinem Herzen sagt: Es gibt gar keinen Gott.“
Der Religionsphilosoph und Theologe Heiko Schulz vor seinem Bücherregal.
Heiko Schulz ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosphie an der Goethe-Universität Frankfurt.© Heiko Schulz
Das liege an einer Art „religiösem Grundbedürfnis“: „Ich glaube letztlich ist es das Bedürfnis nach einer metaphysischen Heimat“, sagt Schulz. „Mein faktisches Dasein entspricht nur in sehr seltenen Fällen dem, was ich das ideale Dasein nennen würde. Und aus diesem Widerspruch heraus entsteht die Frage nach einem Dritten: Gäbe es eine Sphäre der Unbedingtheit, in der all die Vorläufigkeiten und Fehlerhaftigkeiten meines faktischen Daseins aufgehoben wären?“
Diesen Hunger nach einem Unbegreiflichen, „nach einer Dimension des Zauberhaften, das auf etwas Größeres verweist“, hält Schulz für eine anthropologische Konstante – auch die Menschen verspürten ihn, die „mit dem Begriff Religion oder Gott gar nichts mehr anfangen können“.

Liebstes Kind des Glaubens – und der Philosophie

Tatsächlich scheint Wunderglaube in fast allen Religionen eine Rolle zu spielen: „Mir ist bisher noch keine Religion begegnet, die nicht in irgendeiner Weise ein Analogat zu dieser jüdischen oder christlichen Wundervorstellung hat“, so Schulz.
„Goethe sagt ja: ‚Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.‘ Ich habe den Eindruck, dass das bei allen Unterschieden zwischen den Religionen quasi als interreligiöse Konstante gesehen werden kann – dass Religion vielleicht ihren Ursprungsimpuls genau in dem Bedürfnis nach etwas hat, das die reguläre Erfahrung übersteigt.“

Von der Erschütterung zur Philosophie

Eine Grunderfahrung ist das Wunder – oder das Wundern – aber auch für die Philosophie, sagt Schulz: „Weil Platon am Beginn unserer abendländischen Tradition des Philosophierens großen Wert darauflegt, zu sagen, dass die Philosophie mit dem Staunen beginnt: Sie beginnt mit einer Erfahrung der Entselbstverständlichung.“ Etwa, wenn Sokrates die Menschen im Gespräch dazu bringt, lieb gewonnene Überzeugungen infrage zu stellen. „Dazu braucht er aber diese Erschütterungserfahrung und das ist der Ausgangspunkt des Philosophierens.“
Wunder im engeren Sinne lassen sich aus Sicht des Theologen mit den Instrumenten der Vernunft allerdings nur begrenzt erfassen, wie er am Fall der christlichen Auferstehung erklärt:
„Wenn ich Christ sein will und also der Auferstehung zustimme, muss ich auch gleichzeitig voraussetzen: Damit wird etwas gesagt, was die Grenzen des Begreifbaren sprengt. Denn alles was wir aus Erfahrung wissen, ist: Menschen sind Lebewesen und Lebewesen sterben.“
(ch)

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