Jenseits von Legenden und Schundliteratur

Wer war Pontius Pilatus?

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"Die Handwaschung Pilati". Oel auf Leinwand, 153 x 205 cm. INV. 1363 Paris, Musee du Louvre.
War Pilatus Henker oder Heiliger? Auch auf diesem Gemälde scheint er beides zu sein: "Die Handwaschung Pilati" im Pariser Louvre. © picture-alliance / akg-images / Erich Lessing
Jens Herzer im Gespräch mit Christopher Ricke · 12.04.2020
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Ohne Kreuzigung keine Auferstehung. Darum ist Pontius Pilatus, der römische Statthalter zu Zeiten Jesu, so wichtig. Der Theologe Jens Herzer hat sich mit der historischen Figur intensiv beschäftigt und erklärt, warum Pilatus es sogar bis ins Glaubensbekenntnis geschafft hat.
Christopher Ricke: Es gäbe kein Osterfest, es gäbe keine Auferstehung, wenn es nicht Christi Tod am Kreuz gegeben hätte. Und diesen Tod am Kreuz hätte es - zumindest so - nicht ohne Pontius Pilatus, den römischen Statthalter gegeben. Pontius Pilatus ist sehr wichtig, er ist so wichtig, dass er es bis ins Glaubensbekenntnis geschafft hat: Gelitten unter Pontius Pilatus, heißt es da. Ich habe mit Jens Herzer gesprochen. Der Theologieprofessor in Leipzig hat das Buch "Pontius Pilatus: Henker und Heiliger" geschrieben. Herr Herzer, man könnte jetzt fragen, Henker oder Heiliger, aber Sie haben sich entschieden, Henker und Heiliger. Sind Sie sich da so ganz sicher?
Jens Herzer: Na ja, sicher ist vielleicht das falsche Wort, aber der Titel kommt dadurch zustande, dass die Figur des Pilatus natürlich eine sehr schillernde Figur ist, gerade unter der Perspektive, die Sie gerade schon angedeutet haben. Die Bedeutung, die der Tod Jesu für die christlichen Kirchen und überhaupt für den christlichen Glauben, die Entstehung des Christentums gewonnen hat, hängt natürlich maßgeblich an Pilatus. Und das ist auch der Grund dafür, dass manche kirchliche Traditionen ihn zum Heiligen gemacht haben.
Ricke: Was sind das für kirchliche Traditionen, sind das die Kopten in Ägypten?
Herzer: Genau, das sind vor allen Dingen die koptischen Kirchen, für die Pilatus genau aus diesem Grunde zum Heiligen wurde, weil er nämlich als Präfekt Judäas, als römischer Statthalter am Tod Jesu mitgewirkt hat und dadurch eben auch am Heil der Welt und insofern Teil des göttlichen Heilswerk geworden sind – so jedenfalls in der Vorstellung dieser Heiligenlegenden.

Pilatus war ein besonderer Präfekt

Ricke: Nun hat Pontius Pilatus, ich hab es gerade schon gesagt, es bis ins Glaubensbekenntnis geschafft, im Gegensatz zum Beispiel zum Hohepriester Kaiphas, der ja ebenfalls am Tod Christi beteiligt war. Aber warum gerade dieser Ungläubige, warum dieser Römer?
Herzer: Das ist eine interessante Frage. Genauso könnte man vielleicht Judas dort auch im Glaubensbekenntnis erwarten, weil er natürlich auch eine prominente Rolle in der Auslieferung Jesu an den Hohen Priester und dann eben auch an Pilatus hat und damit eben auch zum Heilswerk beigetragen hat.
Aber der Römer Pilatus ist natürlich insofern eine prominente Figur, als er für das Christentum insofern wichtig war, weil er gewissermaßen ein Repräsentant jenes Imperium Romanum gewesen ist, in dem sich dann zunehmend das entstehende Christentum etablieren musste und dann ja auch über kurz oder lang zur Reichsreligion geworden ist und damit eben sozusagen die römische Macht dort mit im Glaubensbekenntnis verankert ist als eine, die letztlich an dieser Heilsgeschichte mit beteiligt war.
Ricke: Sie haben sich ja intensiv auch mit Quellen außerhalb der biblischen Texte beschäftigt. Wie kann man denn diesen Pontius Pilatus in seiner historischen Bedeutung einordnen, vielleicht auch im Vergleich zu anderen römischen Statthaltern? War er ein besonderer, war er ein ganz normaler oder eigentlich eher ein unwichtiger?
Ein bebrillter, grauhaariger Mann lächelt in die Kamera.
Der Pontius-Pilatus-Forscher und Theologie-Professor Jens Herzer© Evangelische Verlagsanstalt
Herzer: Pilatus ist insofern ein besonderer Präfekt in der Reihe der römischen Statthalter in Judäa, weil ihm eine der längsten Amtszeiten zum Beispiel zukommt. Die meisten gehen davon aus, dass er etwa zehn Jahre im Amt war. Neuere Ansätze – und auch das halte ich für nicht ganz unbegründet – gehen davon aus, dass er sogar deutlich mehr als zehn Jahre im Amt war.
Das ist für Statthalter sehr ungewöhnlich und zeigt eigentlich, dass Pilatus eine recht, ja, wie soll man sagen, eine sehr gelungene Art von politischer Machtausübung geschafft hat, die es ihm gestattet hat, seine Macht zu stabilisieren. Das hängt auch mit der Kollaboration mit dem Hohen Priester zusammen, Kaiphas, der ebenfalls eine sehr lange Amtszeit innehatte. Insofern kann man schon sagen, dass Pilatus da auch eine Sonderstellung hat. Normalerweise wurden Präfekten so im Rhythmus von zwei bis drei Jahren etwa ausgewechselt, auch um die Korruption einzudämmen.

Reichlich Schundliteratur

Ricke: Jetzt gibt es ja außerhalb der Wissenschaft reichlich Pilatus-Literatur – da gibt es Romane, Filme, Hörbücher, vermutlich gibt es auch einigen Schund dabei. Haben Sie sich das auch angesehen?
Herzer: Das gehört zur Wirkungsgeschichte dieser Figur. Natürlich ist Pilatus insofern auch Grund für literarische Fantasie und literarische Spekulationen, nicht zuletzt deshalb, weil auch seine Frau in einem der neutestamentlichen Evangelien, im Matthäus-Evangelium vorkommt und dadurch natürlich die Beziehung zwischen Pilatus und seiner Frau eine gewisse Bedeutung erlangt. Es wird relativ wenig darüber gesagt – und das ist natürlich immer Grund für fantasievolle Spekulationen, die sich dann eben auch in Romanliteratur zum Teil bis in die jüngste Gegenwart hinein.
Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Pilatus-Romane oder auch Romane über die Frau des Pilatus entstanden sind, die, für meine Begriffe jedenfalls, zum Teil auch zur Schundliteratur gehören – das kann man vielleicht so sagen – oder zumindest einer nicht sehr anspruchsvollen Art von Literatur. Aber es gibt natürlich auch große Werke der Weltliteratur, die diesen Stoff mit verarbeiten.
Ricke: Die Stelle ist wirklich klitzeklein bei Matthäus. Da geht es darum, dass die Frau einen Boten schicken lässt, und der berichtet dann von einem Traum: Hast du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten – also Jesus. Allein aus so einem Satz entwickelt sich dann so viel.
Herzer: Ja, das ist tatsächlich erstaunlich, weil dieser Satz natürlich mehrdeutig ist, angefangen von der Frage, woher kommt eigentlich dieser Traum. Normalerweise sind Träume in antiken Erzählungen stets durch göttliche Mächte oder überhaupt die Götter verursacht. An welchen Gott soll man bei der Frau eines Römers eigentlich denken? Wir wissen über sie nicht, wo sie herkommt, welcher Religion sie spezifisch angehört hat. Dass sie der römischen Religion in irgendeiner Weise verpflichtet war, das ergibt sich daraus, dass sie die Frau eines römischen Präfekten war, und deshalb hat man ihr dann eben auch schon so eine Art verborgenes Christentum zugesprochen.
Das ist auch eine Grundtendenz in der Pilatus-Legende, auch in der Legende über die Frau des Pilatus, dass sich aus der Reflexion dessen, was da passiert ist mit Jesus, dass Pilatus Jesus zum Tod verurteilt hat, dass da so ein Prozess des Umdenkens, der Buße eingeleitet wurde, der letztlich dazu führte, dass sowohl die Frau des Pilatus – diese an erster Stelle – und dann eben auch der Präfekt zu Christen wurden.

Pilatus war an Jesus kaum interessiert

Ricke: Nehmen wir uns die wichtigste Geschichte bei Matthäus, das ist natürlich das Verhör, das Angebot, Jesu freizulassen, das Waschen der Hände in Unschuld – das ist ja auch symbolisch und ikonisch geworden. Auch auf Ihrem Buch sehe ich eine Waschschüssel und einen Wasserkrug, also da geh es um dieses Waschen der Hände. Wie beschreiben Sie denn heute, gestützt auf die historischen Quellen, die Sie ausgewertet haben, die Beziehung zwischen Pilatus und Jesus?
Herzer: Man kann davon ausgehen, dass unter historischem Gesichtspunkt die Beziehung zwischen Pilatus und Jesus eigentlich nur marginal gewesen ist. Viel interessanter ist in dieser ganzen Geschichte das Agieren des Hohen Priesters Kaiphas und Pilatus in dieser Geschichte in dem Vorgehen gegen Jesus. Aber Pilatus selber war an Jesus eigentlich nicht interessiert, sondern die Kräfte – das ist eigentlich ziemlich deutlich auch, sowohl in den Evangelien als auch dann in der Überlieferungsgeschichte –, die Kräfte, die Jesus beseitigen wollten, die kamen zum großen Teil aus den führenden Kreisen des Jerusalemer Judentums.

Passionsgeschichte heute

Ricke: Herr Herzer, gestatten sie einen Blick nach Oberammergau. Zu den Passionsspielen, die alle zehn Jahre stattfinden. Die wegen Corona aber auf 2022 verschoben werden mussten. Da ist die Rolle des Pontius Pilatus eine Hauptrolle neben Jesus, Maria, Judas und Kaiphas. Wieviel hat das aus Ihrer Sicht mit der historischen und biblischen Wahrheit zu tun?
Herzer: Das ist sehr unterschiedlich. Die Oberammergauer Passionsspiele sind nicht die einzigen, es ist ja nicht die einzige Inszenierung dieser Geschichte. Auch in anderen Theaterstücken, Filmen vor allen Dingen auch spielt Pilatus eine zentrale Rolle, eben weil er eine so ambivalente Funktion innerhalb der Geschichte Jesu hat und natürlich historisch gesehen derjenige war, der Jesus letztlich zum Tode verurteilen musste.
Insofern kann ich nachvollziehen, dass man in einer schauspielerischen Darstellung, in literarischen Darstellungen dieser Figur eine besondere Aufmerksamkeit widmet, weil auch innerhalb der Evangelienüberlieferung die Bedeutung des Pilatus und die Rolle des Pilatus, auch das, was Pilatus zur Causa Jesu zu sagen hat, stetig anwächst. Also der Letzte in der Reihe der Evangelisten zum Beispiel, das Johannes-Evangelium, da führt Pilatus einen regelrecht philosophischen Dialog mit Jesus um die Frage nach der Wahrheit.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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