Wsewolod Iwanow: "U"

    Hochtouriges Gewimmel und Gequassel

    06:19 Minuten
    Das Buchcover "U" von Wsewolod Iwanow ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen.
    Anleihen beim pikaresken Roman, dem komischen Stummfilm, der Commedia dell’arte, der Psychoanalyse, der Erzähltheorie: "U" von Wsewolod Iwanow. © Deutschlandradio / Verlag Matthes & Seitz
    Von Jörg Plath · 09.07.2021
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    Stalins oberster Literaturzensor Wsewolod Iwanow schrieb insgeheim den Roman "U", in dem die Sowjetmacht veralbert wird. Das Buch hat mit dem sozialistischen Realismus wenig, mit dem komischen Stummfilm um so mehr zu tun.
    Schon der Einstieg des Romans ist eine skurrile Spielerei: Der Erzähler kündigt Fußnoten an und bekennt aber nach den Hinweisen auf Bergson, Spinoza, Hegel usw., es gebe es keine Textstellen zu den Fußnoten. Der Leser solle aber gleichwohl froh sein, denn er müsse sich nicht durch eine Einleitung kämpfen, erspare sich eine kritisch-biografische Hinführung, ein Personenregister, ein Glossar der altgriechischen Wörter ("die im Text zwar nicht vorkommen, deren Erwähnung aber auf 121 Seiten notwendig wäre"), einen Aufsatz über das Privatkapital sowie weitere Ausführungen.
    Wenn man diese gesparten Seiten in Rechnung stelle und die Fußnoten davon abziehe, habe der Leser immer noch 2500 Seiten Gewinn gemacht! Nach diesem spielerischen Auftakt wird Wsewolod Iwanows "U" formal deutlich konventioneller. Allerdings nur formal.

    "Umgeschmiedet" für die klassenlose Gesellschaft

    Ein Trio steht im Mittelpunkt: Tscherpanow wirbt Menschen aus bürgerlichen Schichten an, die in einem Kombinat am Ural, das unter Arbeitskräftemangel leidet, "umgeschmiedet" werden sollen für die klassenlose Gesellschaft.
    Dr. Andrejeschin schließt sich Tscherpanow an. Der Psychoanalytiker behandelt zwei Juweliere, die eine Krone für den Kaiser der Vereinigten Staaten angefertigt haben wollen, und sucht im Moskau des Jahres 1931 nach dem ausländischen Auftraggeber.
    Zwischen dem sozialistischen Menschenumschmieder und dem Doktor steht der Erzähler Jegor Jegorytsch, ein Knappe für zwei von großen Ideen beherrschten Herren. Es fehlt Rosinante, das Pferd des Don Quijote, denn die drei kommen selten aus einem großen Moskauer Haus heraus. Jegorytsch sieht abwechselnd Tscherpanow und dem Doktor beim Propagieren und beim Interpretieren zu.

    Eine fliegende Sahnetorte

    Zur US-Kaiserkrone und der Umschmiedung, die unter den ehemals bürgerlichen, nun verarmten und schmutzigen Elementen im Haus handgreifliche Ängste vorm Kastrieren weckt, gesellen sich bald ein verschwundener US-amerikanischer Anzug, die Liebe, eine gutorganisierte Schieber- und eine Schlägerbande und einiges mehr.
    Der Doktor erklärt einer angebeteten Schönen auf sechs Seiten Varianten einer Liebeserklärung, sie antwortet auf fünf Seiten mit Möglichkeiten, die Liebe zurückzuweisen, um ihn dann zu küssen, worauf er in Gedanken von dannen geht.
    Andere Leidenschaften nehmen "juristischen Charakter" an, und nach allerlei Prügeleien, aus denen der Doktor versehrt, aber unverändert hervorgeht, fliegt endlich auch eine Sahnetorte. Ihr Mindesthaltbarkeitsdatum ist natürlich abgelaufen.

    Das politische Über-Ich strauchelt

    Das hochtourige Gewimmel und Gequassel, von Regine Kühn trocken-beschwingt übersetzt, ist amüsant, weist aber Längen auf. Die Anleihen beim pikaresken Roman, dem komischen Stummfilm, der Commedia dell’arte, der Psychoanalyse, der Erzähltheorie und einigem anderen haben ihren Preis.
    Zumal Wsewolod Iwanow das Manuskript, an dem er Jahrzehnte arbeitete, niemandem zeigte. Als Stalins oberster Zensor, der festlegte, welche Romane erscheinen durften, wusste er, warum.
    Alexander Etkind schildert in einem gehaltvollen Nachwort, warum "U" erst in den Achtzigerjahren erscheinen konnte: Der Roman zeigt die andere Seite der Sowjetunion. Immer wenn Tscherpanow eine kämpferische Rede für den Einzug auch der unterlegenen Klassen in die klassenlose Gesellschaft gehalten hat, fragen die Zuhörer: "Ist das offiziell?"
    Die Sowjetmacht hat die Gesellschaft noch nicht im Griff, das politische Über-Ich strauchelt, und das führt in ein Tollhaus, in dem Legenden und Psychosen, Interessen und Ideale mit Torten gegeneinander antreten.

    Wsewolod Iwanow: "U". Roman in zwei Teilen, zusammengestellt nach den Aufzeichnungen von Jegor Jegorytsch
    Aus dem Russischen übersetzt von Regine Kühn
    Mit einem Nachwort von Alexander Etkind
    Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2021
    560 Seiten, 28 Euro

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