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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.12.2018

Wohnungstausch in BerlinTapetenwechsel per Mausklick

Von Tim Zülch

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Ein Paar am Herd. Ein Single am Herd. (Unsplash / Saroush Karimi / Aaron Thomas)
Wohnungstausch wird in Berlin einfacher – mit dem Onlineportal der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land. (Unsplash / Saroush Karimi / Aaron Thomas)

Wenn Paare Kinder bekommen, wird die alte Wohnung irgendwann zu klein. Alte Menschen wiederum wollen mitunter in eine kleinere Wohnung wechseln. Solche Menschen will die Wohnungsbaugesellschaft "Stadt und Land" in Berlin jetzt über ein Tauschportal zusammenbringen.

Ein Wohnhaus in Berlin Treptow. Thomas Michaels und Gesine Markert wohnen mit ihrer kleinen Tochter im vierten Stock. Zwei Zimmer-Küche-Bad – knapp 70 Quadratmeter. Beim Einzug war es für sie die Traumwohnung.

"2006 bin ich ja hierhergekommen, hab mir die Wohnung angeschaut. Dann sind wir auf den Balkon getreten, und dann habe ich diese unglaubliche Aussicht wahrgenommen, das heißt, ich konnte von hier bis Berlin-Mitte reinschauen. Das war für mich eine der Haupt-Entscheidungspunkte, hierher zu ziehen, jetzt mal im Vorderhaus zu wohnen und in fast jede Richtung eine solche Weite zu haben."

Dann kam die Tochter Judith dazu. Und seit sich weiterer Nachwuchs angekündigt hat, ist klar: Die Wohnung wird zu eng werden. Bereits jetzt hat die junge Familie Mühe, ihre Platzbedürfnisse unter einen Hut zu bekommen.

"Jetzt sind wir hier im Wohn-Kinderzimmer quasi. Also tagsüber ist es das Reich unseres Kindes, und abends ist es dann unser Reich, wenn das Kind ins Bett geht. Am Wochenende lese ich dann in der Küche meine Zeitung oder arbeite drüben im Schlaf-Arbeitszimmer, würde ich sagen."

Seit einiger Zeit schon verfolgen Thomas Michaels und Gesine Markert Wohnungsanzeigen im Internet oder auf dem Schwarzen Brett im Supermarkt. Doch die geforderte Miete der Wohnungen liegt meist über 10 Euro Warmmiete. Das Limit, das sich die junge Familie gerade noch leisten könnte. Mitte September fanden sie ein Faltblatt ihres Vermieters der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land im Briefkasten. Darin wurde ein neues Wohnungstauschportal vorgestellt. Michaels hatte sich unverzüglich angemeldet. David Eberhard, Pressesprecher des Verbandes der Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) erklärt die Idee dahinter.

"Die Möglichkeit zum Wohnungstausch gibt es bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen in Berlin seit 2012. Neu seit September ist, dass man zum einen innerhalb der gesamten Gruppe der sechs landeseigenen Unternehmen tauschen kann, das sind immerhin 305.000 Wohnungen, die da potenziell im Tauschpool drin sind. Zum anderen, dass man in die Miete des Vormieters eintritt. Das war bislang auch anders geregelt."

Umzug als logistische Herausforderung

Bisher sind rund 1100 Wohnungen von Tauschwilligen im Online-Portal eingestellt. Die Abwicklung eines Wohnungstauschs kann allerdings eine logistische Herausforderung sein. Denn beide Umzüge müssen an ein und demselben Tag stattfinden und die Wohnungen jeweils besenrein übergeben werden. Ende Oktober konnten die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Katrin Lompscher, und die beteiligten Wohnungsbaugesellschaften einen ersten Erfolg verkünden: Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wurden die ersten beiden Wohnungen getauscht. Katrin Lompscher ist zufrieden.

"Also wenn tatsächlich ein Einpersonenhaushalt aus einer Dreizimmerwohnung auszieht und dafür ‘ne Familie mit Kind eine angemessen große Wohnung bekommt, dann haben wir zwei Wohnungsprobleme gelöst, ohne eine Wohnung gebaut zu haben. Wenn sich das rumspricht, bietet es natürlich die Chance, dass vorhandener Wohnraum bedarfsgerechter verteilt werden kann."

Thomas Michaels sitzt vor seinem Laptop und scannt die Angebote. Doch noch hat er mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

"Warum nimmt der jetzt hier... Egal, egal. Ist ‘ne Badewanne wichtig? Schon, ne? Ein Balkon wäre auch schon toll. Meines Erachtens habe ich diese Kriterien auch schon mal eingegeben. O.k., jetzt ist es auch wieder weg. Ist jetzt nicht zwingend intuitiv. Ich sitze ja nun täglich vorm Rechner, und trotzdem muss ich mich jetzt erstmal hier so ein bisschen reinfuchsen. Tschüss Balkon und – sagen wir mal – Tschüss Badewanne. Jetzt müsste es nun eigentlich auch mal losgehen. O.k., habe ich quasi null Treffer."

Später gelingt es Thomas Michaels durch das Spiel mit den Kriterien doch noch eine Wohnung zu finden, die in Frage kommen könnte. Eine 4-Zimmer Wohnung in Treptow.

"Fernwärme, frühester Umzugstermin: 30.10.2019. Das wäre auch ein für uns durchaus adäquater Umzugszeitpunkt… Hört sich erstmal ziemlich gut an."

Insgesamt bleibt für ihn aber ein zwiespältiges Fazit.

"Das ist jetzt erstmal die Erkenntnis, die ich daraus gewinne: Alle wollen sich vergrößern, aber keiner will sich wirklich verkleinern. Und da ist sozusagen momentan eine Lücke, die es zu schließen gilt – über weitere Anreize."

Angebot auf private Mieter ausweiten

Das sieht auch Senatorin Lompscher ähnlich.

"Dann wird es sicher so sein, dass man bestimmten Bewohnergruppen – und dazu würde ich auch ältere Leute zählen – vielleicht ein bisschen unter die Arme greifen muss. Wir wollen ja niemanden nötigen. Es ist tatsächlich ein Angebot, die Leute sollen das freiwillig nutzen. Da kann es einfach gut sein, dass man Unterstützung braucht. Wenn sie um zusätzliche Hilfestellung bitten, dann soll man sich dem nicht verschließen. Das kann und muss man im Einzelfall ein bisschen erspüren, will ich mal sagen."

Da seien vor allem die Kundenzentren der Wohnungsunternehmen gefordert, so die Senatorin.

Auch Reiner Wild, vom Berliner Mieterverein, sieht trotz Schwierigkeiten durchaus Potenzial im Tauschportal. Kann sich aber auch vorstellen, dass Angebot auf private Vermieter auszuweiten – und erinnert vor allem an die 1920er-Jahre.

"Es gab solche Regelungen des Wohnungstausches in der Vergangenheit auch schon für den privaten Wohnungsmarkt. Da konnte der Wohnungstausch veranlasst werden durch sogenannte Mieteinigungsämter der Kommunen, die die Möglichkeit hatten, einem Vermieter auch einen Mieter reinzusetzen. Natürlich würde man dadurch das Potenzial möglicher Wohnungen deutlich erhöhen, wenn man die privaten Wohnungsbestände einbeziehen könnte."

Thomas Michaels und Gesine Markert sind überzeugt, dass ein Wohnungstausch auch für ältere Mieter in großen Wohnungen durchaus Vorteile haben könnte. Gesine Markert:

"Die Idee könnte sein, dass der Wohnungstausch noch stärker eingebettet ist in eine gegenseitige Verantwortung. Dass die junge Familie und die ältere Person sich auch kennen lernen und sich vielleicht sogar gegenseitig besuchen. Wie wohnt die junge Familie? Und so bekommen sie eine Idee, dass sie auch was Gutes tun könnten und unterstützen könnten. Dass man dann auch gemeinsam Veranstaltungen wahrnimmt. Oder rufst du uns an, wenn was zu reparieren ist. Man wäre sozial dann auch stärker eingebunden."

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