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Fazit | Beitrag vom 14.03.2021

Wohnraum-Trilogie der Guerilla ArchitectsAlice im Wunderland des Kapitals

Von Gerd Brendel

Collage: Die Performerin Alicia Augustin steht vor einem Hochhaus, um sie herum Wasser. (Phil Dera)
Entgeisterte Blicke: Die Performerin Alicia Augustin führt durch die Trilogie. (Phil Dera)

Wer darf wo wie wohnen? Dieser Frage widmet sich das Künstlerkollektiv Guerilla Architects in seiner Trilogie "1 km² Berlin". Im dritten Teil geht es um die Ideologie hinter der Dienstleistungswunderwelt.

Die Onlineshow beginnt mit einem Satellitenblick auf das schöne neue Hochhausareal an der Spree zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße zu unheilschwangeren Elektro-Beats.

Szenenwechsel: Ein freundlicher Herr zeigt uns seine 0815 eingerichtete Ferienwohnung mit den obligatorischen Designermöbeln und der Glasfront mit Blick über die Stadt. Am linken Bildrand wird die Performerin Alicia Augustin eingeblendet. Sie übersetzt die Wohnungstour in die Weltsprache der globalen Rollkoffernomaden mit einer Menge wertsteigernder Adjektive: amazing, wonderful, perfect.

Online-Performance für Wohnungssuchende

Willkommen in der Dienstleistungswelt von Amazon, Airbnb und Zalando und Dating-Apps, wo alles von Beziehung bis Wohnung zur Ware wird. 1 km² Berlin – The more you know… ist der letzte Akt einer Trilogie des Medienkunstkollektivs Guerilla Architects und der Performerin Alicia Augustin.

Im ersten Teil tauchte Augustin ein in die "Sprache der Spekulation" – so der Titel der Online-Performance – und zitierte im smarten Bürokostümchen aus den Hochglanzbroschüren von Immobilieninvestoren. Im zweiten Teil dann der "Reality-Check", die harte Realität als reale Performance auf der Straße und in Hauseingängen mit einer fiktiven Wohnungsbesichtigung und den Zuschauern in der Rolle von Wohnungssuchenden. Jetzt also der dritte Teil als Online-Performance mit live geschalteter Chatfunktion.

Ideologie der Share Economy

Einen Blick in die Welt der Gig- und Share-Ökonomie verspricht die Ankündigung des Livestreams, gesehen durch den Blick der zunehmend ratloser wirkenden Alicia Augustin, die jetzt in ihrem schicken Apartment auf ihren Computerbildschirm starrt – inmitten von Türmen aus Paketen, wie sie tagtäglich von Online-Versandfirmen millionenfach verschickt werden.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Der großartige Emeka Ene erläutert mit Filzstift den Weg der nomadisierenden Jäger und Sammler der Steinzeit zu den globalen Nomaden der Gegenwart. Sesshaftigkeit, Besitz gehören der Vergangenheit an, erzählt er. Alles, was wir wissen müssen, ist als digitale Information jederzeit und überall verfügbar. Wir fliegen um die halbe Welt und fühlen uns überall zuhause. Alles wird von allen geteilt, verkündet Ene in der Rolle des freundlichen Ideologen der "Share Economy": Teilen ist Freude.

Aber Moment, Geld fließt doch trotzdem. Gewinne werden gemacht. Und wer kann sich eigentlich die neue Freiheit der globalen Nomaden leisten? Als Antwort erscheint jetzt wieder ein Satellitenbild der Erde mit den Firmenzentralen eben dieser Internetfirmen.

Glänzend und ohne Tiefe

In ihrem Glas- und Betonheim bekommt jetzt Alicia Augustin Besuch: Der Märzhase und der verrückte Hutmacher aus "Alice im Wunderland" zelebrieren eine Teeparty. Sie türmen Geschirr auf Geschirr und überschütten die arme Alice-Alicia mit Keksen. Dabei wollte die doch nur eine Tasse Tee und ein Plätzchen am Tisch. Der Kinderbuchklassiker als Kapitalismusmetapher: Unsere wahren Bedürfnisse bleiben unerfüllt, stattdessen überflüssige Konsumangebote.

Nach einer knappen Stunde stolpert Augustin aus ihrer Dienstleistungswunderwelt ins Freie. Draußen kalte Berliner Nacht. Ein letztes Mal fängt die Kamera Alicia Augustins entgeisterten Blick ein. Im Livechat fragt eine Zuschauerin: "Ich besitze eine Wohnung. Was soll ich tun?" Mir fällt das befreundete Ehepaar ein, das seit zwei Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt.

"The more you know" – dieses Versprechen hat die Online-Performance nicht eingelöst. Die Fakten zu Internetwirtschaft, E-Commerce, globalen Datenströmen und Dienstleistungsgesellschaft sind bekannt. Und so bleibt am Ende nichts weiter als die Erinnerung an noch einen Videoclip mehr, so wie die Edelstahloberflächen einer Designerküche oder die flache Oberfläche meines Computerbildschirms – glänzend und ohne Tiefe.

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