Wissenschaft und Wahrheit

Der blinde Fleck der Postmoderne

Blick in ein Kaleidoskop, Elemente der umliegenden Häuser und des Rathauses in Hamburg sind zu sehen.
Es ist nicht alles eine Frage der Perspektive: Der Schriftsteller Alexander Estis hält nichts von Relativismus und sozialem Konstruktivismus. © picture alliance/dpa
Ein Einwurf von Alexander Estis · 02.02.2022
Objektivität? Gibt es nicht. Wirklichkeit? Eine soziale Konstruktion. Dieses Denken fällt der poststrukturalistischen liberalen Elite jetzt auf die Füße, meint Alexander Estis: Denn auch Verschwörungstheoretiker bedienten sich dieser Argumentation.
Nicht wenige poststrukturalistisch geschulte Intellektuelle haben über lange Zeit gewisse Freiheiten des Denkens für sich beansprucht – darunter nicht nur prätentiöse Paradoxa und krude Kalauer, sondern auch radikalen Relativismus und sozialen Konstruktivismus. Die Vorstellung also, nach der verschiedenste Wirklichkeitsbeschreibungen relativ und alle möglichen Realitäten sozial konstruiert sind.
Dabei mag man angenommen haben, dass solche Freiheiten stets im Zeichen des kritischen Denkens stehen würden. Weit gefehlt! Wissenschafts- und fortschrittsfeindliche, neurechte und verschwörungstheoretische Ideologen machen sich dieses Denken und Reden gleich auf zweierlei Weisen zunutze:
Einerseits, indem sie sich gegenüber den verschwurbelten Orakelsprachen der Akademikerelite durch populistische Prägnanz profilieren, und dies leider nicht ohne Erfolg. Andererseits, indem sie selbst die äußerliche Mechanik linksintellektueller Argumentationsweisen imitieren – sich aber deren tieferer Motivationen kurzerhand entledigen.

Ohne objektive Wahrheit hat eben jeder seine eigene

Die Rechte hält uns einen hässlichen Zerrspiegel vor: Schaut nur! Ihr sagt ja selbst, dass die Naturwissenschaften keinerlei Objektivität für sich geltend machen können. Dass deren Allgemeinheitsanspruch nur aufgrund einer logozentrischen, eurozentrischen, kulturrelativistisch betrachtet unhaltbaren Monopolstellung behauptet werden kann. Dass die Naturwissenschaft also nur eine unter vielen möglichen Sichtweisen auf die Welt darstellt.
Wenn das so ist, brauchen wir den Naturwissenschaftlern keinen Glauben zu schenken – und können uns beispielshalber Impfungen ohne Weiteres verweigern. Wenn alles nur gesellschaftliches Konstrukt ist, dann mag auch die Pandemie konstruiert sein. Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, dann habe ich eben meine eigene Wahrheit und meine alternativen Fakten.
Viele Linksintellektuelle echauffieren sich jetzt zurecht über Fake News, Verschwörungstheorien und grassierenden Antiszientismus. Auch wenn sie diesen Phänomenen gewiss nicht den Boden bereitet haben, können sie ihnen doch auch kein philosophisch fundiertes Bekenntnis zu Rationalität, Aufklärung und Wissenschaftlichkeit entgegensetzen. Sie haben ihr erkenntnistheoretisches und logisch-kritisches Rüstzeug freiwillig auf dem Altar vermeintlicher Fortschrittlichkeit niedergelegt und mit ihm die regulative Idee der Wahrheit verspielt. So verloren sie jegliche Wehrhaftigkeit gegen die Handlanger der Lüge und Unvernunft.

Die erkenntnistheoretische Pandemie eindämmen

Radikaler Konstruktivismus liefert immer nur miserable Antworten auf schmerzhaft reale Problemlagen. Ein alles billigender Werterelativismus scheitert daran, den staatlichen Laizismus wie die wissenschaftliche Neutralität gegenüber religiösen und ideologischen Wucherungen abzugrenzen. Und kryptische Jargons vermögen ausgrenzender Hassrede nicht sprachwirksam entgegenzutreten. Gegen dieses Virus haben sie gewissermaßen kein Vakzin.
Man muss die Errungenschaften der Postmoderne nicht leugnen, um ihr diese blinden Flecken attestieren zu können. Sie werden gerade heute im Zerrspiegel ihrer Vereinnahmung und Denunzierung durch Ideologen diverser Couleur überdeutlich.
Es wird daher allerhöchste Zeit, auch die erkenntnistheoretische Pandemie einzudämmen: Allerhöchste Zeit also, dass progressive Intellektuelle wieder Abstand gewinnen zu jenem Irrationalismus, mit dem sie so gern kokettieren. Dass sie wissenschaftsfeindlichem Relativismus eine Ausgangssperre erteilen, jeglichen Radikalkonstruktivismus in die historische Quarantäne verbannen und verschwurbeltem Jargon einen Mundschutz verpassen. Kurzum, dass sie sich auf rationalistische, aufklärerische, methodisch wie rhetorisch redliche Denkarbeit besinnen.

Alexander Estis ist Schriftsteller und Kolumnist. 1986 in Moskau geboren, studierte er in Hamburg deutsche und lateinische Philologie, anschließend lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland sowie in der Schweiz, wo er seit 2016 als freier Autor lebt. Zuletzt erschien von ihm das »Handwörterbuch der russischen Seele« bei der Parasitenpresse Köln.

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