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Tonart | Beitrag vom 03.02.2020

Winter-Open-Air im Münchner WerksviertelExzentrisches Festival mit Musik unter Wasser

Von Susanne Lettenbauer

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Die Künstlerin Nana Bech ist in einem Wasserbecken zu sehen. Sie spielt ein speziell konstruiertes Instrument namens Rotacorda. Links hat eine Kurbel, rechts einen Trichter wie vom Grammophon bekannt.  (Charlotta de Miranda)
Musikerin Nanna Bech spielt das Unterwasserinstrument Rotacorda. Nur eines der außergewöhnlichen Instrumente im Rahmen des Querdenker-Festivals "Out of the Box". (Charlotta de Miranda)

Sirenenklänge aus dem Wasser, Instrumente aus Eis und Piano am Kran: Bis im Münchner Werksviertel der Bau eines neuen Konzertsaals startet, bespielt ein Künstlerverein das Gelände. "Out of the Box" ist auf einem guten Weg zum exzentrischsten Januar-Festival Europas.

Das rote Kleid bauscht sich langsam auf, fällt in sich zusammen, bauscht sich wieder, die Haare schweben senkrecht nach oben und die Töne – sie klingen ungewohnt dumpf aus den fünf rechteckigen Wasserbassins, in denen zwei Sängerinnen und drei Musiker abgetaucht sind für das Münchner Festival "Out of the Box". Sirenenklänge dringen aus den Bassins wie aus einer anderen Welt. Hörgewohnheiten verschwimmen.

Zwölf Jahre tüftelten die fünf Künstlerinnen und Künstler der dänischen Formation Between Music an der Umsetzbarkeit ihres Traumes von Wassermusik, "aquasonic", versenkten Geigen, Trommeln und Metallglocken in Swimmingpools, ließen sich in Kanada eine Wasserorgel entwerfen.

Herausgekommen sind Instrumente mit Namen wie Hydraulophon, Crystallophon, Rotacorda. Unterwassermikrofone verstärken die sphärischen Klänge, das Aus- und Einatmen bestimmt den Rhythmus der Musik, denn Tauchflaschen oder Schnorchel gibt es nicht.

Querdenken in München 

"'Out of the Box' steht für dieses Querdenken, für dieses außerhalb-von-Schubladen-Denken, und das versuchen wir in diesem Festival auf die Spitze zu treiben." Martina Taubenberger, Leiterin des außergewöhnlichen Festivals und der Whitebox im Werksviertel entwarf dieses neue Festival für München, speziell für das Werksviertel, das die Kreativzelle der bayerischen Landeshauptstadt sein soll, noch bevor der geplante neue Konzertsaal in der Nachbarschaft steht.

"Es geht nicht nur um das Spektakel, sondern da stecken schon auch künstlerische Überlegungen drin, die auch auf einer tieferen Ebene sehr berühren und das möchten wir den Menschen schenken ein Stück weit."

Hör- und Sehgewohnheiten aufbrechen, Musik ganz anders denken – das ist der rote Faden von "Out of the Box". Wie klingt ein Klavier, wenn es per Datenhandschuhen gespielt wird? Pianist, Musikproduzent und Musikprofessor Ralf Schmid aus Freiburg überraschte bereits 2016 im Karlsruher ZKM mit seinem Projekt "Digital Augmented Reality on the Grand Piano". 

Pyanook, so der Titel seines Abends und passend zur Jahreszeit, bezieht sich auf den Inuitnamen Anuuk.

Blasinstrumente aus Eisblöcken

Wasser, Eis, Kälte - genau die Zeit für Wasser- und Eismusik. Der Norweger Terje Isungset baut jedes Jahr aufs neue Xylophone und Blasinstrumente aus Eisblöcken. Für München holte er die Brocken aus Österreich.

Je weniger Umweltverschmutzung umso mehr vibriert und klingt das Eis, erklärt er den Zuhörern des Open-Air-Konzerts auf dem Dach der Whitebox.

Welche Töne, welche Musik in dieser unwirtlichen Zeit auch open air möglich sind, hinterfragt das ungewöhnliche Festival, das zwar schon zum zweiten Mal läuft, aber erst in diesem Jahr wirklich wahrgenommen wird:

Das vertikale Piano von Alain Roche

Zum Beispiel morgens, Viertel vor Sieben. Die Temperatur: Drei Grad. Mitten auf der fast leeren Baustelle des Münchner Konzertsaales erhebt sich der senkrecht hängende Flügel mit dem Schweizer Pianist Alain Roche bis auf 70 Meter Höhe, kreist um die eigene Achse, schwebt herab und wieder hinauf, während langsam der Morgen dämmert.

Pianist Alain Roche sagt, der Morgen sei für ihn sehr eindrücklich gewesen: "Dieses Sinnbild – über dem künftigen Platz des Konzertsaales zu schweben, dort zu spielen, wo im Prinzip noch nichts steht, aber später einmal Konzerte zu hören sein werden. Und die Arbeiter bereiten währenddessen den Bau vor."

Alain Roche ist dafür bekannt, dass er sich, vor den Tasten auf einem Stuhl festgeschnallt, bevorzugt in den Sonnenaufgang hineinspielt, oder dicht vornübergebeugt eher hineinträumt: In der Arena von Genf, im Green Park Peking, auf dem Marktplatz im französischen Clermant-Ferrand. Ein Keith Jarrett der Lüfte, ein Ludovico Einaudi zum Sonnenaufgang.

In München begleitet von Baustellenlärm, der tatsächlich von den benachbarten Arbeitern kommt, von Lastenaufzügen und dem beginnenden Alltag am Münchner Ostbahnhof, gemischt mit einer dezenten Lichtinstallation. Loungemusik am Kran.

Keine herkömmlichen Konzerte

Der Anspruch auf ein herkömmliches Konzert besteht bei den Veranstaltungen erst gar nicht, sagt Festivalleiterin Taubenberger: "Das ist eigentlich total irrelevant. Wir sprechen ein Publikum an, dass einfach Lust hat, was zu erleben; auch Lust hat auf Außergewöhnliches und darauf, sich auch aus reiner Neugierde auch mal was anzuschauen. Und die Musikrichtung ist da zweitrangig, tatsächlich."

Nichts kann zu erstaunlich, schräg oder experimentell für Leiterin Taubenberger sein. Open-Air im Winter und das nicht auf der Skipiste? Das Münchner Werksviertel, bis vor kurzem noch Partymeile Kunstpark Ost, soll das Kreativviertel der Stadt werden. Vertikal hängende Pianisten, Eisinstrumente und Unterwassersängerinnen sind da nur der Anfang.

Mit diesem Festivalprogramm ist man auf einem guten Weg, das exzentrischste Januar-Festival Europas zu werden.

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