Die Obere Isar

Welche Zukunft hat Deutschlands letzter Wildfluss?

30:03 Minuten
Durch eine Berglandschaft fließt ein Fluss.
Die Kelten nannten die Isar „die Reißende“. Vielerorts ist davon heute nichts mehr zu sehen. © Deutschlandradio / Anke Schaefer
Von Anke Schaefer · 23.11.2021
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Die Isar ist ein idealer Fluss, mit dem klimafreundliche Energie aus Wasserkraft gewonnen wird. Naturschützer engagieren sich hingegen für den ursprünglichen Wildfluss-Charakter. Wie können beide Seiten zueinanderfinden?
Was würde die Isar wohl über sich selbst sagen, frage ich mich.
„Ich bin die Isar. Meine Quelle liegt in Österreich. Im Karwendel-Gebirge, bei Scharnitz. In einer Höhe von über 1100 Metern, in einem stillen Tal. Hier beginnt mein Weg. 300 Kilometer fließe ich durch’s Land, dann vereine ich mich südlich von Deggendorf mit der Donau.

Mein Wasser ist klar. Es leuchtet. Mal türkis, mal blau, mal grün, petrol. Meine Gischt ist weiß. Hier oben, wo ich noch so jung bin, speist mich auch Gletscherwasser. Solange der Klimawandel es noch zulässt.

Ich fließe schnell. Ich bin wild. Ich nehme die Isarkiesel mit, die mein Bachbett schmücken. Sie sind hell, sie funkeln in der Sonne, und sie haben eine bis zu 300 Millionen Jahre alte Geschichte. Eine Steinzeit-Geschichte.

Die Kelten nannten mich „die Reißende“. Ich habe Kraft. Es laufen mir Bäche zu, schon ganz am Anfang und auch später. Jetzt nehme ich Fahrt auf. Ich bin … nicht zu stoppen.“

Die Isar verliert ihren natürlichen Charakter

Am Wehr in Krün, zwischen Mittenwald und dem Ort Krün, wird die Isar gestoppt. Sie wird brutal gestaut. Zwei Drittel ihres Wassers werden abgezweigt. Die Isar verliert ihren natürlichen Charakter und wird einem Zweck zugeführt. Sie wird in den Walchensee geleitet. Der Walchensee liegt auf 800 Metern Höhe. 200 Meter darunter liegt der Kochelsee. Diese 200 Meter Höhenunterschied werden seit 1924 im Walchensee-Kraftwerk genutzt, um CO2-freie Energie zu erzeugen.
Am Fuße der Röhren steht Theodorus Reumschüssel, vor den Verwaltungsgebäuden des Kraftwerks. Er ist „Pressesprecher Wasserkraft“ der Uniper Kraftwerke GmbH, einem Unternehmen, bei dem unlängst der global agierende finnische Konzern Fortum als Mehrheitsaktionär einstieg. In unseren Körpern ein starkes Vibrieren, um uns herum ein großes Klappern.
„Was wir hier an dieser konkreten Stelle hören, ist nichts anderes als die Luftansaugung für die Generatoren und die Dinge, die sich dann drehen und letzten Endes auch eine gute Belüftung brauchen. Das ist das, was wir hören. Was wir fühlen, sind gewisse Vibrationen von den Turbinen, die erzeugen diese Vibration, die man sehr sanft dann spürt, wenn man hier im Gelände ist.“
Sanft? Für mich, die ich hier zum ersten Mal stehe, fühlt es sich an, als würde ich innerlich durchgeschüttelt!
Walchensee-Wasserkraftwerk mit Druckrohrleitungen. In Bildvordergrund ist der Kochelsee zu sehen.
Das Walchensee-Kraftwerk mit seinen 400 Meter langen Druckrohrleitungen in Kochel am See.© picture alliance / Goldmann
„Dann ist es bei uns halt schon Gewohnheit, wir hören es nicht mehr, wir fühlen es nicht mehr in dem Maße. Man nimmt es wahr, ja, und es geht auch weit. Allemal hier, wo wir auf derselben Bodenplatte stehen, ist es sehr spürbar. Für uns ist das Kraftwerk ein lebender Organismus. Wir haben eine große durchaus auch emotionale Bindung zu dem Kraftwerk. In unserem Sprachgebrauch sprechen wir auch von der ´alten Dame`, und die braucht halt manchmal etwas länger. So ist es da auch, was die Instandhaltungsdinge angeht. Aber ansonsten ist die alte Dame halt noch top fit und hoch flexibel!“

300 Millionen kWh Strom im Jahr

Die „alte Dame“ wird flexibel ans Netz geschaltet, wenn Bedarf ist. Dann fällt das Isar- bzw. das Walchenseewasser aus dem sogenannten Wasserschloss über uns, indem in einem großen Becken fast 10.000 Kubikmeter Wasser bereitstehen, in den genieteten, grünen Röhren den Berg hinunter. Hinein in den Kochelsee. So treibt das Isarwasser die Turbinen an, die den regenerativen Strom erzeugen: 300 Millionen kWh im Jahr. Ein Drittel davon für die Deutsche Bahn und zwei Drittel für die Haushalte. Und das äußerst nachhaltig. Der internationale Wasserkraft-Verband „International Hydropower Association“ hat das anhand eines eigens entwickelten Kriterienkatalogs festgestellt:
„Nach diesem sehr strengen Kriterienkatalog ist das Walchensee-Kraftwerk 2012 – also wohlgemerkt das 1924 erbaute Walchensee-Kraftwerk – 2012 nach diesem sehr strengen Kriterienkatalog gemessen worden. Diese Messung findet von Dritten statt, also das macht nicht der Verband. Auch mit der Befragung von Dritten, da werden Genehmigungsbehörden und Anrainer und Stakeholder wie Tourismus, Fischerei etc. befragt, und das Walchensee-Kraftwerk hat in dieser Prüfung mit sehr, sehr guten Noten abgeschnitten.
Das ist für uns ein schöner Ausweis der Tatsache, dass das Kraftwerk nach den Kriterien, die man anlegen kann, eine sehr nachhaltige Einrichtung ist. Wasserkraft hat einen Erntefaktor, der ist so supergut, der ist durch keine andere Energieerzeugungsart und schon gar nicht durch andere regenerative Energieerzeugungsarten zu toppen!“

Energie aus Wasserkraft ist nicht zu toppen

Also ist alles gut? Also muss alles so sein? 2045 will Deutschland klimaneutral werden und nicht mehr CO2 ausstoßen, als wieder gebunden werden kann. Das ist nur zu schaffen, wenn die regenerativen Energien stark ausgebaut werden. Die Wasserkraft muss ihren Part übernehmen. Wer könnte also dagegen sein, dass das türkise Isarwasser, das Wildflusswasser mit der weißen Gischt hier so nachhaltig zur Stromerzeugung verwendet wird, dann in den Kochelsee stürzt, um dann in die Loisach und gezähmt und wohl gesittet weiter in den Loisach-Isar Kanal zu fließen? Nein, niemand kann dagegen sein. Auch Karl Probst vom Verein „Notgemeinschaft Rettet die Isar jetzt“ ist nicht dagegen.
„Die Isar, wie sie bis 1924 war, werden wir nicht wiederbekommen, wenn das Walchensee-Kraftwerk weiterlaufen soll. Und unser Verein sagt dezidiert: Das Walchensee-Kraftwerk muss weiterlaufen! Aber: unter ökologischeren Bedingungen.“

Unberührte Natur wie in Kanada

Wir stehen an der Oberen Isar, zwischen Walgau und Vorderriß, im sogenannten Isarwinkel. An einem geradezu magischen Ort. Wir überblicken eine herrliche, weite Landschaft. Eine Fluss-Aue: Karl Probst hat mich genau hierhin mitgenommen, um mir zu zeigen, was sein Verein vor 30 Jahren schon erreicht hat. Die türkise Isar springt über weiße Kiesbänke, hat viel Raum, sich ihren Weg zu suchen, sich ihr Bett immer wieder neu zu schaffen. Hier und da wächst eine Weide oder wachsen andere Büsche. Es sieht aus wie … unberührte Natur in Kanada.
„Wenn Sie fragen: Was wollen wir eigentlich? Da brauchen Sie nur da schauen! Da sehen Sie, das ist eine Wildflusslandschaft, wie man sie sich vorstellt. Natürlich ist das nicht mehr die Wildflusslandschaft von früher, aber Wasser ist da, es sind die Kiesbänke da, der Bewuchs … Also das wollen wir erhalten, und wo es noch nicht so ist, da wollen wir es verbessern.“

Konzession für Walchensee-Kraftwerk läuft aus

Karl Probst hat den 30. September 2030 im Blick, das Datum, zu dem die Konzession ausläuft, die das Walchenseekraftwerk und seine Eigentümerin, die Firma Uniper, brauchen, um das Wasser der Isar und ihrer Zuflüsse für ihre Wasserkraftturbinen zu nutzen. In einem wasserrechtlichen Verfahren muss die bayerische Staatsregierung eine neue Rechtsgrundlage für diese Wassernutzung schaffen.
Eine einmalige Chance, die Obere Isar vor den negativen Auswirkungen der Nutzung der Wasserkraft zu schützen. So sehen es dreizehn Organisationen und Vereine, die ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht haben. Sie fordern einen offenen und partizipativen Planungsprozess. Karl Probst ist sehr zuversichtlich, dass sie etwas zum Guten hier verändern können. Denn – auch 1990 hat sein Verein „Rettet die Isar“ ja schon etwas erreicht.
Ein Mann steht neben einem Fluss.
Seit 30 Jahren setzt sich der Naturschutzverein von Karl Probst für die Isar ein.© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Bis 1990 blickte man hier auf eine trockene Steinwüste. Es lief kein Wasser. Weil alles am Wehr in Krün zum Walchensee abgeleitet wurde. Weil alles in Richtung Walchensee-Kraftwerk floss.

„Da hat sich unser Verein darum bemüht, dass dieses Restwasser jetzt kommt, und da kommen im Sommer 4,8 Kubikmeter und zumindest der Eindruck eines Wildflusses ist wieder entstanden.“

Das bedeutet: Im Sommer müssen mindesten 4,8 Kubikmeter in der Sekunde fließen, im Winter drei Kubikmeter in der Sekunde. Wenn das Wasserangebot trotz der berechtigt zum Walchensee abgeleiteten Menge größer ist, kann es auch mehr sein. Weniger aber nicht.
„Ich bin die Isar. Ich möchte fließen. Mein Wasser ist klar. Es leuchtet mal türkis, mal blau, mal grün, petrol. Meine Gischt ist weiß, auch hier, im Isarwinkel, wo ich nicht mehr ganz so jung bin, wie ich es noch an der Quelle war, und auch nicht mehr vollständig …

Ich fließe schnell. Ich nehme die Isarkiesel mit, die mein Bachbett schmücken. Aber nicht mehr so viele. Ich habe an Kraft verloren. Ich kann mein Bett nicht mehr so formen, wie ich es möchte. Die Kelten nannten mich ´die Reißende`. Aber das bin ich nicht mehr. Ich könnte weit mächtiger sein, wilder sein, mehr Kies mit mir tragen. Ich möchte mehr Kies mit mir tragen, aber ich habe so viel Wasser verloren.“

Isar kann nicht genügend Kiesel transportieren

Die Isar kann nicht mehr genügend Kiesel transportieren. Weil sie nicht mehr genügend Wasser hat – aber auch, weil sich die Steine am Krüner Wehr sammeln. Das „Geschiebe“, wie man sagt:

„Der Fluss bringt diese Steine, diese Kieselsteine, die bringt er aus den Bergen mit. Und früher nahm der Fluss das mit bis nach München raus. Und durch die ganzen Abriegelungen geht das nicht mehr. Da draußen ist ja noch der Sylvenstein, da geht gar nichts durch. Das Geschiebe sammelt sich an, hinter einem Staudamm. Und wenn sich viel angesammelt hat, muss es wieder weg.
Und das macht der Betreiber des Walchensee-Kraftwerks so, wenn ein Hochwasser kommt, dann macht er seine Dämme auf und dann schwemmt es diesen ganzen Kies raus, schwemmt das mit – allerdings – und das ist das Problem: Sobald er das Wasser wieder für die Energieerzeugung nutzen kann, macht er den Damm sofort wieder zu. Das Geschiebe wird also nicht weit genug transportiert, nicht verteilt, es gibt keine Bettbildung mehr – sondern bleibt dann liegen und schafft dann vor Ort wieder Probleme. Das muss verbessert werden, also wir brauchen eine bessere Regelung.“

Das fordert nicht nur der Verein „Rettet die Isar“. Das fordert auch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie:
„Die sagt, dass die Gewässer in einen guten ökologischen Zustand versetzt werden müssen. Es darf keine Verschlechterung geben.“

„Wasser ist ein ererbtes Gut“

"Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss ... Es ist erforderlich, eine integrierte Wasserpolitik in der Gemeinschaft zu entwickeln."

Auszug aus den Erwägungsgründen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Bis 2027, so steht es in dieser Richtlinie, sollen Flüsse, Seen, Küstengewässer und das Grundwasser einen „guten Zustand“ erreichen. Das bedeutet, sie sollen nur wenig vom natürlichen Zustand abweichen.
„Dann kommt das Wasserhaushaltsgesetz, das sich an der Wasserrahmenrichtlinie orientiert hinzu, das sagt: Es muss Restwasser geben, es muss durchgängig sein, es muss Fisch-Schutz geben, also das ist alles gesetzlich eigentlich geregelt, die Forderungen. Es ist halt in der Politik Interpretationssache, und da wünschen wir uns mehr in Richtung Natur, als es jetzt ist.“

Die Totstrecke am Rißbach

Karl Probst stapft durch den Kies zurück zu seinem Jeep. Er will jetzt mit mir an den Rißbach fahren. An einen Fluss, der früher sein Wasser mit der Isar vereint hat. Er gehört zum Walchenseekraftwerk-System, genau wie der Fischbach, der Kranzbach, der Alpenbach, der Finzbach, der Kesselbach, der Jachen, die Loisach, die Obernach, der Walchensee und der Sachensee. Am Rißbach will mir Karl Probst eine Landschaft zeigen, in der es noch so aussieht, wie es hier – zwischen Walgau und Vorderriß – vor 1990 aussah, als noch kein Isar-Restwasser über das Krüner Wehr laufen durfte. Er will mir die Rißbach-Totstrecke zeigen.

Zuerst aber zeigt er mir, warum die Totstrecke tot ist. Wir steigen in seinen Jeep und fahren ans Rißbach-Wehr.
„So schaut der Rißbach natürlich aus. Das ist ein wildes Wasser, auch ohne Hochwasser, einfach ein Wildbach aus dem Karwendel, der größte Zubringer zur Isar im oberen Bereich. Und ja, so schaut es natürlich aus.“

Wir stehen hier in Österreich, direkt an der Grenze zu Bayern und atmen die feuchte Luft ein. Dieses Wehr wurde 1950 gebaut, nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Energiebedarf besonders hoch war. Der grün-kalte Rißbach rauscht wirklich mit großer Macht und viel Energie sehr erhaben heran und – dann … verschwindet er unter einem Rechen in einem dunklen, finsteren Loch.
„Der geht unter dem Berg durch, unter der Isar durch, unter dem nächsten Bergstock durch und kommt am Walchensee bei Niedernach wieder raus und betreibt auch dort gleich schon, bevor er noch in den Walchensee läuft, wieder ein kleines Kraftwerk. Also da wird er schon genutzt.

Hier entsteht die Totstrecke am Rißbach, die uns ein besonderer Dorn im Auge ist. Weil da ist die Wasserrahmenrichtlinie in keiner Weise erfüllt! Da ist noch gar nichts gemacht. Da ist keine Restwasser-Verpflichtung da, keine Durchgängigkeit für Fische, gar nichts. Das ist wirklich so, wie man es heute nicht mehr machen kann.“

Ein Flussbett wie eine Mondlandschaft

Wir fahren einige Minuten und stehen nun in einer Mondlandschaft. Die Sonne brennt, die Hitze legt sich über uns, kaum ein Strauch, um uns zu beschirmen. Heller Kies, soweit das Auge reicht:

„Da kommt nur Wasser, wenn Hochwasser ist, sonst ist das die ganze Zeit des Jahres ein trockenes Flussbett. Das schaut für viele ganz urig aus, die sagen: Ja, ist doch eine schöne Landschaft. Aber da fehlt halt das Entscheidende: Das ist das Wasser. Wildbach? Ohne Wasser kein Wildbach! Da darf man ruhig auch über Landschaftsästhetik sprechen, und die ist halt mit Wasser eine andere, wie wir an der Isar ja gesehen haben, als wie diese Totstrecke, die doch, trotz aller schönen Umgebung, a bisserl was Trostloses hat.“
Steine auf einem ehemaligen Flussbett.
„Da kommt nur Wasser, wenn Hochwasser ist, sonst ist das die ganze Zeit des Jahres ein trockenes Flussbett."© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Karl Probst schaut über die Kiesebene und schüttelt vor Missbehagen den Kopf. Für ihn ist klar: Hier soll wieder Wasser laufen! Er weiß aber: Andere sehen das anders. Die Naturschützer zum Beispiel. Michael Schödl vom bayerischen Naturschutzverband LBV sagt:

„Wir als Verband hätten da ein Problem damit.“

Schödl fürchtet nämlich um den Lebensraum für die Tier- und Pflanzen-Arten, die sich hier angesiedelt haben. Genau deshalb, weil hier eben nur selten - nämlich nur bei Hochwasser - Wasser läuft. Zu den bedrohten Arten gehören die gefleckte Schnarrschrecke, eine Feldheuschrecke in einem grau-braunen, grau-grünen oder grau-schwarzen Tarnkleid, deren Flügel rot leuchten, wenn sie fliegt.
Und der in Deutschland vom Aussterben bedrohte Kiesbank-Grashüpfer mit seinen leuchtend roten Hinterschienen. Auch die Naturschützer haben das Jahr 2030 im Blick, das Datum, zu dem die wasserrechtliche Konzession ausläuft, mit der das Walchenseekraftwerk betrieben wird. Auch sie wollen einen offenen und partizipativen Planungsprozess. Aber Wasser in der Rißbach-Totstrecke wollen sie eher nicht.
„Man muss es erst prüfen. Dazu sind die Arten, die da jetzt leben – z.B. die gefleckte Schnarrschrecke und der Kiesbank-Grashüpfer – einfach zu selten geworden bei uns, als ob man das einfach so verändern kann. In diese Richtung. Ich verstehe das, es ist ein emotionales Gefühl, man möchte, dass in einem Fluss Wasser drin ist. Wenn die Bestände der Schnarrschrecke im Isartal bis zur Donaumündung noch gut wären, dann würde man ja gar nicht drüber nachdenken mit dem Rißbach, ob man da Wasser laufen lässt oder nicht. Aber nachdem es nicht so ist, muss man mit dieser Reststrecke aufpassen.“
Auch der seltene Flussregenpfeifer und der Flussuferläufer leben jetzt hier. Der Flussregenpfeifer nutzt die offene Kiesbank zum Brüten, der Flussuferläufer brütet in der Vegetation. Für beide gilt: Fließt zu oft Wasser – werden die Nester zu oft weggeschwemmt.

Naturschützer kritisieren „Verbuschung“

Die Naturschützer kritisieren auch die sogenannte „Verbuschung“: Wenn wieder kontinuierlich Wasser liefe, dort wo der Rißbach früher strömte, würden Weiden und andere Sträucher wachsen, dann würde der Fluss an dieser Strecke sein Bett wieder eher festlegen. Büsche verhindern das „Geschiebe“, also die Umlagerung des Kieses. Auch für die Schnarrschrecke und den Kiesbank-Grashüpfer wäre die „Verbuschung“ ein Problem, sagt Michael Schödl:
„In Teilbereichen sehen wir das schon. Bei den Heuschrecken ist es so, die leben im Übergangsraum vom belebten Flussbett zum Ufer, und wenn das zu schmal wird, z.B. zuwächst, dann entstehen Barrieren, die diese Arten nicht überwinden können. Z.B. der Kiesbank-Grashüpfer, der ist flugunfähig, und bei den gefleckten Schnarrschrecken können die Weibchen nicht fliegen. Das heißt, wenn die Landschaft nicht offen ist … Das sind Bewohner einer Tundrenlandschaft, die sind nacheiszeitlich bei uns eingewandert und von da übrig geblieben, und wenn die Landschaft nicht offen ist, dann haben die Probleme, sich auszutauschen, neue Flächen wieder zu besiedeln.“

Wo Wasser einst floss, soll es wieder fließen

Karl Probst ist nicht einverstanden. Er bleibt dabei. Wo Wasser früher floss, da soll es wieder fließen. Bedrohte Tierarten oder auch Pflanzenarten wie die „Deutsche Tamariske“, ein ebenso unscheinbares wie seltenes Gewächs, könnten auch anderswo leben. Er verweist auf den Isar-Abschnitt, auf dem seit 1990 wieder Wasser läuft. 
„Ich sage, man muss den Kompromiss akzeptieren. Es ist mehr Biodiversität entstanden, wir haben jetzt Wasser, wir haben Fische, wir haben aber auch die geschätzten Arten wie die Tamariske oder die Schnarrschrecke – haben wir ja nach wie vor! Nur nicht so in dem großen Raum. Und ich sage: Irgendeinen Tod muss man sterben – des hilft nichts. Das hilft nichts, wenn wir das Walchenseekraftwerk betreiben wollen, dann werden wir die Isar von 1924 nicht wiederbekommen. Aber das ist auf jeden Fall besser als die Totstrecke, die wir von 1924 und 1990 gehabt haben.“
Das mag für die Isar bei Walgau gelten, aber nein: Wasser in der Rißbach-Totstrecke – für Michael Schödl ist das wirklich keine gute Idee:

„Es geht uns jetzt auch nicht drum zu sagen, wir brauchen an keinem Fluss mehr Wasser. Aber in diesem Spezialfall ist es halt so, dass man es abwägen muss, bevor was gemacht wird. Es ist ein großes komplexes Ganzes, das muss man zusammenfügen.“

Ein großes komplexes Ganzes

Dieses „große komplexe Ganze“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass es im Kreise der Interessenvertreter hier nur „Gute“ gibt, gar keine „Bösen“. Uniper und das Walchenseekraftwerk wollen CO2-freie Energie erzeugen. Löblich. Vereine wie die „Notgemeinschaft Rettet die Isar“ wollen der Landschaft ihren Wildfluss-Charakter zurückgeben. Sinnvoll. Und die Naturschützer wie der Bayerische Landesverband für Vogelschutz wollen die bedrohten Arten retten. Nachvollziehbar. — Wie kann eine Einigung aussehen?
„Eine Einigung? Das wird schwierig. Das sind drei Belange, die im Raum stehen. Wichtig ist, dass der Energieversorger das kapiert und ernst nimmt und in seinen Verfahrensunterlagen berücksichtigt. Wichtig wäre für uns diese Modellierung, dass man eine feste Aussage trifft, wie entwickeln sich diese Gebiete, und dann kommt man vielleicht zu einem Kompromiss.“

Versuchen, was bis 2030 noch geht

„Modellierung“. Das heißt für Schödl, mittels Computerprogramm herauszufinden, was welche Wassermenge, die man über die Wehre fließen lassen würde – für die Landschaft und die bedrohten Arten im Isarwinkel bedeuten würde. Auch Karl Probst sagt: Man müsste die verbleibenden neun Jahre bis zum Jahr 2030 nutzen und Versuche machen. Er meint, es könne doch mal ganz real Wasser über das Rißbachwehr geschickt werden. Kontinuierlich, probeweise, in nächster Zeit.
Doch: Mehr oberirdisches Wasser für den Rißbach würde für das Walchensee-Kraftwerk und die Firma Uniper weniger Wasser zur Energieerzeugung bedeuten:

„Das wäre auf jeden Fall eine empfindliche Einbuße“, sagt Pressesprecher Theodorus Reumschüssel. Eine Einbuße, die Uniper aber hinnehmen müsste, wenn der Freistaat Bayern es so verfügt:
„Wenn die genehmigenden Instanzen dieser Argumentation folgen und die Regeln für uns so setzen, dann ist es für uns auch so, dass sie gesetzt sind. Wir können berechnen, dass uns die ´Mindestwassermenge Isar` letzten Endes 50 Millionen Kilowattstunden CO2-freie Erzeugung im Gesamtsystem gekostet hat. Das ist damit flöten. Mit dem Verzicht auf CO2-freie Kilowattstunden geht das einher. Aber wir können jetzt nicht sagen, das werden 20 sein, zehn sein, 17 sein. Da wird es von uns keine Zahl geben. Das muss man im Wasserjahr dann über die Jahrzehnte sehen. Dass man da einen ausgemittelten Wert kriegt.“
Blick auf einen Stausee.
Mehr oberirdisches Wasser für den Rißbach würde aber auch weniger Wasser zur Energieerzeugung bedeuten.© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Was würde die Firma Uniper zu diesem Verlust sagen? Unlängst hat die finnische Firma Fortum – wie gesagt – ein großes Aktienpaket bei Uniper erworben und ist nun Mehrheitsaktionärin. Haben die Finnen allein nur wirtschaftliche Interessen im Blick oder sehen sie, dass es hier auch um die Entwicklung einer einzigartigen oberbayerischen Wildfluss-Landschaft geht?
„Ich gehe davon aus, dass man sich auf uns und die Ortskenntnis verlässt. Wir haben ja – das ist typisch für die Wasserkraft – ein sehr intensives Beziehungsgeflecht zu unseren Stakeholdern, wie man das so neudeutsch sagt. Die Wasserkraft hat über das Flusssystem immer zu vielen Gemeinden, so vielen Landratsämtern, die gleich die unteren Naturschutzbehörden sind, zu vielen Regierung Bezirken etc. Kontakt. Von daher ist das Wasserkraftgeschäft eine sehr regionales und kleinteiliges, und dieses Thema muss vor Ort gemanagt werden. Und da spüren wir das volle Vertrauen auch vom neuen Mehrheitsaktionär.“

Bayern könnte Kraftwerk zurückkaufen

Vielleicht wäre es gut, wenn der Freistaat die „Heimfall“-Karte ziehen würde. Das würde bedeuten, er würde das Walchensee-Kraftwerk, das er in den 1990er-Jahren verkauft hat, zurückkaufen. Karl Probst von „Rettet die Isar“ hat darüber schon nachgedacht:

„Der Freistaat Bayern hat das Recht, den sogenannten Heimfall zu erklären, das heißt, die Rechte fallen wieder zurück. Für uns ist wichtig, dass das Walchensee-Kraftwerk weiter betrieben wird, zweitens aber, dass die ökologische Komponente gestärkt wird. Wer das macht, das ist für uns die zweite Frage. Ja, aber auch der Heimfall ist eine Möglichkeit.“
In jedem Fall müssen die Eigner des Walchensee-Kraftwerks immer akzeptieren, was der Freistaat entscheidet, betont Pressesprecher Theodorus Reumschüssel noch mal:

„Es wird nicht von einer zentralen, übergeordneten Stelle entschieden, wie wir hier mit unserem Wasserrecht umgehen. Das ist eine Thematik, die in der praktischen Durchführung bei der Unteren Naturschutzbehörde hängt – aber in der politischen Einordnung ein Thema ist, das letzten Endes von den Ministerien – in dem Fall Wirtschaftsministerium und Umweltministerium – und einer Arbeitsgruppe auf Ebene des Regierungsbezirkes besprochen wird. Dort wird die Entscheidung getroffen, wie es wasserrechtlich weitergehen wird.“

Ein „komplexer Sachverhalt“

Anfrage also beim Bayerischen Umweltministerium: Es soll, das ist zugesagt, im Zuge der Neuvergabe der Konzessionen ein förmliches wasserrechtliches Verfahren geben, unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Gerne möchten wir dazu den Bayerischen Umweltminister oder einen Sprecher interviewen. Leider wird uns kein Termin gegeben. Wir dürfen den Sprecher nur zitieren, der uns eher unverbindlich schreibt:
„Das Thema ´Zukunft des Walchensee-Systems` wird mit großer Sensibilität verfolgt. Es handelt sich um einen sehr komplexen Sachverhalt, der eine intensive Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten erfordert. Ziel ist es, die bestehenden berechtigten Interessen bestmöglich in Einklang zu bringen.“
Blicka auf eine Berglandschaft mit einem Fluss.
„Ich bin die Isar. Meine Natur ist es, zu fließen. Mein Wasser ist klar.“© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Termine stünden noch nicht fest. Anfrage beim Landratsamt Bad-Tölz-Wolfratshausen, wo man das Verfahren eröffnet und hat und sich die Interessenten bereits für die neue Konzession für die Wasserkraftnutzung im Walchenseekraftwerk-System bewerben können. Hat sich schon jemand beworben? „Nein“, sagt die freundliche Stimme am Telefon. Als Michael Schödl, der Naturschützer das hört, lacht er:
„Vielleicht will es gar keiner haben, dann kaufen wir es! Ich weiß, dass es schon andere lokale Energiebetreiber gibt, die Interesse hätten, das Kraftwerk zu betreiben. Aber ob der Freistaat es denen gibt, weiß ich nicht. Die könnten sich ja quasi auch um die Konzession bewerben, die müssten dann auch in das Verfahren einsteigen.“

Hätte natürlich den Vorteil, dass die Wertschöpfung dieses Kraftwerks einem regionalen Unternehmen zugutekäme.

Situation des Kraftwerks ein „politisches Thema“

Ich habe mich in den Isarwinkel verliebt und würde gerne noch mal mit einer Rangerin durch die Flussauen streifen, um zu hören, was sie denkt, was die Isar sagen würde, wenn sie selbst Mitspracherecht hätte. Anfrage also nochmals im Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen, wo die Rangerinnen angestellt sind. Die Antwort – leider negativ:

„Leider können wir Ihrem Interviewwunsch in diesem sensiblen Themenbereich nicht nachkommen. Bei der Situation des Walchensee-Kraftwerks handelt es sich in der jetzigen Phase vor allem um ein politisches Thema. Wir als Landratsamt sind aber wasserrechtliche Genehmigungsbehörde zur Neutralität verpflichtet und dürfen uns bei Fragen des Walchensee-Kraftwerks im Vorfeld eines Verfahrens nicht wertend äußern. Wir bitten um Verständnis, dass wir daher dieses konkrete Interview nicht gestatten können.“
„Ich bin die Isar. Meine Natur ist es, zu fließen. Mein Wasser ist klar. Es leuchtet mal türkis, mal blau, mal grün, - petrol. Meine Gischt war weiß, als ich durch den Isarwinkel floß, rechts und links von mir die Berge, der Galgenwurfköpfl, Pfetterkopf, Rißer Hochkopf, das Stuhlbachjoch.

Jetzt tauche ich ein in den Sylvensteinspeicher-See. Zwischen steilen Felswänden komme ich zum Stehen dank einer gigantischen Staumauer. Ich weiß, es sieht aus wie ein Fjord, es erinnert an Kanada, es hat seinen Reiz, aber dieser Stausee ist künstlich, er soll verhindern, dass ich austrockne. In den 50er Jahren war nicht mehr viel von mir übrig. Seit 1924 verliere ich so viel Wasser, das in Krün in den Walchensee geleitet wird. Seit 1950 verliere ich so viel Wasser am Rißbachwehr, und das Wasser der Tiroler Ache wird zum Inn abgeleitet. Ich wurde zum Rinnsal, in Bad Tölz war ich in den 50ern Jahren quasi versickert, also wurde der Sylvensteinspeicher gebaut, um Niedrigwasser zu verhindern.

Da bin ich. Ich fließe nicht. Ich stehe. Aber natürlich gibt es Durchlässe. Die Tropfen vereinigen sich wieder zum Fluss. Ich fließe weiter in Richtung Lenggries, in Richtung München, in Richtung Deggendorf und dann in die Donau. Ich bin nicht zu stoppen.“

Regie: Frank Merfort
Technik: Jan Fraune
Redaktion: Carsten Burtke
Sprecherinnen: Anke Schaefer, Cornelia Schönwald, Birgitt Dölling
Sprecher: Robert Levin, Olaf Ölstrom

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