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Länderreport | Beitrag vom 10.09.2021

Wiederansiedlung ausgestorbener ArtenTierische Migranten in den bayerischen Bergen

Von Marlene Thiele

Fliegender Bartgeier, im Hintergrund eine Felswand. (picture alliance / blickwinkel / Agami / R. Martin)
Seit 160 Jahren gibt es keine Bartgeier mehr in den bayerischen Alpen. Nun wurden dort zwei Vögel ausgewildert - aus Andalusien. (picture alliance / blickwinkel / Agami / R. Martin)

Bartgeier aus Spanien oder Steinböcke aus der Schweiz - sie werden in den bayerischen Alpen angesiedelt. Seit dem 19. Jahrhundert waren sie fast ausgerottet. Nun kommt es darauf an, genetische Vielfalt zu bekommen, um ein weiteres Problem zu vermeiden.

In den deutschen Alpen herrscht gewissermaßen Multikulti. Neben deutschen Kühen finden sich spanische Bartgeier oder Schweizer Steinböcke. Diese Migranten aus Spanien oder der Schweiz haben Naturschützer gezielt aus anderen Regionen nach Bayern geholt. So wie Wally und Bavaria: Die beiden Bartgeierdamen aus dem spanischen Andalusien wurden vor drei Monaten in einer hochgelegenen Felsnische im Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert.

Noch werden die Jungvögel von Forschern des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) und des Nationalparks Berchtesgaden beobachtet und mit Futter versorgt, beispielsweise mit Gamsknochen.

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Bartgeier gibt es hier schon seit mehr als 160 Jahren nicht mehr. Sie wurden systematisch ausgerottet, sagt Toni Wegscheider, der beim LBV das Bartgeierprojekt in Berchtesgaden leitet. Man habe ihnen wie allen anderen Greifvögeln die schlimmsten Untaten nachgesagt. "Alles, was einen Hakenschnabel hatte, war Feind, musste vernichtet werden, wurde abgeschossen, wurde vergiftet." So habe man den Bartgeier leider sehr schnell und sehr leicht ausrotten können, weil es nie viele gegeben habe.

Dem Bartgeier wurde unterstellt, Lämmer und sogar kleine Kinder zu töten. Dabei ernährt sich der Vogel ausschließlich von Aas und ist damit fast unentbehrlich für das Ökosystem.

Seit den 1970er-Jahren läuft ein internationales Wiederansiedlungsprojekt. Bis zum Jahr 2020 wurden bereits 233 junge Bartgeier in den Alpen ausgesiedelt. Die Vögel kommen aus spezialisierten Zoos und Zuchtstationen - wie Wally und Bavaria auch.

Die Jungvögel fressen etwa 500 Gramm Aas und Knochen pro Tag. Den älteren, routinierten Seglern reichen 300 bis 400 Gramm. Bartgeier gehören mit einer Spannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Sie werden über 40 Jahre alt, sind erst nach fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif und bekommen nur ein Junges alle ein bis zwei Jahre. Der Bestand ist klein – auch, weil die Tiere viel Platz brauchen.

Ganze Kolonie mit denselben Vorfahren

Für die Nachzuchten des Wiederansiedlungsprojekts habe man Vögel aus Asien geholt, erklärt Wegscheider. "Das ist genau derselbe Bartgeier, der hier früher gelebt hat. Nur eben dass die Vögel aus Iran, aus Afghanistan, aus Turkmenistan gestammt haben." Von den Pyrenäen über die Alpen, nach Griechenland, rein nach Zentralasien bis fast zum Pazifik derselbe Vogel: "Das möchten wir auch wieder etablieren, dieses Kontinuum an Bartgeiervorkommen, damit der Genfluss in Fahrt kommt und die Bartgeier selbst dafür sorgen, dass es nicht zur Inzucht kommt."

Gerade bei den sehr ausgedünnten Tierpopulationen kann sich Inzucht zum existenzbedrohenden Problem entwickeln.

Inzucht ist auch ein Thema an der Benediktenwand, einem 1800 Höhenmeter hohen Bergrücken in den bayerischen Voralpen. Hier lebt seit 1959 Steinwild – erst kam ein einzelner Steinbock von selbst. Später wurden Geißen und weitere Böcke an der Benediktenwand ausgesetzt. Inzwischen umfasst die Steinwild-Kolonie 80 bis 100 Tiere – nur haben die fast alle dieselben Vorfahren.

Blick auf ein Tal in den Schweizer Alpen, im Vordergrund ein Steinbock. (picture alliance / KEYSTONE / Gian Ehrenzeller)Schweizer Steinwild soll an die bayerische Benediktenwand kommen. (picture alliance / KEYSTONE / Gian Ehrenzeller)

Das bestätigten auch Genproben, sagt Friedl Krönauer, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz. Diese beschränkte genetische Vielfalt habe noch nicht zu signifikanten Auffälligkeiten geführt. "Aber mittelfristig gesehen wird diese Steinwildkolonie ein Problem haben." 

An der Benediktenwand hat sich die Arbeitsgruppe "Steinwild" geformt, bestehend aus Jägern, Jagdrevierinhabern und Mitarbeitern der Unteren Jagdbehörde. Sie kooperieren mit dem Kreisjagdverband Bad Tölz und mit der Universität Zürich – speziell mit Steinwildexpertin Iris Biebach. Alle sind sich einig: Die Steinböcke brauchen Verstärkung.

"Die Expertinnen und Experten der Uni Zürich haben uns empfohlen, dass wir Steinwild aus den genetisch weit entfernten Gruppen der beiden benachbarten Mischabel und Weisshorn im Oberwallis dafür verwenden", erklärt Franz Steger, Leiter des Sachgebiets Umwelt im Landratsamt Bad Tölz. Zehn Tiere sollen insgesamt ausgesetzt werden.

Bezahlen wollen die Jäger

Inzwischen sind die nötigen Anträge an die bayerischen und Schweizer Behörden gestellt. Wenn alles klappt, könnten die Steinwild-Migranten schon im kommenden Frühjahr an der Benediktenwand ausgesetzt werden.

100.000 Euro soll das Projekt insgesamt kosten. Bezahlen wollen das Bayerns Jäger. Um Jagd gehe es dabei keinesfalls, betont Steger, der Steinbock darf in Bayern nämlich ganzjährig nicht bejagt werden.

"Ich denke, dass unser Anliegen, die Kolonie genetisch fit zu halten, gut angekommen ist, beim Jagdverband", so Steger. "Und dann ist natürlich das Steinwild der König der Alpentiere." Bis 1820 sei es fast ausgerottet gewesen in Europa und nur durch Artenschutzmaßnahmen, die sozusagen bereits 1820 begonnen hätten, sei die Population wieder einigermaßen gesichert worden.

Und so geht es den Steinböcken und Steingeißen ebenso wie Wally und Bavaria: Könige und Königinnen des Alpenraums, die langsam, aber kontinuierlich wieder in ihr Reich zurückkehren können.

(abr)

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