Filme und Serien rauchfrei

Wie viel Laster traut man uns zu?

05:47 Minuten
Ein junges Paar sitzt in der Badewanne. Die junge Frau zündet sich zwei Zigaretten zugleich an.
Diese Szene wie in Ron Howards "Nightshift" würde aktuell kaum mehr gezeigt werden. Filme sind rauchfrei geworden. © picture alliance / United Archives
Von Christian Berndt · 20.11.2021
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Rauchen hat einmal zum Krimi gehört wie das Schießeisen, der Film Noir wäre ohne Zigarettenqualm nicht denkbar. Aber schon in den Siebzigerjahren begann in den USA ein Wandel.
Was für eine Umstellung: Serienkommissare wie Kojak mussten in den Siebzigern plötzlich aufgrund von Zuschauerprotesten vom Zigarillo auf den Lolli umsteigen. In Deutschland dauerte es sehr viel länger, bis das Rauchen im TV-Kommissariat verpönt wurde, und im Verhältnis zu Hollywood wird im deutschen Film und Fernsehen bis heute geradezu exzessiv geraucht.

Kein allgemeines Rauchverbot

Don Draper steckt die Zigarette an, dann schaut er, was sich seine jungen Kreativen so ausgedacht haben. Der kettenrauchende Held der US-Serie „Mad Men“, die von einer Werbeagentur im New York der Sechzigerjahre erzählt, war eine Stilikone des letzten Jahrzehnts. Wäre eine Figur wie Don Draper in deutschen Serien heute noch möglich?
Das ZDF möchte rauchende Kommissare nun größtenteils vom Bildschirm verbannen, das Fernsehen will gesellschaftliches Vorbild sein. In ZDF-Krimis wie „Wilsberg“ rauchen die Protagonisten nicht mehr:
„Natürlich haben die Medien mit dem, was sie zeigen, eine gewisse Vorbildfunktion", sagt Matthias Pfeifer, Redaktionsleiter für Fernsehfilme und -serien beim ZDF. "Und da war es ganz klar, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen mussten, mit der Frage, wie wird im Film geraucht.“
Allerdings gebe es kein allgemeines Rauchverbot, sagt Pfeifer. Und die Zigarettenabstinenz gelte auch nicht generell, sondern "zumindest bei den positiven Protagonisten, also Figuren, die zur Identifikation einladen, denen man vielleicht auch nachstrebt. Das hat ja dann auch im Film einen werblichen Aspekt.

Brauchen wir die Zigarette danach?

In Serien mit historischen Stoffen, wo Zigaretten zum Zeitkolorit gehören, rauchen die Protagonisten aber weiter. Der Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung Kiel, Reiner Hanewinkel, findet das in Ordnung. Trotzdem wünscht er sich auch hier mehr Sensibilität fürs Thema Rauchen:
„Ich glaube, die Regisseure und Filmschaffenden sollten sich überlegen: brauche ich das Rauchen als Stilmittel oder brauche ich es nicht. Beispiel, was früher sehr häufig porträtiert wurde, die Zigarette danach. Brauche ich das? Ist das überhaupt von Relevanz, ob das nun 1960 oder 2021 gewesen ist. Und da würde ich sagen, das ist nicht unbedingt erforderlich.“

Angst vor dem Nachahmungseffekt

Filmschaffende sollten sich bewusst sein, welche Nachahmungseffekte das Rauchen hat, vor allem bei Jugendlichen, wie zahlreiche Studien belegen: „Wenn man Jugendliche über die Zeit verfolgt, dann sieht man, dass das Sehen von vielen Rauchszenen in Kinofilmen die Wahrscheinlichkeit des Beginnes des Rauchens im Jugendalter verdoppelt.“
Am meisten stört Hanewinkel die starke Präsenz des Rauchens im deutschen Kinderfilm. Das könne man an den Nominierungen für den deutschen Kinderfilm-Preis der letzten 5 Jahre ablesen:
„Von diesen 23 Filmen wurde in 22 Filmen geraucht, das heißt, nur ein einziger Film war rauchfrei. Das scheint mir doch ein ganz großes Problem zu sein.“

Rauchen als kulturelle Praxis

Skeptisch sieht die Verbannung rauchender Kommissare aus ZDF-Krimiserien dagegen der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger:
„Rauchen ist nun mal, auch wenn das nicht gerade schön ist, eine weiterhin existente, nicht ganz unwichtige, kulturelle Praxis. Und was vielleicht noch wichtiger ist, sie hat auch eine Semantik, in dem Sinne, dass Rauchen immer etwas bedeutet. Und da, wo Rauchen etwas bedeutet, kann es eben genau für Filmproduktionen durchaus relevant werden.“
Sinnvoller, als das Rauchen aus Serien zu verbannen, fände Hallenberger eine dramaturgische Behandlung des Themas:
„Es gab mal eine Krimiserie, die hieß „Einsatz in Manhattan“, auch später bekannt als Kojak, wo die Hauptperson ständig an einem Zigarillo am Rauchen war. Und irgendwann wurde der Zigarillo ersetzt durch Lollis.“
US-Schauspieler Telly Savalas am Rande von Dreharbeiten zur Kultserie "Einsatz in Manhattan". Er sitzt auf einem Stuhl und raucht.
Späterer Lolli-Lutscher: Telly Savalas alias Kojak am Rande von Dreharbeiten zur Kultserie "Einsatz in Manhattan". © picture-alliance / dpa
Denn bereits in den Siebzigerjahren gab es in den USA Zuschauerbeschwerden, weil Kojak zu viel rauchen würde:
„Bei Kojak wurde das Ganze in der Serie auch durchaus eingebaut und kommentiert. Warum raucht der nicht mehr?", erzählt Gerd Hallenberger. So könnte er sich auch einen Umgang im deutschen Fernsehen mit dem Rauchen vorstellen. Matthias Pfeifer vom ZDF sieht das nicht viel anders:
„Das kann man machen, Beispiel: Wir haben eine Kommissar-Figur, wo uns auffällt, Warum raucht der, warum raucht der so viel? Vielleicht erzählt man dann zwei Folgen später: Der gewöhnt sich das Rauchen ab und erzählt, wie schwer es ihm fällt, und kann daraus eine Geschichte machen.“

Auf den Kontext kommt es an

Und einig sind sich Pfeifer und Hallenberger auch darin, dass die Entscheidung, vor allem positive Protagonisten als Nichtraucher zu präsentieren, problematisch ist. Gerd Hallenberger meint:
„Alle Figuren, gerade auch in solchen aufwendigen US-Produktionen neuerer Zeit, sind in der Regel gebrochene Figuren. Das heißt, diese klassische Geschichte, da tut jemand was im Fernsehen, der ist positiv, und dann wirkt das als Vorbild, greift zu kurz.“
Traumpaar O.W. Fischer und Maria Schell rauchen während der Dreharbeiten zum Film "Das Riesenrad".
Traumpaar mit Laster: O.W. Fischer und Maria Schell rauchen während der Dreharbeiten zum Film "Das Riesenrad". © picture-alliance / dpa
Deswegen sei der Kontext, in dem die Figuren auftauchen, so wichtig. Das gilt, meint Hallenberger, auch für Darstellungen von Gewalt. Zum Beispiel hat die südkoreanische Serie „Squid Game“ Diskussionen ausgelöst, weil Gewaltszenen daraus auf Schulpausenhöfen nachgespielt werden.
Für Hallenberger ist dabei aber gar nicht die Serie das Problem: „Viele Kinder sehen das Ganze ja nicht als Serie, also kennen den ganzen narrativen Rahmen, die erzählte Geschichte nicht, sondern nur einzelne Szenen aus TikTok-Videos.“
Deshalb würde es wenig bringen, den Kindern Serien zu verbieten. Stattdessen wäre wichtiger, den Kontext zu erklären – der im Fall von „Squid Game“ einen gesellschaftskritischen Hintergrund hat. Und das, so Hallenberger, sollte man mit dem Rauchen im Film genauso handhaben - solange es, ebenso wie Gewalt, noch gesellschaftliche Realität ist.

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