"Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?"

    Aufarbeitung in 30 Versuchen

    05:36 Minuten
    Rika Weniger, Noah Voelker und Burkhard Körner halten auf der Bühne Schilder hoch mit der Aufschrift "Ich bin ein Jammerossi".
    Seit September touren Rika Weniger, Noah Voelker und Burkhard Körner durch ostdeutsche Kleinstädte. © Deutschlandradio/Silke Hasselmann
    Von Silke Hasselmann · 02.10.2021
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    "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?", fragt ein Theaterprogramm, das durch ostdeutsche Kleinstädte tourt. Drei Schauspieler bringen 30 Szenen auf die Bühne - und arbeiten so 30 Jahre deutscher Geschichte auf.
    Seit September tourt ein Theaterprogramm durch ostdeutsche Kleinstädte, das den bemerkenswerten Namen trägt: "Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?" Waren die drei Schauspieler bis jetzt vor allem in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, werden sie im Oktober nach Sachsen übersetzen.
    Eine von 30 Szenen ist Rika Weniger gewidmet. Bei einem Kaffee in ihrer alten und seit kurzem wieder neuen Heimatstadt Neubrandenburg spricht die 40-jährige Frau mit den langen rotblonden Haaren über ihre Herkunft.

    "Angsthaben vor Nazis"

    Nach dem Abi raus aus der Plattenbauwohnung ihrer Familie, ab zum Schauspielstudium nach Rostock und dann nach Oldenburg, Braunschweig, Belgien. Besucht sie ihre Eltern in Neubrandenburg, streiten sie und ihr Vater – ein Werkzeugmacher – endlos über Sozialismus und Kapitalismus. "Jammerossi" kommt ihr mitunter in den Sinn. "West-sozialisiert", denken ihre Eltern über sie. Rika selbst sieht sich mittlerweile als Ostdeutsche.
    Rika wird 1981 geboren. Neun Jahre später – am 3. Oktober 1990 – ist es vorbei mit dem Staat DDR. Rika kann sich kaum an das DDR-Neubrandenburg erinnern, umso stärker aber an ihre Schulzeit, die mit D-Mark, Meinungsfreiheit, Treuhandwirken, Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung zigtausender junger Neubrandenburger zusammenfiel. Es sind die 1990er-Jahre in Neubrandenburg, Ostdeutschland.
    "Dieses Angsthaben vor Nazis – das gehört zu den 1990ern tatsächlich auch dazu. Die Neunziger als Heimat zu sehen – das habe ich auch so für mich entdeckt: Sehr grau. Die Eltern, hatte man das Gefühl, waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt und auch mit sich und den Dingen, die sie neu hinkriegen mussten. Dadurch hatte man tatsächlich so ein bisschen auch Anarchie oder Freiheit."

    Rappen über "blühende Landschaften"

    Auch Noah Voelker spielt mit. Der junge Texaner interessiert sich für postsozialistische Staaten und hat seine beiden ostdeutschen Kompagnons, die längst im Westen lebten, zu diesen Stücken angeregt. Er bringt den aufrichtig wissbegierigen, wertfreien Außenblick mit. Burkhard Körner wiederum entstammt einer oppositionellen Kirchenfamilie im sächsischen Mittweida und war, wie er sagt, schon früh "ein bisschen bunter" als die meisten anderen.
    An den Rapsong von den "Blühenden Lebensläufen", der das Kanzler-Kohl-Versprechen der "blühenden Landschaften" aufnimmt, sollen und können ältere wie jüngere Ostdeutsche andocken.
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