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Literatur | Beitrag vom 24.11.2019

Wie Frankfurt zum Zentrum des Humors wurdeNach 1968 kamen die Vollidioten

Von Helmut Böttiger

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Titelseite von "Pardon" 1968, einer satirischen Monatszeitschrift aus Frankfurt am Main. Mit dem Text: "Machen Sie doch mal Revolution! Leitfaden für Protestaktionen" (picture alliance/akg)
Diese Ausgabe der "Pardon" von 1968 hatte eine barbusige Frau auf dem Titel, die zwei Bomben in der Hand hält, im Hintergrund Che Guevara. (picture alliance/akg)

Die 1968er haben die Welt nur verändern wollen, es kommt aber auch darauf an, sie zu verlachen! Meinte die später so genannte "Neue Frankfurter Schule". Wie einst in Frankfurt zum Zwecke der gesellschaftlichen Lockerung die Hochkomik verfeinert wurde.

Die ’68er-Bewegung bestand nicht nur aus Demonstrationen, Molotowcocktails und Vietnamtribunalen. Zugleich galt es ja, die herrschenden rigiden Moralvorstellungen einzureißen, die Gesellschaft insgesamt zu lockern und den Freiheitsraum des Individuums zu vergrößern. Dazu war den revolutionär und auch sonst Gesonnenen in der Blüte ihrer Jahre alles recht, sogar die US-amerikanische Pop-Kultur und ... der Humor.

Das grimmig lächelnde, rote Teufelchen mit Melone

In Frankfurt entstand mit der Zeitschrift "Pardon" eine Zentralinstitution dieser alle Lebensbereiche ergreifenden, ja untergrabenden Kulturrevolte. Die Zeitschrift mit dem grimmig lächelnden, eine Melone lüftenden Teufelchen vor dem Namen war politisch und satirisch zugleich, insbesondere in der Erfindung und Verfeinerung der Hochkomik erwarb sie sich erhebliche Verdienste.

Die schärfsten Kritiker der Ohrfeiger

Die Redaktion vereinte einige Jahre lang Menschen, deren höchst unterschiedliche künstlerische Talente in den 1970er Jahren zu voller Blüte gelangten. Robert Gernhardt kreierte eine Form von komischer Lyrik, die es binnen kurzem in den literarischen Olymp schaffte, F.W. Bernstein brachte seine Kritik an einstigen Apo-Revolutionären mit dem Slogan "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche" auf den Punkt. Eckhard Henscheid traf mit dem barocken satirischen Kneipenroman "Die Vollidioten" den Nerv der 70er Jahre. Wilhelm Genazino gelang mit der Romantrilogie "Abschaffel" ein zeitloses Abbild dieser Zeit, wenn nicht Epoche. Alice Schwarzer hielt allen diesen und noch weiteren Männern stand, nicht allein, aber doch unübersehbar in der kleinen radikalen Minderheit. Und hielt notfalls stoisch eine Ohrfeige aus, was zumindest einen der Männer wohl schwerer als alles andere in seinem neolithischen Geschlechterverständnis erschütterte.

Helmut Böttiger über Frankfurter Lockerungsübungen und was aus ihnen wurde: "Der Untergang des Abendlandes? / Grad war’s noch da – / und dann verschwand es." (F. W. Bernstein)

(pla)

Das Manuskript zur Sendung finden Sie hier.

Sprecher: Cathlen Gawlich, Timo Weisschnur
Ton: Alexander Brennecke
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Jörg Plath

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