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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.02.2013

Wie Denker die Gefühle lesen

Jan Plamper: "Geschichte und Gefühl - Grundlagen der Emotionsgeschichte", Siedler-Verlag

Rezensiert von Ernst Piper

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Lächeln: Das Wort "Emotion" wurde früher entsprechend seiner lateinischen Bedeutung mit "Erregung" übersetzt. (Stock.XCHNG / joana franca)
Lächeln: Das Wort "Emotion" wurde früher entsprechend seiner lateinischen Bedeutung mit "Erregung" übersetzt. (Stock.XCHNG / joana franca)

Wer den Menschen heute erforschen will, fragt nicht mehr nach seiner Seele, sondern nach seinem Gehirn. Das Gefühl – oder die Emotion - galt einst neben Vorstellen und Wollen als das dritte Grundvermögen der Seele. Die Geschichte des Begriffs und der damit verbundenen Ideen ist lang und in diesem Buch bestens beschrieben.

Im September 1982 schlug der Informatiker Scott Fahlman einen "joke marker" vor, ein Signet, das aus einem Doppelpunkt, einem Gedankenstrich und einer Klammer gebildet war und ein lächelndes Gesicht symbolisieren sollte.

Genau 30 Jahre später - inzwischen weltberühmt und vielfach variiert - hat dieses Emoticon seinen Weg auf den Schutzumschlag eines wissenschaftlichen Werks gefunden. Der Titel "Geschichte und Gefühl" ist wohl der Alliteration geschuldet, denn im Buch selbst ist meist nicht von Gefühlen, sondern von Emotionen die Rede. Jan Plamper verwendet die beiden Begriffe synonym.

Das Wort Emotion wurde früher, als man noch seine lateinische Herkunft empfand, mit Erregung übersetzt. Wer emotional reagierte, war nicht nur innerlich beteiligt; er war erregt. Das Wissen um den lateinischen Ursprung des Begriffes Emotion ist im Zeitalter der universalen Anglophonie nicht mehr präsent.

Dafür gibt ist sogar ein Frauenmagazin mit dem Titel "Emotion" und Google präsentiert zu dem Begriff 185 Millionen Suchergebnisse, während der Begriff "Gefühl" nicht einmal ein Drittel dieser stolzen Zahl erreicht. Das Gefühl galt einst neben Vorstellen und Wollen als das dritte Grundvermögen der Seele. Heute ist die Seele in den Bezirk des Religiösen verbannt.

Cover. "Geschichte und Gefühl" von Jan Plamper (Siedler-Verlag)Cover. "Geschichte und Gefühl" von Jan Plamper (Siedler-Verlag)Wer den Menschen erforschen will, fragt nicht mehr nach seiner Seele, sondern nach seinem Gehirn. Auch in Plampers Buch ist gleich zu Beginn von diesem Organ die Rede. Der Autor hatte sich vor einigen Jahren besonders für die Amygdala interessiert, ein Kerngebiet des Gehirns, das besonders für die Entstehung von Angstgefühlen eine wichtige Rolle spielt. Er hatte damals über soldatische Angst im Ersten Weltkrieg geforscht.

In "Geschichte und Gefühl" beschreibt er jetzt einen Anatomiekurs, bei dem Gehirne seziert werden. Das Gehirn ist heute als Forschungsthema nahezu omnipräsent:

"Gehirnscans und kolorierte Dendriten zieren die Umschläge literaturwissenschaftlicher oder politologischer Neuerscheinungen. Ganze Forschungsfelder erhalten 'Neuro'-Designationen – Neuropolitologie, Neuroökonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neuroliteraturwissenschaften, Neurotheologie.

Waren während der Postmoderne noch Philosophie und Linguistik die Leitwissenschaften, so sind die Neurowissenschaften zur neuen Leitwissenschaft jener Disziplinen aufgestiegen, die Texte und Bilder untersuchen."


Jan Plamper, der heute eine Professur in London hat, will Grundlagen der Emotionsgeschichte erarbeiten, zugleich aber auch eine eigene Position beziehen. Einleitend stellt er folgende Fragen:

"Was ist Emotion? Wer hat Emotion? Wo ist Emotion? Haben Emotionen Geschichte? Vorausgesetzt sie haben Geschichte, wie kommt die Geschichtswissenschaft an diese Geschichte heran?"

Ausgehend von diesen Leitfragen vollzieht der Autor einen Gang durch die Wissenschaftsgeschichte - ungeheuer kenntnisreich und von stupender Gelehrsamkeit zeugend. Er beginnt bei Aristoteles und seiner Definition der Emotionen, setzt sich intensiv mit Darwins 1872 erschienenem Buch "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen" und dessen Rezeptionsgeschichte auseinander und verfolgt das Thema bis zur Gegenwart.

Erstaunlich ist, dass der Autor dabei ohne jede Erwähnung der Humanethologie auskommt, die vor allem im deutschen Sprachraum jahrzehntelang Furore machte. Den Beginn der jüngsten Entwicklung sieht er mit dem 11. September verknüpft:

"Möchte man den Startschuss für den derzeitigen Run exakt datieren, so kann man den 11. September 2001 angeben, denn er beschleunigte wie ein Katalysator Prozesse, die schon länger im Gang waren.

Vielerorts war schon vor 9/11 Unzufriedenheit mit dem Poststrukturalismus und ein neuer Hunger nach ‚echter Wirklichkeit’ zu verspüren, aber die Terrorangriffe wirkten wie ein schockierender Realitätseinschlag, dem mit den alten Kategorien und Konzepten nicht beizukommen war."


Dieser Realitätseinschlag führte zu einem enormen Erklärungsbedarf. Im Angesicht von Phänomenen wie religiösem Fanatismus und mörderischem Hass versagten die Konzepte des Poststrukturalismus, dessen Vertreter davon ausgegangen waren, man könne gesellschaftlichen Verhältnissen vor allem mit Mitteln der Diskursanalyse näherkommen.

Es begann die Hochzeit der Lebenswissenschaften, die Biologie verdrängte die Physik endgültig als naturwissenschaftliche Leitdisziplin. In der Geschichtswissenschaft, die heute stark vom Paradigma der Cultural Studies geprägt ist, spielen Themen wie Geschlecht, Sexualität, Körper und Umwelt eine große Rolle, in die sich die Geschichte der Emotionen ohne weiteres einfügen lässt.

Ein roter Faden bei Plampers Gang durch die Emotionsgeschichte ist der zentrale Gegensatz zwischen dem universalistischen und dem sozialkonstruktivistischen Ansatz, also die Frage, ob Emotionen angeboren und unveränderbar sind oder vielmehr soziale Konstrukte.

Dieser grundsätzlichen Opposition begegnen wir in vielen Feldern immer wieder, etwa dem Gegensatz Natur versus Kultur in der europäischen Ideengeschichte, der Debatte, ob Intelligenz ererbt oder angeboren sei, oder der Grundsatzdiskussion in der Hirnforschung, ob der Mensch überhaupt frei und selbstverantwortlich zu entscheiden vermag.

Und auch Historiker, die sich mit Emotionen beschäftigen, können trefflich darüber streiten, welche Gefühlsregungen nun physiologisch determiniert sind und was dagegen durch den sozialen oder kulturellen Kontext jeweils spezifisch geprägt ist.

Heute boomt die Emotionsgeschichte. Die Emotionale Intelligenz hat die Soziale Intelligenz verdrängt, was selbst schon wieder ein Thema für die Geschichtswissenschaft ist:

"So werden vielleicht eines Tages Geschichtswissenschaftler feststellen, dass in unserer Zeit 'Emotionen' und 'emotional' weitverbreitete Schlagwörter in westeuropäischen und nord-amerikanischen Gesellschaften sind, die die noch in den 1980er Jahren gängigen Begriffe (…) wie 'Psychologie', 'psychisch' oder 'mental' in Alltagssprache, Werbung, Politik und Sport nahezu verdrängt haben.

Die Angehörigen der Opfer eines Amoklaufes an einer Schule etwa müssen in unseren Tagen mit dem Verlust ihrer Kinder 'emotional' zurechtkommen – nicht 'mental' oder 'psychisch', wie es noch vor 20 Jahren geheißen hätte."


Wer jenseits aller aktuellen Moden an einer wirklich fundierten Einführung in die Emotionsgeschichte interessiert ist, dem sei das ungewöhnliche kluge und anregende Buch von Jan Plamper unbedingt empfohlen.

Jan Plamper: Geschichte und Gefühl - Grundlagen der Emotionsgeschichte
Siedler-Verlag, München 2012
480 Seiten, 29,99 Euro, als ebook 23,99 Euro

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