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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 03.09.2007

"Wie das Judentum in Zukunft aussehen wird, kann niemand voraussagen"

Vize-Präsident des Zentralrats der Juden: Normalität muss im Miteinander wachsen

Moderation: Jürgen König

Salomon Korn, stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)
Salomon Korn, stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)

Der stellvertretende Präsident des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, hält die Eröffnung von zwei jüdischen Institutionen in Berlin für eine normale Entwicklung des Judentums in Deutschland. "Sie sind Teil einer Entwicklung, die man als Übergangszeit betrachten kann von der Nachkriegszeit in eine neue Zeit, in der jüdisches Leben in Deutschland sich neu definieren wird", sagte Korn im Deutschlandradio Kultur.

Jürgen König: Am Telefon nun Dr. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Herr Korn, guten Morgen.

Salomon Korn: Guten Morgen.

König: Mit welchen Gedanken, Empfindungen haben Sie die Eröffnungsfeierlichkeiten jetzt am Wochenende in Berlin wahrgenommen?

Korn: Nun, sie sind Teil einer Entwicklung, die man sozusagen als Übergangszeit betrachten kann von der Nachkriegszeit in eine neue Zeit, in der jüdisches Leben in Deutschland sich neu definieren wird.

König: Sie sind selber Architekt, haben 1988 eine Theorie des zeitgenössischen Synagogenbaus formuliert. Die sah schlichte Bauten vor, nur durch wenige religiöse Symbole als jüdische Sakralräume überhaupt zu erkennen.

Neubauten in Deutschland, so schrieben Sie, müssten des Aspekt des "schmerzlichen, aber notwendigen Erinnerns" berücksichtigen. Dieser Text ist fast 20 Jahre alt, würden Sie diese Theorie heute noch so formulieren oder haben sich die Gegebenheiten durch die Zeitläufte doch wesentlich verändert?

Korn: Ja, es bleibt eigentlich dabei, denn das, was zwischen 1933 und 45 geschehen ist, das wird uns noch lange begleiten. Ich habe mal an anderer Stelle gesagt, dass wir das 20. Jahrhundert zwar verlassen haben, aber das 20. Jahrhundert hat uns nicht verlassen, und das noch auf lange Zeit hinaus. Das, was mal geschehen ist, wirkt untergründig langwellig nach, und die Zerstörung zeigt sich trotz allem, was man sozusagen Äußerliches an jüdischem Leben, an jüdischer Architektur sieht, im Inneren dennoch weiter, und das lässt sich nicht leugnen.

König: Auch nicht die Tatsache, dass in Berlin, wie in München zum Beispiel, die jüdischen Zentren mitten in der Stadt stehen, in München auf dem Jakobsplatz? Das gilt immer als Zeichen für ein neues, jüdisches Selbstbewusstsein. Haben Sie den Eindruck, dass es dieses neue, jüdische Selbstbewusstsein gibt?

Korn: Ja, dieses Selbstbewusstsein ist sicherlich im Wachsen begriffen, das ist gar keine Frage. Dennoch, denke ich, muss man dort Tendenzen unterscheiden, nämlich die, den Wunsch, dass man also nach außen sich zeigen möchte, dass man dieses Selbstbewusstsein demonstriert. Aber das, was es an Problemen innerhalb der Gemeinden gibt, ist nicht immer deckungsgleich mit dem, was sich nach Außen abzeichnet.

König: Es sind ja vor allem, glaube ich, wohlmeinende Nicht-Juden, die sich immer eine, ja, Normalität jüdischen Lebens in Deutschland erhoffen. Was halten Sie von solchen Hoffnungen?

Korn: Nun gut, das ist eben das Paradoxe an der Normalität, das ist sozusagen wie das Sei-spontan-Paradox. Ich kann nicht jemandem befehlen, spontan zu sein, damit ist nämlich die ganze Sache von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und Ähnliches ist es auch mit der Normalität. Normalität muss wachsen im täglichen Miteinander, im täglichen Zusammensein.

Da muss sich etwas Gemeinsames aufbauen. Und das sind Dinge, die lange dauern, weil historische Wunden, historische Narben überwunden werden müssen, Misstrauen und ähnliches. Auch das Nicht-Kennen untereinander, miteinander, das ja immer wieder Anlass zu Ängsten ist, wie man jetzt auch bei Diskussionen um Moscheebauten sehen kann. Also, das sind Dinge, die sich in der Entwicklung befinden, und wir werden Normalität dann haben, wenn wir nicht mehr darüber reden müssen.

König: Das heißt, als Jude in Deutschland zu leben, das bedeutet nach wie vor eine, wie soll ich sagen, eine Existenz zwischen Stabilität und Zerbrechlichkeit, zwischen Dauerhaftem und Provisorischem?

Korn: Ja, das tut es, und ich meine, es ist auch etwas, was wach hält. Das ist keineswegs so, dass sich die jüdische Minderheit jetzt unbedingt sozusagen der deutschen Mehrheit nahtlos anpassen muss. Es hat sich bereits vor dem Krieg gezeigt, das deutsche Judentum, das 1945 nun endgültig ausgelöscht wurde, hat ja sehr positive Entwicklungen genommen.

Aber eben auch negative, indem sich ein Teil der damaligen, deutschen Juden sozusagen so anpassen wollte an das Deutschtum, dass sie als Juden nicht mehr erkennbar waren. Aber es muss in einem demokratischen Staat möglich sein, dass Minderheiten nicht nur als Individuen, sondern auch als Gruppen, ihre Art und Weise zu leben, anerkannt sind wie alle anderen auch, aber dennoch der Unterschied nicht als solcher geleugnet wird, sondern eben als bereichernd empfunden wird.

König: Wenn es um jüdisches Leben in Deutschland geht, stehen ja meistens die Metropolen im Mittelpunkt, mit ihren großen Synagogen, Bildungs-, Familienzentren. Wie sieht es in den jüdischen Gemeinden kleinerer Städte aus?

In der FAZ war am Freitag ein Artikel über die Integration vor allem russischer Einwanderer zu lesen, da wurden Zahlen genannt: 14.000 Mitglieder in der jüdischen Gemeinde in Deutschland mussten seit 1992 mehr als 85.000 neue Mitglieder integrieren. Inzwischen werde in den meisten Gemeinden vor allem russisch gesprochen. Das liest man und denkt so bei sich, das kann doch gar nicht funktionieren. Wie sieht es dort aus?

Korn: Ja, es ist in der Tat fast ein Wunder, dass bis jetzt die Integration – die zwar natürlich nicht überall gelungen ist und nicht überall nahtlos gelungen ist – doch einigermaßen funktioniert, wenn natürlich auch mit Hindernissen und Widerständen, aber es geht irgendwie.

Diese 14.000, das sind jene, die – Ende der 80er Jahre, also, waren es 28.000 – durch Überalterung inzwischen übrig geblieben sind von den sogenannten "Alteingesessenen", das waren also die, die vor 89 in Deutschland lebten. Und die mussten annähernd 85.000 bis 90.000 Zuwanderer integrieren.

Das hat in kleineren und mittleren Gemeinden zu großen Problemen geführt, wenn 10 Prozent der Gemeinde 90 Prozent Zuwanderer eingliedern muss, und das bleibt auch problematisch. Das sind Aufgaben, die man sich nicht vorstellen kann. Es wäre ja so, als wären nach Deutschland 800 Millionen Menschen eingewandert, die hier zu integrieren wären. Ich wundere mich manchmal selbst, wie das möglich ist.

Wir in den größeren Gemeinden, zum Beispiel hier in Frankfurt, Berlin, München, wie sie alle heißen, haben es da leichter, weil wir nun mal die Institutionen haben, die für die Integration notwendig sind, vom Kindergarten über das Rabbinat bis zum Altenzentrum, Volkshochschule, es ist alles da. Also, da gibt es tatsächlich ein Stadt-Land-Gefälle, die kleineren und mittleren Gemeinden haben es sehr schwer.

König: Ich war vor kurzem in der Synagoge von Augsburg. Dort erzählte man mir, jahrelang hätte die jüdische Gemeinde Augsburg weniger als 100 Mitglieder gehabt, dann seien im Laufe der letzten, wenigen Jahre insgesamt über 1.200 russische Juden nach Augsburg gekommen. Das verändert doch ein Gemeindeleben vollkommen!

Korn: Ja, das verändert es in der Tat und es verändert auch die Juden in Deutschland vollkommen. Ich meine, es gibt immer diesen nostalgischen Wunsch, man möge doch das, was vor dem Krieg da war, jetzt wiederbeleben. Eine Art Renaissance des Judentums, aber Renaissance heißt nun mal Wiederbelebung, und als Wiederbelebung ist das, was vernichtet wurde, nicht möglich.

Wir bauen hier etwas Neues auf, etwas, dessen Charakter wir nicht genau kennen, weil sich das Judentum in Deutschland verändert hat und stark verändert, und auch in Zukunft verändern wird. Es wird möglicherweise ein neues Judentum geben und die Symptome erkennen wir heute. Wir sehen es an den jüdischen Gemeindezentren, Synagogen, die jetzt neu eröffnet werden und auch an dem jüdischen Leben, das überall reger geworden ist, und das auch stärker in die Öffentlichkeit tritt. Wie dieses Judentum genau in Zukunft aussehen wird, das kann niemand voraussagen.

König: Außer der großen Synagoge wurde am Wochenende in Berlin auch ein jüdisches Bildungs- und Familienzentrum der chassidischen Strömung Chabad Lubawitsch eingerichtet, eine Organisation innerhalb des Judentums, die sich sehr der Bildungsaufgabe widmet, die auch, glaube ich, in vielen jüdischen Gemeinden sozusagen in die Lücke fehlenden Personals, fehlender Einrichtungen gesprungen sind. Nun sagen viele, das sei eine orthodoxe, eine Facette des orthodoxen Judentums, die fast ans Sektiererische grenzt. Wie sehen Sie Chabad Lubawitsch?

Korn: Ach, das würde ich nicht sagen. Orthodox ja, streng orthodox auch, aber ich kenne also Lubawitscher, das sind durchaus dem Leben zugewandte Menschen, sehr pragmatisch, sie füllen in der Tat eine Lücke. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Zuwanderer, die aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, doch in erster Linie sich mehr der liberalen Seite des Judentums zuwenden, in dem Glauben – ob es nun stimmt oder nicht –, dass es also leichter ist, dort dann sozusagen das Judentum neu zu entdecken, zu erlernen, denn die meisten, die aus diesen Ländern kommen, sind ja ihrem Judentum total entfremdet gewesen.

Lubawitsch bildet, wenn man so will, ein Gegengewicht dagegen, und das Judentum ist nun mal reich an Facetten. Und es hat schon immer seinen Reichtum ausgemacht, dass es abweichende Strömungen und Meinungen gab, und ich kann das nur als Bereicherung empfinden, wenn das weiterhin so bleibt.

König: Den Rabbi Teichtal von Chabad Lubawitsch haben wir eingangs gehört, ich möchte ihn zum Schluss noch einmal zitieren: "Wir wollen ein Zeichen setzen, dass jüdisches Leben in Deutschland hier auf Dauer ist und bleiben, wachsen wird." Sie haben sich immer so ein bisschen jetzt skeptisch geäußert, Herr Korn, teilen Sie dennoch diesen Grundoptimismus des Rabbi Teichtal?

Korn: Ich denke schon, dass das Judentum in Deutschland wachsen wird. Wir wissen nicht, wie es aussehen wird, wir wissen nicht, wie tief es am Ende dann im Judentum verwurzelt sein wird, wie veräußerlicht es sein wird. All das sind Dinge, die sich schwer sagen lassen. Der Verweltlichungsprozess im Judentum schreitet voran, nicht anders als im Christentum, vielleicht mit einer halben Generation versetzt. Jetzt Voraussagen zu treffen, das wäre also sehr riskant. Es wird eine Zukunft geben der Juden in Deutschland, keiner weiß, wie sie aussieht.

König: Jüdisches Leben in Deutschland aus Anlass der Wiedereröffnung gleich zweier Berliner Synagogen, ein Gespräch mit Salomon Korn, dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Herr Korn, vielen Dank.

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Jüdische Zukunft in Berlin

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