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Literatur | Beitrag vom 02.05.2021

West gegen OstWie der Kalte Krieg in die Literatur kam

Von Beatrice Faßbender und Ulrich Rüdenauer

Erster Deutscher Schriftstellerkongress in den Kammerspielen des deutschen Theaters in Berlin unter Vorsitz von Ricarda Huch, 4.–8. Oktober 1947. Von links sitzend: Paul Ziegler (?), Rudolf Leonhard, Günther Weisenborn, Ricarda Huch, Hertha v. Gebhardt, Alfred Kantorowicz, Herman Ould, Friedrich Wolf u. Elisabeth Langgässer. (akg images / Abraham Pisarek)
Treffen der Autoren: Günther Weisenborn (3.v.l.) hat den Anstoß für den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin 1947 gegeben. (akg images / Abraham Pisarek)

Nach Kriegsende 1945 wurden Schriftstellerinnen und Schriftsteller in den aufbrechenden Ost-West-Konflikt hineingezogen. Bruchstellen zeigten sich auf dem "Ersten Deutschen Schriftstellerkongress" im Oktober 1947 in Berlin.

Die Wellen schlagen hoch in den Oktobertagen 1947. In Berlin treffen sich Autorinnen und Autoren, Verleger, Journalistinnen und Publizisten zum Ersten Deutschen Schriftstellerkongress. Erstmals kommen sie aus allen vier Besatzungszonen zusammen, dazu gesellen sich Gäste aus dem Ausland.

Sollbruchstellen zwischen Ost und West

Der Autor und Widerstandskämpfer Günter Weisenborn, unter den Nazis jahrelang inhaftiert, hatte den Anstoß für den Kongress gegeben. Die Organisation übernahm der Schutzverband deutscher Autoren, zusammen mit dem Kulturbund für die demokratische Erneuerung Deutschlands, dem der Dichter Johannes R. Becher, später Kulturminister der DDR, als Präsident vorsaß.

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Dieses erste große Schriftstellertreffen nach Ende des Zweiten Weltkrieges offenbart allerdings deutlich die Sollbruchstellen zwischen Ost und West. Deutlich wird, wie unterschiedlich die Perspektiven der Teilnehmenden sind. Ihre Lebensläufe lassen sich kaum vergleichen und schon gar nicht unter einen Hut bringen. Alle wollen den Neuanfang nach zwölf Jahren Diktatur – doch mit welchen Konsequenzen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Erster Deutscher Schriftstellerkongress in den Kammerspielen des Deutschen Theaters unter Vorsitz von Ricarda Huch. Berlin, 4.–8. Oktober 1947. Von links: der russisch-sowjetische Dramatiker Wsewolod W.Wischnewski, Boris Gorbatow, Ricarda Huch und Walentin P. Katajew. (akg images / Abraham Pisarek)Ricarda Huch saß dem Kongress vor. Neben ihr der russisch-sowjetische Dramatiker Wsewolod W. Wischnewski sowie die Autoren Boris Gorbatow, und Walentin P. Katajew (v.l.n.r.) (akg images / Abraham Pisarek)

Bemühen sich Autorinnen und Autoren wie Ricarda Huch, Johannes R. Becher, Elisabeth Langgässer, Stephan Hermlin oder Anna Seghers anfangs noch um gemeinsame Positionen und sprechen sich gegen eine Teilung Deutschlands aus. Doch kommt es zum Eklat, als der US-amerikanische Journalist und Kulturoffizier Melvin J. Lasky die Sowjets als Feinde von Freiheit und Kultur anklagt.

Der Eiserne Vorhang und die Kultur

In den darauffolgenden Jahren senkt sich nach und nach der Eiserne Vorhang – auch zwischen die zu Beginn noch nach Gemeinsamkeiten suchenden Schriftsteller und ihre Organisationen. Der Kalte Krieg findet auch auf dem Feld der Kultur und Literatur statt.

Ob abstrakter Expressionismus, Jazz oder Zwölftonmusik – die CIA propagiert im Verborgenen viele Formen westlicher Modernität. Jazzmusiker werden auf Tourneen durch den Osten geschickt, um die Verhältnisse dort ein bisschen zum Tanzen zu bringen.

Ein Mann mit Kinnbart steht an einem Rednerpult, im Vordergrund ein Mikrofon. (picture-alliance / dpa / UPI)US-Journalist Melvin J. Lasky sprach auf dem Schriftstellerkongress. (picture-alliance / dpa / UPI)

Eine Abteilung des US-Außenministeriums initiiert 1948 die Zeitschrift "Der Monat", Herausgeber ist Melvin J. Lasky. Er versammelt zwar eine beeindruckende Liste von international bekannten Autoren, darunter etwa Benedetto Croce, Karl Jaspers, Golo Mann, T. S. Eliot, Jean-Paul Sartre, Carlo Levi oder George Orwell. Doch je verhärteter die weltanschaulichen Positionen werden, desto mehr Krach gibt es.

(huc)

Eine Übernahme des Westdeutschen Rundfunks 2019

Sprecherinnen und Sprecher: Eva Meckbach, Max von Pufendorf, Judith Engel und Maximilian Held
Ton: Jonas Bergler
Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Adrian Winkler

Hier können Sie das vollständige Manuskript zur Sendung herunterladen.

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