Werner Haftmann

    Der SA-Mann, der die documenta miterfand

    05:51 Minuten
    Verleihung des Lessing-Preises an Werner Haftmann in Hamburg 1962.
    Über die Zeit im Krieg nicht gesprochen: Werner Haftmann (l.) bekommt 1962 Lessing-Preis. © imago / Zuma / Keystone
    Julia Voss im Gespräch mit Ute Welty · 18.06.2021
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    Eine Schau im Deutschen Historischen Museum zeigt, wie stark die ersten Ausgaben der documenta von einem Kriegsverbrecher beeinflusst wurden. Das habe auch dazu geführt, dass Werke von Nazi-Opfern nicht gezeigt worden seien, sagt Co-Kuratorin Julia Voss.
    Die Geschichte der documenta muss neu geschrieben werden. Das zeigt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) mit dem Titel "documenta: Politik und Kunst", die vor wenigen Tagen bereits der Presse vorgestellt wurde und nun auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Die Schau beschäftigt sich unter anderem mit dem Kunsthistoriker Werner Haftmann, der nach dem Zweiten Weltkrieg mitverantwortlich für die drei ersten Ausgaben der documenta war. Neuere Recherchen zeigen ihn nun als Nazi und Kriegsverbrecher.
    Haftmann sei eine bedeutende Figur in der Kunstwelt der Nachkriegszeit gewesen, sagt die Co-Kuratorin der Ausstellung, Julia Voss. Er wurde später Direktor der Neuen Nationalgalerie und schrieb einen Bestseller über die Malerei im 20. Jahrhundert. Ein angesehener Mann mit einer großen Karriere.

    Jagd auf Partisanen

    Dank der Recherchen des Historikers Carlo Gentile weiß man inzwischen allerdings auch, dass Haftmann im Zweiten Weltkrieg Anführer eines Kommandos war, das in Italien Jagd auf Partisanen machte. "Er ist da sehr engagiert, wird mehrfach ausgezeichnet, und wir können auch nachweisen, dass er an Folterungen von Partisanen und der Erschießung von Zivilisten beteiligt war", sagt Voss. Haftmann war SA-Mitglied. Bereits 1933 sei er dort eingetreten, sagt Voss. 1937 wurde er dann Mitglied der NSDAP.
    Haftmanns eigene Geschichte hatte laut der Kuratorin direkte Folgen für das Programm der documenta. Haftmann habe - wie viele andere Deutsche auch - über seine Zeit im Krieg und seine Verbrechen nicht gesprochen.
    Hier sei die eigentliche "Leerstelle der documenta", sagt Voss. Nicht nur, dass keine Werke über die Gewaltverbrechen der Nazis gezeigt wurden - auch Kunst von Nazi-Opfern, die diese Gewalt direkt erfahren hatten, seien nicht präsentiert worden, so Voss:
    "Das heißt, die modernen jüdischen Malerinnen und Maler sind auf der documenta nicht aufgetreten, wenn sie ermordet worden waren - denn dann hätte man den Holocaust thematisieren müssen, und das wollte man unbedingt vermeiden."

    Der "gescheiterte Nationalsozialist" Nolde

    Es gebe noch weitere Lücken, so Julia Voss. Auch die von den Nazis verfolgten politischen Künstler tauchten erst einmal auf der documenta nicht auf. Auf der anderen Seite sei dann aber auf der Ausstellung der "Mythos um Emil Nolde" angeschoben worden, erklärt Voss. Haftmann sei daran beteiligt gewesen, die Geschichte von Nolde komplett umzuschreiben und aus einem "vehementen Antisemiten" und "gescheiterten Nationalsozialisten" den "guten Deutschen" zu machen, der mit innerer Haltung den Nazis getrotzt habe.
    Haftmann ist ein plakatives Beispiel für die personelle Kontinuität zwischen NS-Zeit und Bundesrepublik. Doch er war längst nicht der einzige Ex-Nazi, der im Kulturbetrieb reüssierte. Auch viele andere Nazis hätten dort ihren Platz gefunden und unser Kunstempfinden mitgeprägt, betont der Soziologe Heinz Bude.
    Was die nun in der DHM-Schau präsentierten Erkenntnisse für die nächste documenta bedeuten, sei noch unklar, sagt Voss. Die Ausstellung in Kassel sei aber geübt darin, "in die eigene Geschichte kritisch zurückzublicken", betont sie.
    (ahe)
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