Wenn Gott in einer Debatte unterliegt

Die Juden gelten als Volk des Wortes. © AP
26.09.2013
Gemeinsam mit seiner Tochter erkundet der israelische Schriftsteller Amos Oz in einem Essay das Verhältnis der Juden zur Sprache. Herausgekommen ist ein Streifzug durch die jüdische Geschichte und Kultur in lebendigen und kraftvollen Worten.
Amos Oz, der große israelische Erzähler, und die Historikerin Fania Oz-Salzberger, sind nicht religiös. Und doch glauben sie. Sie glauben an die Macht des Wortes. Sie glauben an seine Fähigkeit, Wirklichkeit zu erschaffen und immer wieder neu zu erschaffen. Und sie sind sicher, dass dieser Glaube alle Juden verbindet. Ob sie religiös sind oder nicht.

Amos Oz und Fania Oz-Salzberger haben einen Essay geschrieben. Vater und Tochter. Einen Essay in englischer Sprache, der in diesen Tagen in deutscher Übersetzung erscheint. Einen Essay, der selbst Zeugnis ablegt von ihrer Liebe zur Sprache und von ihrer außerordentlichen Fähigkeit, mit Worten eine Welt zu erschaffen, lebendig und kraftvoll. Sie stellen die Hebräer der Vorzeit und die modernen Juden in eine lineare Kontinuität: "Nicht eine biologische, nicht eine ethnische und auch keine religiöse, sondern eine Kontinuität der Worte."

Bei der Lektüre des Essays begegnen wir vielen großen Persönlichkeiten der rabbinischen Literatur. Sie werden gezeigt als Menschen, die sich mit Klugheit, Ernst und Selbstironie hineingestürzt haben in die lebenslange Debatte um das, was nach dem Religionsrecht, der Halacha, zu tun ist. Dabei scheuten sie auch nicht die Auseinandersetzung mit Gott selbst.

Staunend und amüsiert zitieren Amos Oz und Fania Oz-Salzberger Passagen aus dem Talmud, in denen Gott im Streit mit den Religionsgelehrten unterliegt. Sie zitieren die Bibel, die Gott selbst als Fragenden zeigt. Gott fragt Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" Und Kain antwortet auf die Frage Gottes mit einer Gegenfrage: "Bin ich meines Bruders Hüter?" Das muss man sich erst einmal trauen. Was für eine sagenhafte Frechheit!

Jüdische Kinder werden zu dieser Chuzpe, dieser Respektlosigkeit, erzogen. Der große Schriftsteller und seine Tochter, die Historikerin, weisen immer wieder darauf hin: Die jüdische Tradition ermuntert den Schüler dazu, sich gegen seinen Lehrer zu stellen, ihm zu widersprechen und zu begründen, worin und warum er unrecht hat. Als guter Schüler gilt der, der seinen Lehrer herausfordert. Im Talmud gilt manchmal die Ansicht eines klugen jungen Schülers mehr als die seines Meisters.

Amos Oz und Fania Oz-Salzberger betonen die Bedeutung des Lesens und Lernens im Judentum, die Bildung der Kinder als Schlüssel zum kollektiven Überleben: Sie gaben die Texte selbst und das Wissen um die Interpretation der Texte von Generation zu Generation weiter. "Wenn Juden um ihr Leben rennen mussten, weil ihre Häuser und Synagogen brannten, nahmen sie Kinder und Bücher mit."

Die Wirklichkeit des Lernens und Lesens in israelischen Schulen sieht oft anders aus als Amos Oz und Fania Oz-Salzberger sie idealtypisch beschreiben. Aber am Sabbat und den Feiertagen versammeln sich die jüdischen Familien in Israel um einen großen Tisch, und auf diesem Tisch liegt oft ein Buch. Und wenn da kein Buch liegt, so steht der Tafel ein Großvater vor, der einen Segensspruch spricht, eine Großmutter, die ein Lied anstimmt.

Die schwungvollen Linien, mit denen Amos Oz und Fania Oz-Salzberger das Verhältnis zwischen Juden und Worten beschreiben, berühren den Kern der kulturellen Identität von Juden auf der ganzen Welt. Wenn es eine Kette zwischen Abraham, Amos Oz und Fania Oz-Salzberger geben sollte, so besteht sie aus geschriebenen Worten. Aus dieser radikalen Einsicht heraus formulieren die Autoren eine herzliche Einladung: "Jedes menschliche Wesen, das so verrückt ist, sich als Jude zu bezeichnen, ist Jude."

Besprochen von Ruth Kinet

Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte
Aus dem Englischen von Eva Maria Thimme
Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2013
285 Seiten, 21,95 EUR
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