"Wenn diese Studie öffentlich wird, dann ist das ein Erdbeben hier"

Manfred Ommer auf dem Siegertreppchen - dass er gedopt hat, gibt er offen zu. © picture alliance / dpa
Moderation: Matthias Hanselmann · 09.08.2013
Jeder habe zu seiner Zeit Anabolika genommen, sagt der Silbermedaillengewinner der Leichtathletik-EM 1974, Manfred Ommer. Aber dass Doping von der Politik in großem Stil gefördert worden sei, sei ihm nicht bewusst gewesen.
Matthias Hanselmann: Heute ist Manfred Ommer Tiefbauunternehmer in Köln, in den 70er-Jahren war er einer der erfolgreichsten Sprinter in Deutschland und Silbermedaillengewinner bei der Leichtathletik-EM 1974. Ommer ist einer der wenigen Sportler von damals, die jetzt an die Öffentlichkeit gehen, und einer der wenigen, die rundheraus sagen, was Sache war und ist aus ihrer Sicht. Wie wir gleich hören werden, erhebt Ommer schwere Vorwürfe gegen die politischen Verantwortlichen von gestern und heute, was das Thema Doping betrifft. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen und ihn zunächst gefragt, wie er die Debatte sieht, die der Bericht des Bundesinstituts für Sportwissenschaften zum Doping in Westdeutschland ausgelöst hat.

Manfred Ommer: Ja, mit gemischten Gefühlen, eigentlich habe ich gedacht, so intensiv, wie ich mich damit beschäftigt habe, so sehr, wie ich betroffen war Anfang der 70er-Jahre, habe ich gedacht, na, was soll da neues kommen. Aber ich habe die veröffentlichen 100 Seiten und diese 800-Seiten-Studie gelesen - das liest sich wie ein Krimi -, dass mich noch was schockieren kann in diesem Bereich, das hätte ich nicht erwartet, aber das tut es. Der Inhalt ist schockierend.

Matthias Hanselmann: Was ist das für Sie Schockierende?

Ommer: Das Schockierende daran ist, dass die Politiker Druck auf Ärzte und Funktionäre gemacht haben, wir wollen Medaillen haben, sucht nach den Mitteln, die auch der Ostblock seinen Athleten gibt, koste es, was es wolle, die Verbandsoberen, die Ärzte dazu dann auch motiviert haben, und dass man dann die Absurdität hat, dass in Freiburg die Ärzte waren, die die Mittel, die man auch nicht nachweisen konnte, nun den Athleten verabreichte, und ein paar hundert Kilometer in Köln sitzt das Institut von Herrn Donicke, was all die Dopingsünder überführen soll. Und aus meiner eigenen Situation bin ich natürlich besonders grantig, weil als ich '77 gesagt habe, die deutschen Athleten dopen und ich habe auch gedopt, hat mir mein DAV-Präsident ein Sportgerichtsverfahren an den Hals gehängt, und das ist genau der, der jetzt in der Studie nachweislich auftaucht als der, der sich gegen Donicke intern und für die Dopingärzte ausgesprochen hat.

Matthias Hanselmann: Wie hat sich das denn damals abgespielt zwischen dem Dopingzentrum für Sportler, wie Sie sagen, in der Uniklinik Freiburg, und den Dopingverfolgern in Köln, war das eine Art Katz-und-Maus-Spiel?

Ommer: Ja klar, ja klar. Aber das ist es ja heute auch noch. Die Athleten sind auch heute, egal, in welcher Sportart, auf der Suche nach dem Wundermittel, was sie besser werden lässt und gewinnen lässt in der Hoffnung, dass die Kontrolleure es nicht finden. Das war damals auch so. Das Absurde hier ist einfach nur, dass die Ärzte in Freiburg ja auch beraten haben, was man tun muss, damit der Donicke nichts findet. Also nach draußen haben die natürlich gesagt: Ja, Dopingkontrollen und selbstverständlich, und wir müssen. Und intern haben sie dir gesagt, wenn du die Anabolika dann und dann absetzt, dann kann der Donicke nichts finden, aber du musst aufpassen, dass du es nicht zu lange nimmst. Das ist ja absurd, ja?

Matthias Hanselmann: Sie selbst sind dahingehend auch explizit beraten worden?

Ommer: Ja, klar, aber nicht nur ich, sondern das war ja im Kreise der Nationalmannschaft. Und wenn man heute die Athleten hört, dass sie von nichts wissen, also für mich ist ja Freiburg nun nicht gerade um die Ecke, aber wenn du hingefahren bist, da waren doch die Wartezimmer voll mit Topathleten, ja? Und da wusste doch jeder vom anderen, wo man da hinfährt. Man hat auch offen darüber gesprochen, also ich habe natürlich auch mit dem Kugelstoßer gesprochen, habe gesagt: Du, wie viel Milligramm nimmst du denn? Natürlich hat der eine andere Dosis gehabt als ich, ja? Oder wie viele Pillen nimmst du denn? Ich war ja für den kein Wettbewerber und der war für mich keine Konkurrenz. Mit den Ärzten haben wir da auch offen drüber gesprochen, aber dass das alles mit Wissen der Politik, mit Wissen der Funktionäre in dieser krassen Form, konspirativ, erfolgt ist, das schlägt dem Fass den Boden aus.

Matthias Hanselmann: Glauben Sie, dass auch heute noch ein Druck von der Politik ausgeht auf die Sportler, auf die Verbände und so weiter?

Ommer: Ja, klar! Stellen Sie sich vor, bei den Weltmeisterschaften gewinnt kein Deutscher Athlet auch nur eine Medaille und niemand kommt unter die ersten Fünf. Können Sie sich vorstellen, was am zweiten Tag des Medaillenspiegels los ist? Und wer haut drauf? Die Bevölkerung haut drauf, die Presseleute sowieso, der Verband wird sicherlich Konsequenzen in seiner Führung haben, und das Bundesministerium des Inneren würde sagen, diesen blinden Verband, ja, den brauchen wir ja nun nicht mehr mit Geld zu unterstützen. Es will ja gar keiner in den Griff bekommen. Wenn diese Studie von 800 Seiten öffentlich wird - bis jetzt sind es nur 100 -, dann ist das ein Erdbeben hier, da Thomas Bach aber in vier Wochen IOC-Präsident werden will, bemühen sich natürlich alle Stellen, uns für dumm zu verkaufen und mit irgendwelchen fadenscheinigen Begründungen - Datenschutz, Formalitäten - die Dinge zurückzuhalten. Dort sind Informationen drin, und belegte Informationen aus Archiven, das schlägt einen platt.

Matthias Hanselmann: Herr Ommer, mit Ihnen kann man frank und frei über die Angelegenheit reden. Wenn so viele davon betroffen waren, warum reden dann so wenige jetzt?

Ommer: Ach, wissen Sie, ich war in einer Sendung mit einem Ex-Politiker, der heute Generalsekretär ist. Da sitzt du daneben und beißt in die Tischkante, weil das alles diese Sonntagsreden sind. Die wollen alle ihre Position erhalten, die tun so, als wenn das die heile Welt ist, die wissen es aber alle. So, und jetzt haben die nur Pech gehabt, sie haben im Grunde genommen das Selbsttor des Jahrhunderts sich geschossen, geben die Studie in Auftrag, deshalb sagt Thomas Bach, ich habe das aber doch veranlasst, der Vesper sagt, haben wir doch veranlasst - ja, aber als das Ergebnis da war, und dieses grausame, grauenhafte Ergebnis da war, da haben sie es in die Schublade gesteckt und darüber nachgedacht: Wie können wir denn jetzt verhindern, dass irgendein Mensch da reinguckt? So verlogen und heuchlerisch sind unsere Politiker und Funktionäre heute noch.

Matthias Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" - wir sprechen mit Manfred Ommer, der in den 70er Jahren mehrfach deutscher Meister über 100 und 200 Meter war, 1974 errang er die Silbermedaille im 200-Meter-Lauf bei den Europameisterschaften. Herr Ommer, diese Silbermedaille, ist die ohne Doping entstanden?

Ommer: Nein, die ist nicht ohne Doping entstanden. Ich habe ja schon mal gesagt, die Sporthilfe hat mir ja ermöglicht, auch die Pillen zu bezahlen, und ich sage mal, die Bilanz war damals schon furchtbar, was die Medaillen anbelangte, aber durch meine Silbermedaille wurde sie ein bisschen aufgewertet, dass ich mit fünf Zentimeter Rückstand gegen den Weltrekordler aus Italien verloren habe, bei dem eigentlich niemand Zweifel hatte, dass er zu den Großen im Dopinggeschäft gehört, wüsste ich nicht, bei wem ich mich dafür entschuldigen soll. Ich weiß auch gar nicht aus der Diskussion heraus, bin da auch etwas grantig drüber, Betrug - wen soll ich denn betrogen haben? Den Zuschauer? Der hätte mich ausgepfiffen, wenn ich hinterher gelaufen wäre. Die Presse? Die hätte mich geschlachtet, ja? Als ich Sechster über 100 Meter wurde, da war die Titelseite des Kölner "Express": "Da blieb dem Großmaul die Spucke weg!" Da war ich Sechster in Europa. Bei wem soll ich mich entschuldigen?

Matthias Hanselmann: Ja, ich verstehe es. Was war das eigentlich, was Sie damals genommen haben?

Ommer: Diese typischen Anabolika-Mittel. Die lachen ja heute über Anabolika, wir reden heute über Epo, wir reden heute über Blutdoping - ganz krasse Dinge: Wachstumshormone. Da sind wir natürlich dann in einer Dimension, da hat ja vor 30 Jahren kein Mensch von geträumt.

Matthias Hanselmann: Herr Ommer, vielleicht noch mal kurz, wie sind Sie denn selbst als Athlet in den 70ern zum Doping verführt worden? Wer war das, was hat man Ihnen gesagt?

Ommer: Man muss das anders sehen, der Athlet, der täglich zweimal trainiert und hinterherläuft, weil er weiß, da sind die DDR-Leute, und die haben halt die Pillen, die wir noch nicht haben, der sagt zu seinem Mannschaftsarzt: Mensch, Doc, da muss es doch was geben, die haben es doch auch, damit ich einen Meter schneller laufe! So beginnt das ja. Während dann der eine oder andere Arzt sagt, pass auf, da will ich nichts mit zu tun haben, das mag es geben, aber da ist nicht erwiesen, wie die Schäden später sind, und, und, und, aus ethischen Gründen will ich auch nichts damit zu tun haben, waren aber die speziellen Ärzte, die vom Verband aufgefordert waren, dann diejenigen, die gesagt haben, ja, ja, klar, da sind wir schon dran, und da gibt es auch was, das können wir dann entsprechend regeln. Und dann hast du das Zeug bekommen, so easy war das, die waren ja deine Freunde.

Matthias Hanselmann: Herr Ommer, Sie sagen immer wieder, dass auch im Fußball gedopt wurde und wird. Sie selbst waren Präsident des Fußballbundesligisten FC Homburg. Wurde da auch schon gedopt?

Ommer: Ja, natürlich. Der einzelne Athlet möchte doch, er möchte spielen, und er möchte besser sein. Und wenn, sagen wir, vor 30 Jahren die durchschnittliche Laufleistung eines Fußballspielers der ersten Liga in den 90 Minuten bei drei Kilometern lag, dann liegt sie heute bei 13.

Matthias Hanselmann: Wird Ihrer Meinung nach heute noch genau so oder sogar vielleicht vermehrt gedopt, besonders auch im Fußball?

Ommer: Wissen Sie, das Gefährliche ist, wenn ich für die Freigabe von Doping plädiert habe, dann hat das unter anderem auch den Grund, dass es kontrolliert dann abläuft. Das heißt, ich habe ein Vertrauensverhältnis zu Ärzten, und das führt dazu, dass ich das richtige Medikament, die richtige Dosis habe. In meiner Zeit war dieses wilde Dopen - wenn der eine vier Pillen nahm, nahm der andere fünf -, wir sind heute, wenn wir im Wachstumshormonen operieren und wenn wir mal die Weltspitze schauen, Jamaica, Trinidad, Tobago, und Sie sehen die über 30-jährigen Sprinter da mit Zahnspangen rumlaufen, dann sage ich, das sind alles die Hinweise auf Mittel, die natürlich ganz krass auch dafür sorgen, dass er zehn Jahre früher stirbt.

Matthias Hanselmann: Sie sind jetzt generell für eine Freigabe von Dopingmitteln, aber für eine kontrollierte Freigabe?

Ommer: Wer Dopingmittel an Kinder und Jugendliche verabreicht, ist in meinen Augen kriminell und gehört ins Gefängnis. Aber dem Volljährigen, der Millionen damit verdient, kann ich doch nicht Vorschriften machen, weil ich meine, der Sport sei eine Insel der Glückseligen. Im täglichen Leben interessiert uns doch auch nicht, wer gedopt ist, wer dadurch seine Leistung am Arbeitsplatz verbessert, es interessiert uns nicht, ob der Popstar die fünfte Erziehungskur hinter sich hat, wir gehen trotzdem hin und freuen uns, wenn der wie ein Irrer auf der Bühne was installiert. Der Sport ist nicht die Ausnahme - Wenn die gefragt werden, was bist du von Beruf, sagt der: Sportler. Mit welcher Begründung wollen wir dem vorschreiben, was der an Medikamenten und an Pillen nimmt?

Matthias Hanselmann: Vielen Dank an Manfred Ommer, den ehemaligen Spitzensportler, über das Doping gestern und heute und die Rolle der Politik sowie der Verbände! Heute Abend fragen die Kollegen im Wortwechsel: "Ohne Spritze keine Spitze?" Doping ist dann also auch das Thema um 19:07 Uhr hier im Deutschlandradio Kultur.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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