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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.05.2009

Wenn die Vögel im Winter einfach bleiben

Ornithologe Berthold: In 50 Jahren gibt es keinen Vogelzug mehr

Peter Berthold im Gespräch mit Frank Meyer

Vielleicht bald Vergangenheit: Unzählige Stare versammeln sich auf den Feuchtwiesen in der Nähe von Rapperswil zum gemeinsamen Aufbruch Richtung Süden. (AP)
Vielleicht bald Vergangenheit: Unzählige Stare versammeln sich auf den Feuchtwiesen in der Nähe von Rapperswil zum gemeinsamen Aufbruch Richtung Süden. (AP)

In 50 bis 100 Jahren könnte es wegen des Klimawandels in Mitteleuropa keinen Vogelzug mehr geben. Davon ist der Ornithologe Peter Berthold überzeugt. Schon jetzt lasse sich unter Vögeln die Tendenz ablesen, im Winter einfach dazubleiben. Wenn die Winter weiter so mild blieben und damit das Insektenangebot sich vergrößere, könnten bald noch mehr Arten als jetzt hierbleiben und durch die Selektion begünstigt werden.

Frank Meyer: Das Wunder des Vogelzugs - dieses Naturphänomen könnte es bald nicht mehr geben in Mitteleuropa, sagt der Ornithologe und renommierte Vogelzugforscher Peter Berthold. Er ist jetzt in der Vogelwarte Radolfzell für uns am Telefon. Herr Berthold, welche Beobachtungen haben Sie denn gemacht, die zeigen, das Ende des Vogelzuges könnte bevorstehen?

Peter Berthold: Also, zunächst haben wir festgestellt, dass der Vogelzug sehr stark genetisch gesteuert wird, also aufgrund von ererbten Verhaltensweisen. Und weiterhin haben wir herausgefunden, dass alle Vogelarten und alle Vogelpopulationen ganz offensichtlich ausgerüstet sind mit Genen, also mit Erbanlagen für Ziehen und für Nichtziehen, sowohl die Populationen als auch die Individuen. Und derzeit, im Zuge der globalen Klimaerwärmung, werden in Mitteleuropa die Gene für Zuhause-Bleiben, für Nicht-mehr-Wegziehen verstärkt, und zwar mit großer Geschwindigkeit, sodass etwa Amseln, die vor 200 Jahren noch alle gezogen sind, vor 50 Jahren zur Hälfte weggezogen sind, heute in manchen Gebieten wie in Bonn überhaupt nicht mehr ziehen. Andere Arten schließen sich dem an, und das geht mit großer Geschwindigkeit.

Und dann ist die logische Folgerung dieser Geschichte, dass wir eine Entwicklung, ich sag's mal salopp, von der Zugvogeligkeit zur Standvogeligkeit haben. Und da wir die Gene ganz gut kennen und die genetische Zusammensetzung, können wir das ja auch ausrechnen und können davon ausgehen, dass bei weiterer starker Erwärmung durch die richtige Selektion in 50 Jahren auch Rauchschwalben, Nachtigallen und wie sie alle heißen wohl nicht mehr wegziehen, sondern vollständig bei uns bleiben werden.

Meyer: Wie ist das, Sie haben die Schwalben erwähnt, die, soweit ich weiß, von Insekten vor allem leben - im Winter gibt's ja bei uns üblicherweise keine Insekten -, wovon sollen die Tiere dann leben im Winter?

Berthold: Also wir müssen sagen, es gibt noch keine Insekten oder, um noch präziser zu sein, noch nicht ausreichend genug Insekten. Wir haben viele warme November, Dezember und Januare, in denen praktisch tagtäglich Insekten fliegen, und in der Tat gelingt es bereits ersten Rauchschwalben in Holland, in der Schweiz, in Süddeutschland, hier und da zu überwintern, und die werden zunehmen. Und in 20, 30, 50 Jahren kann es sein, dass wir - davon gehen wir aus - so viele Insekten haben, dass dann eben auch Insektenfresser bei uns bleiben können.

Meyer: Und wenn die ganzen Vögel hierbleiben und im Sommer und Winter ihr Futterangebot brauchen, besteht da nicht die Gefahr, dass diese Vögel ihre Lebensräume praktisch leer fressen?

Berthold: Also wenn die Insekten natürlich im Winter hier anwesend sind und wir gar keine Winterruhe mehr haben, dann wird's natürlich viele Insekten haben, dann können auch viele Vögel hier leben. Ob genauso viele werden leben können, wie etwa jetzt in Afrika leben, das ist natürlich eine Frage, die kann niemand beantworten. Das wird sich zeigen, was dann möglich ist.

Meyer: Von welchem Klimawandel-Szenario gehen Sie denn aus bei Ihren Überlegungen? Es gibt ja ganz verschiedene Modelle, die von zwei Grad Erwärmung bis zu sechs Grad Erwärmung und mehr reichen. Von welchem gehen Sie aus?

Berthold: Also wir gehen von einem ganz moderaten aus in der Größenordnung von ungefähr drei Grad für die nächsten 50 bis sagen wir 100 Jahre.

Meyer: Und wir haben jetzt über Mitteleuropa gesprochen, erwarten Sie diese Entwicklung auch für andere Teile Europas, vielleicht auch für andere Kontinente?

Berthold: In anderen Kontinenten wird's gerade ganz anders aussehen. Gehen wir nach Südafrika, gehen wir nach Australien. Dort haben wir zu erwarten, dass sich die Wüsten ganz gewaltig ausdehnen werden. Für Südafrika ist die Prognose, Zunahme der Wüsten um mindestens 40, vielleicht sogar 60 Prozent. Australien ganz ähnlich, Entwicklung dahin haben wir schon, in vielen Gebieten ist keine Schafhaltung mehr möglich, Weinbau geht zurück, die Kuhhaltung macht große Probleme. Das heißt, wir werden riesige Gebiete bekommen, die verwüsten, die zur Wüste werden. Da leben zurzeit noch viele Vogelarten. Die werden entweder ganz verschwinden müssen oder sie werden mindestens jahreszeitlich aus diesen Gebieten auswandern und dann allenfalls für eine kurze Brutperiode zurückkommen können. Das heißt, dort wird Vogelzug, werden Wanderbewegungen zunehmen.

Meyer: Sie haben vorhin schon erwähnt, Sie haben festgestellt, dass das Zugverhalten der Vögel genetisch festgelegt ist. Wie kann das dann funktionieren, dass die Erbanlagen sozusagen reagieren auf solche äußeren Einflüsse wie eine Klimaveränderung, die ja auf die Erbanlagen bezogen jetzt relativ kurzfristig vor sich gehen?

Berthold: Ja, heute im Darwin-Jahr ist das kein Problem, das ist für jedermann verständlich, so was geht durch Selektion. Nehmen wir gerade zum Beispiel unsere Amsel: Die Amseln waren auch in der Zeit, als hier alle weggezogen sind, programmiert mit Genen für Ziehen und für Nichtziehen. Die Gene für Ziehen waren häufig, dann wurde es wärmer, es wurden die Vögel bevorzugt, die nicht mehr weggezogen oder nicht mehr so weit gezogen sind. Die konnten dann früher und zeitiger brüten, schneller gute Reviere finden und ihre Jungen produzieren. Und heute wird bevorteilt, wer gar nicht mehr wegzieht, wer also das ganze Jahr sein Territorium behält, sehr zeitig brüten kann und alle Ressourcen hier nutzt, bevor die Zugvögel zurückkommen.

Und das kann genauso gut wieder zurückpendeln. Wenn etwa sagen wir nach unserer Klimaerwärmung in 300 oder 500 Jahren die nächste Eiszeit käme, dann kann sich ganz schnell aus den Zugvogelpopulationen durch Selektion, also durch Auswahl, wieder eine ziehende Population entwickeln. Und das hat es sicher im Laufe der Evolutionsgeschichte Hunderte und Tausende Mal stattgefunden. Denken Sie an die verschiedenen Eiszeiten, Warmzeiten und so weiter, wo mal mehr und mal weniger gezogen worden ist.

Meyer: Ist das auch die Erklärung, warum dieses unglaubliche Naturphänomen, bei dem die Vögel ja auch Unglaubliches auf sich nehmen, auch viele Gefahren, auch extreme Erschöpfung natürlich, warum das überhaupt entstanden ist durch solche Klimaveränderungen auf unserem Planeten?

Berthold: Ja, das ist durch die sogenannte Ungleichverteilung der Ressourcen auf der Erdoberfläche, also der wichtigsten Quellen - und die allerwichtigste ist die Nahrung. Wenn wir überall gleiche paradiesische Verhältnisse hätten, hätten wir auch keinen Vogelzug. Aber in manchen Gebieten muss man wegziehen, wie die Schwalben jetzt noch bei uns, weil sie - wie Sie vorhin schon richtig gesagt haben - jetzt so wenig Insekten im Winter hätten, dass sie verhungern würden.

Auf der anderen Seite gibt es wieder Gebiete wie die Tundra, die im Sommer wunderbar warm ist, 24 Stunden Helligkeit mit einem Insektenangebot, das man sich kaum vorstellen kann. Das lohnt sich wieder für viele Vögel hinzuziehen, dort zu brüten, weil man dort wie im Schlaraffenland Junge aufziehen kann. Allerdings muss man dann auch ganz schnell wieder wegziehen, wenn in der Tundra der frühe Winter einbricht.

Meyer: Wir haben ja vorhin auch schon gehört, dass das Erstaunlichste an diesem Vogelzug ist, wie die Vögel überhaupt hin und her finden und zum Teil ja wirklich den identischen Ort, das gleiche Dach wiederfinden oder den gleichen Schlafbaum. Wie nah sind Sie dran, das tatsächlich zu erklären?

Berthold: Also die Grobrichtung, das ist heute kein Problem mehr, das geht mit Magnetkompass, das geht mit Sonnenkompass, das geht mit Sternkompass, da findet man schon ziemlich genau hin. Und für den Rest, das ist an und für sich auch nicht so sehr schwierig, da entwickeln die Vögel im Grunde genommen genauso wie wir eine kleine Landkarte, wenn wir dann so langsam in das Heimatdorf zurückkommen, wo wir früher mal waren, dann sehen wir: Ah, da hinten steht ja noch die Eiche, ach, und da ist noch die kleine Kapelle und da ist noch das und jenes. Und genauso müssen wir uns auch bei Vögeln vorstellen die geografische Karte, mit der sie dann die Feinorientierung durchführen.

Was wir nicht wissen bei Vögeln, wie Folgendes funktioniert: Sie nehmen zum Beispiel einen Spatz aus Berlin jetzt aus irgendeinem Garten von seinem Nest raus, transportieren ihn in einem dunklen Auto 50 Kilometer nach Ost, West, Nord, Süd, ganz egal, lassen ihn frei, und ungefähr anderthalb Stunden später ist der wieder an seinem Nest. Der hat also von seinem unbekannten Auflassort in kürzester Zeit eine Orientierung gemacht zurück zu dem Platz, wo er zu Hause ist. Das können wir heute nicht mehr, wir haben es wahrscheinlich früher gekonnt, in zurückliegender Zeit, und Naturvölker können's vielleicht auch heute noch. Und wie diese Rückorientierung stattfindet, das wissen wir bis heute nicht.

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