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Studio 9 | Beitrag vom 08.01.2020

Wem gehört der Dino? Teil 3In der Knochenkammer

Von Eberhard Schade

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Blick in den sogenannten Knochenkeller im Museum für Naturkunde, aufgenommen am 16.04.2009 in Berlin. Im "Knochen-Keller", einem langen schmalen Raum unter dem Museum, lagern die Reste von Sauriern, Mammuts und von Mastodonten, den elefantengroßen Rüsseltieren aus dem Jungtertiär. Oberschenkelknochen liegen dort neben Zähnen und Füße neben gigantisch großen Rückenwirbeln. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Reste von Sauriern, Mammuts und Mastodonten werden im Berliner Naturkundemuseum aufbewahrt. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

In der Knochenkammer des Naturkundemuseums liegen allein mehr als 10.000 Fossilien aus Tansania. Für den Präparator eine Jobgarantie bis zur Rente. Doch wie fühlt es sich für Erica an, inmitten all der Knochen aus ihrer Heimat zu arbeiten?

"Hier haben wir ein paar Bilder, vermutlich 100 Jahre alt. Hier sieht man, wie sie damals die Sachen aus dem Boden rausgeholt haben", sagt Michele Kaiser und zeigt auf ein paar alte Schwarz-Weiß Fotos der berühmten Tendaguru-Expedition, die an einem Schrank gegenüber der Kellerregale kleben:

"Und dann haben sie es wirklich so getragen, auf die Schiffe verladen und dann ab nach Deutschland."

Brechen und Kleben

Wir sind in der sogenannten Knochenkammer des Naturkundemuseums, in der von kleinen Wirbeltieren bis zum Mammut und Dinosaurier Fossilien liegen – davon allein mehr als 10.000 aus Tansania.

"Das sind nicht nur da oben die Reusen, hier die Kisten sind auch noch alle voll – auch das hier ist alles aus Tendaguru, was ich gerade bearbeite. Man kann wirklich sagen, es ist immer Arbeit da. Selbst ich, wenn ich jetzt hier 40 Jahre arbeiten würde, würde es nie schaffen, alles fertig zu präparieren, was hier noch so liegt."

Ein Stapel von Reusen im Keller des Naturkundemuseums.  (Eberhard Schade)In der Knochenkammer des Naturkundemuseums lagern Reusen mit Fossilien von der über einhundert Jahre alten Tendaguru-Expedition. (Eberhard Schade)

Für den Präparator: die Jobgarantie bis zur Rente.

"Deswegen muss ich alles auseinanderbrechen, das ist quasi bei uns das große Thema: Auseinanderbrechen, gucken, was drinnen ist, und am Ende zusammenkleben."

Wir sind jetzt wieder oben, im Innenhof des riesigen Museumskomplexes. Abteilung Paläontologische Präparation. Überall Mikroskope, Bohrer und Sandstrahlgeräte. Michele Kaisers Arbeitsplatz. Vor ihm der Dornfortsatz eines Dino-Wirbels. Spröder, weicher Knochen.

"Hier arbeite ich jetzt schon über einen Monat dran und werde ich vermutlich noch weit über zwei – für einen Knochen. Und wenn man sich dann vorstellt, wenn man dann einen ganzen Dinosaurier da oben stehen hat, dann sind das Monate und Jahre, die man daran arbeitet. Vor allem wenn man dann noch Knochen ergänzen muss, weil man den Dinosaurier nicht komplett gefunden hat. Es sind wirklich Jahre."

Und genau das sollen ja auch Erica und Frank hier lernen.

"Denn man holt ja nicht einfach Knochen aus dem Boden und die sind fertig, sondern es fängt ja schon bei der Präparation an, die Monate dauert. Es hört bei der Restauration auf. Wenn man sich das Klima da vorstellt, wie warm das ist, muss man schauen: Kleber binden bei Wärme schneller ab. Das Handling muss man haben. Feuchtigkeit, Wärme, Kälte nachts. Die Lagerung ist wichtig. Und wenn die Knochen da über Jahre liegen, muss man immer drübergucken. Es ist ein riesiger Apparat, den man da zu beachten hat."

Echte Handarbeit am Knochen 

Erica, die sich ja so auf die Paläontologie gefreut hatte, ist super glücklich, sagt sie, für ein paar Wochen Teil dieses Prozesses sein zu können:

"Denn der andere Saurier steht ja schon in der Halle, jetzt aber weiß ich, wie die einzelnen Knochen vorher präpariert wurden. Wie jeder einzelne gereinigt wird, Sedimente weggefräst werden. Wie lange dieser Prozess dauert und wie sehr man sich dabei konzentrieren muss, um keine Details zu zerstören. Alles sehr wissenschaftlich und professionell."

Zwei Hände halten einen alten Knochen. (Eberhard Schade)Brechen und Kleben: Arbeit am Knochen in der Paläontologie. (Eberhard Schade)

Zwei Wochen keine Excel-Tabelle, kein Hinterhersein hinter irgendwelchen Fristen für die Parasitenausstellung. Sondern "hands on" – echte Handarbeit am Dinoknochen. Und wie fühlt sich das hier für sie an inmitten all der Knochen aus ihrer Heimat?

"Die ganze Debatte um die Rückgabe der Dinosaurier ist ja in Tansania noch nicht sehr alt. Diejenigen, die die Knochen ausgebuddelt und verschifft haben, wussten ja nicht, was für ein bedeutender Fund das ist. Jetzt aber, inmitten der Diskussion, sagen plötzlich viele: Das wäre doch toll, wenn wir das Skelett hier hätten, es hier, in Daressalam ausstellen könnten."

Sie ist froh, das nicht entscheiden zu müssen.

"Ich glaube, dass das eine Debatte ist, die auf einem anderen Level stattfinden sollte. Ich kann wirklich nicht sagen oder entscheiden, was hier und was besser in Tansania sein sollte. Auch weil ich von einigen Objekten gar nicht weiß, warum sie hier sind."

Ericas Chef in Tansania will die Knochen zurück 

Ericas Chef in Daressalam dagegen, Audax Mabulla, will gar nicht großartig debattieren. Er will die Knochen zurück und nicht nur das:

"Die Deutschen sollten die Bedeutung der Rückgabe dieser Kulturgüter sehen. Und nicht nur, wie wichtig es ist, diese zurückzugeben, sondern Tansania auch mit den nötigen Mitteln auszustatten, diese fachgerecht zu lagern, zu präparieren und auszustellen. Und das heißt auch, diese Bemühungen zu unterstützen. Ich glaube, dass jeder intelligente Deutsche das auch unterschreibt und dass es deshalb auch möglich ist."

Michele Kaiser im Gespräch mit Frank an seinem Arbeitsplatz in der Paläontologie. (Eberhard Schade)Michele Kaiser im Gespräch mit Frank an seinem Arbeitsplatz in der Paläontologie. (Eberhard Schade)

Damit Erica die Knochen wo auch immer bald genauso gut wie ihr deutscher Kollege Michele Kaiser bearbeiten und präparieren kann, hat er ihr als Übung einen weicheren Gesteinsblock gegeben, aus dem einzelne Muschelrücken herausragen. Erica legt diese jetzt frei. Sitzt in einem weißen Kittel mit Schutzbrille über ein Mikroskop gebeugt und fräst geschickt die Steinüberstände ab.

Danach braucht sie den Block nur noch kurz sandstrahlen - für eine schöne, glatte Oberfläche. Michele Kaiser ist beeindruckt.

"Für einen Anfänger ist das wirklich wirklich super. Das hat sie wirklich sehr gut hinbekommen. Für einen Einblick ist das super, das reicht eigentlich."

Sendereihe "Wem gehört der Dino?" (picture alliance / Ulrich Baumgarten)Alle Beiträge der Reihe im Überblick. (picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Den Muschelblock darf Erica mit nach Hause, nach Tansania, nehmen. Die Dinoknochen bleiben natürlich hier. Noch. 

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