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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.01.2017

Weltweite WasserressourcenKampf um Qualität und Menge

Claudia Ringler im Gespräch mit Nana Brink

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Ein Landwirt in Eritrea (ARD / Linda Staude)
In der Landwirtschaft wird viel Wasser verbraucht (hier ein Bild aus Eritrea): Während deutschen Bauern oft der Regen reicht, müssen Flächen in Entwicklungsländern bewässert werden (ARD / Linda Staude)

Heute wird die Grüne Woche eröffnet. In ihrem Rahmen findet auch eine internationale Konferenz statt, die sich mit dem Thema "Landwirtschaft und Wasser" beschäftigt. Die Probleme in diesem Bereich sind immens.

Im Rahmen der Grünen Woche tagt heute das 9. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA). Organisiert wird die Welternährungskonferenz u.a. vom Bundesministerium für Landwirtschaft. Der Titel des Forums heißt dieses Mal "Landwirtschaft  und Wasser – Schlüssel zur Welternährung".

In Bezug auf die weltweiten Wasserressourcen gibt es zwei grundsätzliche Probleme, erläutert Claudia Ringler, die für ihren Arbeitgeber, das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI)" mit Sitz in Washington, an dem Treffen teilnimmt.

Da sei zum einen die Wasserverknappung durch eine ständig wachsende Nachfrage, besonders in den Entwicklungsländern, sagte Ringler im Deutschlandradio Kultur. Rund 85 Prozent des Wassers würden weltweit durch die Landwirtschaft verbraucht.

Zum anderen nehme die Wasserqualität immer weiter ab. In Ländern wie Indien sinke das Grundwasser rapide. Und künftig werde es durch die Klimawandel mehr Dürreperioden und zugleich mehr Überflutungen geben, erklärt die Expertin.

Die Industrieländer müssten die nachhaltige Wassernutzung in den Entwicklungsländern mehr stärken, forderte Ringler – über den Transfer von Technologien, notfalls auch mit Druck. Experten und Forscher hätten das Problem schon lange erkannt – in den Bürokratien der Entwicklungsländer würden aber so viele verschiedene Stellen bei dem Thema mitreden, dass sich letztlich niemand genügend darum kümmere. (ahe)



Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Wussten Sie, dass die Landwirtschaft der weltweit größte Wasserverbraucher ist und auch der größte Wasserverschmutzer? Das Problem wird ja umso dringlicher, als die Weltbevölkerung steigt, und damit natürlich auch die Anforderungen an die Landwirtschaft, und die Ressource Wasser wird natürlich auch immer knapper.

Ein scheinbar undurchdringbarer Teufelskreis. Umso besser passt das Thema zur Grünen Woche, die ja heute eröffnet wird in Berlin, und dort beschäftigt sich das "Global Forum for Food and Agriculture" genau mit diesem Thema. Und mit dabei ist auch Claudia Ringler, sie ist stellvertretende Abteilungsleiterin am Internationalen Forschungsinstitut für Ernährung und Entwicklungspolitik, das liegt in Washington. Sie ist nach Berlin gekommen für die Welternährungskonferenz und erfreulicherweise auch zu uns ins "Studio 9". Schönen guten Morgen!

Claudia Ringler: Guten Morgen!

Brink: Wo genau liegen denn die Probleme beim Wasserverbrauch in der Landwirtschaft. Vielleicht klären wir das mal zu Beginn.

Ringler: Ja. Ich glaube, Sie haben die meisten Probleme schon mal kurz angesprochen. Da ist zunächst die steigende Wasserverknappung. Das Wasserangebot verändert sich eigentlich über die Zeit relativ wenig, aber die Nachfrage nimmt ständig zu.

Und wie Sie schon gesagt haben, die Landwirtschaft ist bei Weitem der größte Nachfrager. 70 Prozent der Wasserentnahmen werden von der Landwirtschaft verwendet, und sogar 85 Prozent der Gesamtverbrauche. Aber natürlich nimmt die Nachfrage auch in den Städten und in der Industrie rapide zu. Also, die Verknappung ist ein ganz großes Thema, vor allem in den Entwicklungsländern, wo natürlich das größte Bevölkerungswachstum passiert.

Das andere große Thema haben Sie auch kurz angesprochen, das ist das steigende Wasserqualitätsproblem. Stickstoff wird über die Landwirtschaft in die Flüsse und so weiter eingeführt, natürlich auch Phosphate, und das wird einfach nicht schnell genug wieder gereinigt. Und das ist wiederum ein Hauptproblem in den Entwicklungsländern.

Gleichzeitig haben aber viele Menschen gar keinen Zugang zu sauberem Wasser und auch nicht mal zum Wasser für die Landwirtschaft. Wegen dem Klimawandel gibt es größere Wasser-Variabilitäten, also wir haben größere Dürreperioden, aber auch größere Überflutungen. Und das alles wird also sich praktisch in den nächsten Jahren weiter zuspitzen.

Sie sehen eine Wiese und einen Trecker, der Gülle ausbringt. (picture-alliance / dpa / Tobias Hase)Landwirtschaft in Deutschland - auch hier wird das Grundwasser durch zu viel Dünger belastet (picture-alliance / dpa / Tobias Hase)

Brink: Ich habe es ja schon mal gesagt, das klingt für mich wie so eine Art Teufelskreis. Gerade, wenn wir mal in die Entwicklungsländer auch gehen, zum Beispiel in so ein großes Land wir Indien – wie kommen wir denn da raus aus diesem Teufelskreis? Damit beschäftigen Sie sich ja hauptsächlich. Gibt es da irgendwie Zeichen oder Projekte, die Hoffnung machen?

Ringler: Indien ist ein ganz besonders interessanter Fall. Es ist bald das bevölkerungsreichste Land der Welt, und wegen der klimatischen Verhältnisse ist es sehr stark auf die Bewässerungslandwirtschaft angewiesen.

Wegen den billigen Pumptechnologien – also es war eigentlich die Technologieentwicklung, die dafür zuständig war, dass jetzt die Grundwasservorräte im Land ganz schnell, rapide abnehmen. Zusätzlich zu den Pumptechnologien ist da auch die kostenlose Elektrizität, die die Regierung den Bauern zur Verfügung stellt, dafür verantwortlich, dass einfach der Grundwasserspiegel rapide absinkt. Also das Problem ist groß, steckt sehr schnell an, aber es gibt mehrere Lösungsansätze.

Brink: Können Sie einen nennen, damit wir uns das vorstellen können? Wie kommen wir da raus aus dieser Not, zum Beispiel in Indien. Gibt es ein konkretes Projekt?

Ringler: Ja. Ein konkretes Projekt, das sich jetzt direkt mit dem neuesten Problem in der Landwirtschaftsbewässerung, vor allem der Grundwasserbewässerung, beschäftigt, denn das Problem sind die Solarpumpen. Hört sich eigentlich sehr gut an, die Pumpen sollen die Energieunternehmen im Land entlasten und auch die Treibhausgasemissionen reduzieren.

Aber sobald ein Bauer so einen Zugang zu einer Solarpumpe hat, hält ihn eigentlich nichts mehr zurück, die restlichen Grundwasserreserven abzupumpen, weil er braucht nur noch Sonnenlicht, um die Pumpen zu benutzen.

Und ein Projekt, das also von unseren internationalen Agrarforschungszentren in Indien gerade durchgeführt wird, beschäftigt sich mit sogenannten Bewässerungs-Solarpump-Kooperativen. Diese Kooperativen werden ins Leben gerufen, damit die Bauern sich zusammenschließen, zusammen größere Solarpanel beschaffen und dann den erzeugten Strom entweder in die Energienetze wieder einspeisen – wird ja in Deutschland auch gemacht – oder für die Grundwasserförderung benutzen. Das heißt also, wenn die Solarpreise hoch genug sind, bauen die Bauern eigentlich eine Solarpflanze an, anstatt zum Beispiel Reis oder Baumwolle zu bewässern.

Orangenbaum auf Zypern, aufgenommen 1995. (dpa / R3507_APA_Publication)Gerade wo es warm ist und Früchte gut wachsen, ist oft nicht genug Wasser: Orangenbaum auf Zypern (dpa / R3507_APA_Publication)

Brink: Das klingt nach einem sehr intelligenten Konzept auch, und ich könnte mir vorstellen, dass man das weiter betreibt, wenn man genug Geld dazu hat. Wäre es denn auch sinnvoll in Ihrem Forschungsansatz, dass man dafür auch Entwicklungshilfegelder ausgibt, und, ich denke jetzt mal weiter, dass man darüber auch vielleicht Druck ausübt, um solche Projekte voranzutreiben?

Ringler: Ja. Ich denke, die deutsche Regierung und alle Regierungen in den Industrieländern sind dazu aufgerufen, die nachhaltige Wassernutzung in den Entwicklungsländern zu stärken über, wie Sie sagen, Druck oder einfach Technologietransfer, also zum Beispiel, wie man solche Solarpumpgenossenschaften aufbauen kann. Auch über die Ausbildung. Es gibt heute sehr wenige Experten im Bewässerungsbereich, obwohl die Bewässerungslandwirtschaft in den Entwicklungsländern sehr schnell zunimmt. Also, es ist ganz wichtig, dass da mehr gemacht wird, weil wir wirklich mehr Dürreperioden und auch mehr Überflutungen in der Zukunft entgegensehen. Und wenn wir da jetzt nichts machen, wird das weitreichende Folgen haben, für die Nahrungsmittelpreise und natürlich auch für Migrationsbewegungen.

Brink: Sehen Sie denn, dass dieses Problem erkannt ist?

Ringler: Experten und Forscher haben das Problem schon lange erkannt.

Brink: Sie arbeiten ja dran schon lange.

Ringler: Genau. Aber das Problem, das wir haben, ist, dass die Landwirtschaft für die Wasserverbräuche – also der Hauptverbraucher ist, aber dass natürlich das Thema Wasser von vielen Ministerien bearbeitet wird. Oft vom Umweltministerium oder vielleicht von einem bestimmten Wasserministerium, und dadurch haben zu viele Leute sozusagen was damit zu tun. Und damit nimmt sich niemand genug dem Thema (an).

Brink: Herzlichen Dank, Claudia Ringler, die stellvertretende Abteilungsleiterin am Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik. Wir sprachen über die Wasserknappheit, die eines der ganz großen Probleme für uns, für die Weltbevölkerung in der nächsten Zeit sein wird. Vielen Dank für Ihren Besuch, Frau Ringler, hier in "Studio 9"!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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