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Lesart | Beitrag vom 11.01.2020

Weltraum-Tagebuch "Die lange Reise"Alle 90 Minuten geht die Sonne auf

Samantha Cristoforetti im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Porträt der italienischen Astronautin Samantha Cristoforetti in ihrem blauen Arbeitsoverall. (picture alliance/Pacific Press/Pamela Rovaris)
Die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti (picture alliance/Pacific Press/Pamela Rovaris)

Die Astronautin Samantha Cristoforetti erzählt im Weltraum-Tagebuch "Die lange Reise" von ihren Erfahrungen auf der Raumstation. Von dort ist der Klimawandel zu sehen. Aber die Astronauten schlagen sich auch mit so Profanem wie dem Putzplan herum.

Nach 200 Tagen auf der Internationalen Raumstation ist die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti in einer brennenden Raumkapsel zurück auf die Erde gefallen. Nun erzählt sie von dieser Grenzerfahrung und ihrem Weltraum-Tagebuch "Die lange Reise". Den Flug hin und auch zurück habe sie wie eine zweite Geburt erlebt. "Da gibt es diese ungefähr fünf Minuten, wenn wir durch das Plasma fliegen, durch diese ionisierte Luft, und wenn man rausguckt, dann sind da Feuer und Flammen und die Funkverbindung ist unterbrochen", so Cristoforetti. "Dann kommt man raus aus dem Plasma, und plötzlich kann man wieder mit den Menschen reden. Plötzlich ist das nicht mehr das Kontrollzentrum, das für den Weltraum zuständig ist, sondern die Rettungsmannschaft auf dem Hubschrauber, die nach uns sucht." Auf ungefähr zehn Kilometer Höhe gehe der Fallschirm mit einem harten Ruck auf, und auf dieser Höhe seien auch schon Flugzeuge: "Also ab da ist man wieder unter Menschen."

Eine Soyuz MS-11 mit Astronauten aus dem All landet in Kasachstan. (picture alliance/dpa/TASS/Sergei Mamontov)Eine Sojus MS-11 mit Astronauten aus dem All landet in Kasachstan. (picture alliance/dpa/TASS/Sergei Mamontov)

Der ganze Planet wird zum Zuhause

Bei der Landung im zentralasiatischen Kasachstan habe sie gedacht: "Kasachstan ist ein fremdes Land für mich, aber da war es für mich Heimat - das war die Erde." Schon während des Aufenthaltes auf der Raumstation habe sie zwar versucht, beim Blick auf die Erde nicht allzu sehr ins Philosophieren zu kommen. "Aber man entwickelt ein Vertrautheit mit der ganzen Erde. Und am Ende hat man wirklich das Gefühl: Der ganze Planet ist mein Zuhause."

Die Konflikte und Grenzen zwischen den Ländern unten auf der Erde seien dort oben nicht zu erkennen, und auf der Internationalen Raumstation spielten Nationen und Nationalitäten auch keine Rolle, beschreibt die Astronatin das Miteinander. "Wir sind hauptsächlich Kollegen und Freunde." Und die Sprachgrenzen zwischen Russen, US-Amerikanern und Europäern? Hauptsächlich werde auf der Raumstation Englisch und Russisch gesprochen, sagt Christoforetti. "Wir europäischen Astronauten bilden manchmal eine Brücke, denn die Amerikaner sind nicht immer super gut in Fremdsprachen, und gerade die älteren russischen Kosmonauten sprechen nicht unbedingt gut Englisch." Die Europäer seien die Mehrsprachigkeit etwas mehr gewöhnt. Cristoforetti selbst spricht Italienisch, Englisch, Russisch, Deutsch und Französisch. "Wir helfen manchmal mit, wenn Missverständnisse vermieden werden sollen."

Klimawandel als Mission für die Menschheit

Der Zusammenhalt zwischen den Nationalitäten sei auf der Raumstation einfach, weil die Gruppe klein sei: "Wir sind sehr vertraut miteinander, und vor allem sind wir Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben." Im Weltall habe sie gelernt: "Wenn man sich auf ein gemeinsames Ziel konzentriert, wenn einem die gemeinsamen Ziele wirklich wichtig sind, dann ist es viel einfacher, Konflikte zu vermeiden." Natürlich sei es nicht genauso simpel, dass die ganze Welt miteinander gut auskomme, sagt Cristoforetti. "Aber ich glaube, es ist besser, wenn man versucht, sich auf die gemeinsamen Ziele zu konzentrieren und auf der Erde haben wir mehr und mehr gemeinsame Ziele."

Als Beispiel für ein solches gemeinsames Ziel nennt die Astronautin die Bekämpfung des Klimawandels. Dessen Folgen seien von der Raumstation aus zu sehen, wenn man sie verstehe und ablesen könne. "Wenn ich zum Beispiel auf einen Gletscher gucke, dann sehe ich, wie groß er im Moment ist", so Cristoforetti. "Ich muss natürlich wissen, wie groß er letztes Jahr war oder vor einem Jahrzehnt, um den Unterschied zu erkennen."

Ausschlafen im All

An Bord der Rakete für den Hinflug war Cristoforetti die Bordingenieurin, ohne deren Okay die anderen Crew-Mitglieder nach dem Start nicht einmal die Handschuhe ausziehen durften. An Bord der Raumstation sei das anders. "Da sind wir dann alle Bordingenieure, durchnummeriert von eins bis fünf." Die Nummer Sechs sei dann die Kommandantin oder der Kommandant. Unabhängig vom Rang müssten sich alle aber auch an alltäglichen Dingen, wie dem Putzen, beteiligen: "Es ist wie eine WG und wir haben einen Putzplan." Das Frühstück mache sich jeder selbst. Und weil die Raumstation alle 90 Minuten um die Erde kreist und die Sonne deshalb alle 90 Minuten neu aufgeht, können sich alle den Tag einteilen: "Jeder frühstückt, wann er möchte. Ich bin eine, die spät schlafengeht und spät aufsteht, da habe ich spät gefrühstückt."

Um Astronautin zu werden, musste sich Cristoforetti gegen mehr als 8000 Bewerber alleine aus Europa durchsetzen. Auf die Frage, ob sie eher ein Star-Wars-Typ sei, der sich durchkämpft, oder eher ein diplomatischer Startrek-Typ, sagt Cristoforetti: "Ich glaube, da braucht man beides. Man muss sich durchkämpfen, denn man muss diesen Druck und die Belastung aushalten. Aber gleichzeitig muss man auch ruhig bleiben und gute Beziehungen mit allen behalten." Es sei mmer noch ungewöhnlich, als Frau in diesem Beruf zu arbeiten. "Was man spürt, ist, dass man als Frau mehr beobachtet wird. In der eigentlichen Arbeit und im täglichen Leben geht man aber nicht durch den Tag und denkt, um Gottes Willen, ich bin die einzige Frau! Es ist einfach normal."

Nächste Station: Projekt Lunar Gateway

Nach ihrer Rückkehr von der Internationalen Raumstation hofft Cristoforetti, in den kommenden zwei oder drei Jahren wieder ins All zu fliegen. Sie sei der Meinung, dass Raumfahrt für die Menschheit wichtig sei. "Für mich hat es einen ideellen Aspekt: Ich glaube, dass wir als Menschen auch solche Sachen brauchen - große Abenteuer, große Herausforderungen, um Grenzen zu testen und zu bewältigen." Perspektivisch gehe es aber auch um das Überleben der Menschheit. "Ein Asteroid könnte auf die Erde fallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das morgen passiert, ist natürlich winzig klein. Die Wahrscheinlichkeit, dass das in den nächsten 50.000 Jahren passiert, ist viel viel größer." Deshalb müsse man langfristig denken. Das investierte Geld fließe zudem in strategisch wichtige Industrien. Das sei gerade für große Industrieländer in Europa bedeutsam.

Und was ist die nächste Grenze, die die Raumfahrt nehmen könnte? Bis zur zuletzt oft von Silicon-Valley-Unternehmern und Raumfahrt-Enthusiasten beschworenen Marsbesiedelung sei es noch ein weiter Weg, sagt Cristoforetti. Das nächste große Projekt, an dem sie mitarbeite, sei eine kleine Raumstation, die nicht um die Erde, sondern um den Mond kreisen soll: Projekt "Lunar Gateway". "Das soll ein Kommandostützpunkt werden für Missionen auf die Mondoberfläche."

Samantha Cristoforetti: "Die lange Reise. Tagebuch einer Astronautin"
Aus dem Italienischen von Christine Ammann und Walter Kögler
Penguin-Verlag, München 2019
494 Seiten, 24 Euro

Samantha Cristoforetti, geboren 1977 in Mailand, ist eine italienische Astronautin und Kampfpilotin. Sie studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Beim Auswahlverfahren der ESA setzte sie sich gegen mehr als 8400 Bewerber durch und wurde 2009 als einzige Frau unter sechs neuen Astronauten, darunter auch Alexander Gerst, ins Europäische Astronautenkorps berufen. Von November 2014 bis Juni 2015 war sie mit zwei Amerikanern und drei Russen auf der Internationalen Raumstation (ISS). Sie arbeitet im Astronautenzentrum der ESA in Köln.

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