Gleichberechtigung

Brauchen wir den Weltfrauentag noch?

Demonstrantinnen in Berlin: Eine junge Frau trägt ein Schild, welches das weibliche Geschlechtssymbol, bestehend aus einem Kreis mit einem nach unten hängenden Kreuz, zeigt. Das lilafarbene Symbol hebt sich vom einem rosafarbenen Untergrund ab.
Am 8. März fordern Frauen auf der ganzen Welt Gleichberechtigung ein. (Symbolbild) © picture alliance / Ipon / Stefan Boness
Von Kristina Reymann-Schneider |
Seit mehr als hundert Jahren demonstrieren Frauen weltweit am 8. März für Gleichberechtigung und faire Arbeitsbedingungen - und sie haben bereits viel erreicht. Wäre es an Zeit, den Tag inhaltlich neu zu füllen und ihn für alle zu öffnen?
Wenn am 8. März weltweit Frauen auf die Straße gehen, ist auch Gewerkschafterin Alexa Wolfstädter dabei. Für sie ist der internationale Frauentag ein wichtiges Datum, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Die Publizistin Antje Schrupp wird sich bei den Demonstrationen hingegen nicht unterhaken. Sie hält den Frauentag für überholt und plädiert für ein inklusiveres Konzept: einen Kampftag für Demokratie und Gerechtigkeit, der auch Männer einschließt.

Warum es den internationalen Frauentag überhaupt gibt

Anfang des 20. Jahrhunderts fand der erste Frauentag der Welt in den USA statt, initiiert von US-amerikanischen Sozialistinnen, die das Frauenwahlrecht und bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie forderten. Die Idee schwappte schnell nach Europa über.
1910 setzte sich die sächsische Sozialistin Clara Zetkin auf der Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen für einen jährlichen internationalen Frauentag ein. Am 19. März 1911 fand er statt. Auch die deutschen Frauen gingen für das Wahlrecht auf die Straße. Außerdem kämpften sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Was ist der tiefste Gehalt des internationalen sozialistischen Frauentages? Ein Aufschrei der erwachten und erwachenden Frauen des arbeitenden Volkes nach der Freiheit, ungefesselt durch äußere Umstände ihr Menschen- und Weibtum in Harmonie entfalten zu können und für die Allgemeinheit zur tätigen, bereichernden Kraft werden zu lassen.

Clara Zetkin (19. März 1915)

Seit 1921 liegt der internationale Frauentag auf dem 8. März. Das Datum erinnert an den Streik russischer Textilarbeiterinnen, die am 8. März 1917 in St. Petersburg demonstrierten. 1977 hat die UNO-Generalversammlung den 8. März zum "Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden" ernannt.
In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist der Weltfrauentag seit einigen Jahren ein gesetzlicher Feiertag.

Pro: Der Weltfrauentag ist immer noch wichtig

Der Internationale Frauentag sei „die Gelegenheit, auf die Missstände, die es immer noch gibt, auf die Diskriminierung und Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen, die Frauen erfahren“, sagt Alexa Wolfstädter, Referentin im Bereich Frauen und Gleichstellung bei der Gewerkschaft Verdi.
Natürlich habe sich das Konzept im Laufe der Zeit geändert, so Wolfstädter. Heute kämpften Frauen nicht mehr für das Wahlrecht, aber es gebe noch immer Bereiche, in denen Frauen - bei allem gesellschaftlichen Fortschritt - benachteiligt würden, etwa im Arbeitsleben.
Das Patriarchat ist aus Sicht der Verdi-Referentin noch nicht überwunden: So gebe es nach wie vor Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Rund die Hälfte aller Frauen in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Das wirkt sich wiederum auf die Rente aus, die bei Frauen im Durchschnitt um rund ein Viertel niedriger als bei Männern ausfällt. Darüber hinaus nehme Gewalt gegen Frauen zu – im öffentlichen Raum, im eigenen Zuhause und im Internet.
„Wir erleben ja in letzter Zeit tatsächlich auch wieder so eine Art Rollback, dass angestammte Frauenrechte oder das, was wir erkämpft haben, auch teilweise angegriffen wird“, sagt Wolfstädter. Frauen würden wieder in alte Rollenbilder zurückgedrängt. Dadurch würden sie abhängig von ihrem Partner.
Der Weltfrauentag werde von Politik und Medien beachtet. Das müsse man offensiv nutzen. Der Frauentag ist laut Wolfstädter „bunt und inklusiv“. Und die Bündelung der Interessen sei wichtig. Denn: „Wenn jede nur ihren eigenen Pfad und ihre singulären Interessen verfolgt, dann kommen wir bei dieser Macht, die uns gegenübersteht, nicht sehr weit.“

Contra: Der Weltfrauentag ist überholt

Der internationale Frauentag signalisiere eine Einheit von Frauen, die so nicht mehr existiere, sagt die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Antje Schrupp. Es gebe kein gemeinsames „Wir“, da sich Frauen inzwischen in verschiedenen Lebenswelten bewegten und unterschiedliche Interessen hätten. Dass Frauen gleichberechtigt seien, stehe heutzutage nicht mehr in Frage.
Antje Schrupp ist der Ansicht, dass die Zeit des traditionellen Patriarchats, das auf einer gesellschaftlichen, hierarchischen Ordnung beruhte und in der allein die Männer das Sagen hatten, vorbei ist. „Was wir heute haben, ist (...) eine ungehemmte Selbstbedienungssituation von Leuten, die reich sind, von Leuten, die politische Macht haben.“
Das werde nun zum Problem für die Frauenbewegung, die sich stets zum Ziel gesetzt hatte, Gerechtigkeit einzufordern. Denn man könne heute nicht mehr unbedingt davon ausgehen, „dass alle sich darüber einig sind, dass es gerecht zugehen sollte in der Welt“. Auch moralische Argumente würden oft nicht mehr gelten, wie man an US-Präsident Trump sehen könne. Schrupp bezeichnet die Gegenwart deshalb als eine Zeit des „post-patriarchalen Chaos‘“.
Heute verlaufe die Trennlinie nicht mehr zwischen Männern und Frauen. Der Weltfrauentag sollte daher sein Narrativ verändern und „ein feministischer, demokratiefreundlicher, gerechtigkeitsliebender Kampftag sein. Und klar machen, dass die Grenze zwischen Frauen und Männern heute so nicht mehr besteht.“
Gleichwohl findet es die Politikwissenschaftlerin wichtig, feministische Erkenntnisse zu verbreiten: „Wir müssen in die anderen gesellschaftlichen Milieus hinein vermitteln, warum Feminismus notwendig ist, wenn man die Demokratie verteidigen möchte. Das haben nämlich viele noch nicht verstanden.“
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