Seit 20:03 Uhr Konzert

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Zeitfragen | Beitrag vom 25.09.2018

Weinlese in WürttembergKlima-und Kulturwandel fordern die Weinbauern heraus

Von Uschi Götz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Markus und Hermann Hohl stehen neben einem Rebstock im Weinberg. (Uschi Götz)
Weinbaumeister Hermann Hohl (r.) und sein Sohn Markus in einem ihrer Weinberge (Uschi Götz)

Immer früher beginnt die Weinlese, erzählt Hermann Hohl, wegen des Klimawandels. Der Weinbauer und sein Sohn Markus kämpfen noch mit anderen Unsicherheiten: So sei nach dem warmen, sonnigen Sommer die Qualität des Jahrgangs 2018 keineswegs sicher.

Rückwärts steuert ein junger Mann den Traktor behutsam den Steilhang hinauf. In der Hälfte des Weinbergs warten zehn Erntehelfer darauf, ihre bis oben mit Trauben gefüllten Eimer in den Container auf dem Traktor zu kippen. 8000 bis 10.000 Kilogramm Trauben kommen an einem Tag wie heute zusammen:

"Man muss dieses Jahr sagen, dass alles so im gleichmäßigen Reifezustand ist, sodass wir zügig die Trauben abschneiden können, und das bringt die enorme Tagesleitung, die so eine Lesemannschaft erbringt."

Eine der wenigen guten Nachrichten von der diesjährigen Weinlese.

Die Weinlese beginnt immer früher

Der Wandel im Weinbau ist überall zu spüren, nicht nur in Baden-Württemberg. Hermann Hohl steht in einem seiner Weinberge, der zwischen Weinsberg und Löwenstein liegt. Die hügelige Landschaft gilt als Zentrum der Rebflächen in Württemberg. "Die Weinlese beginnt immer früher", sagt Hohl, Weinbaumeister und Präsident des Weinbauverbandes Württemberg:

"Im zehnjährigen Schnitt waren wir immer Ende September, Anfang Oktober, aber das ist letztendlich dem Klimawandel geschuldet, dass wir immer frühere Ernten haben, das beginnt schon im Frühjahr mit sehr frühem Austrieb, auch dort sind die Gefahren dann auch sehr groß, wenn dann noch Mitte, Ende April Frost kommt, sind unsere Rebflächen gefährdet, weil der Austrieb dann schon stattgefunden hat."

Sonne allein macht keine Qualität

25 Grad warm ist es an diesem Septembertag. Heute wird Riesling geerntet, letzte Woche wurden Frühsorten, wie Spätburgunder, Schwarzriesling und Grauburgunder gelesen. Viel Sonne, das heißt natürlich guter Wein, so zumindest denkt der Laie. Das sei ein Trugschluss, sagt Hohl, er bewerte die Weinqualität erst, wenn er im Keller ist:

"Und dann auch erst, wenn er auf die Flasche kommt. Es sind so viele Unwägbarkeiten im Keller zu berücksichtigen. Wir lesen im Moment sehr schnell ab, weil uns die Öchslegrade gerade durch die Decke schießen, wir haben alles im Prädikatsweinbereich und die Säure geht durch die anhaltende Trockenheit stark zurück und deshalb müssen wir jetzt ablesen, um die Säure zu erhalten."

Seit Monaten hat es nicht geregnet, vor allem Weinsorten wie der Trollinger leiden extrem unter der Trockenheit. Die Folge: Im Moment bauen Hohl und sein Sohn Markus Bewässerungsanlagen für kommende Jahre auf.

Nicht der einzige, gravierende Eischnitt im württembergischen Weinbau.

Die Kultur der traditionellen Lese geht verloren

Die Winzer bekommen kaum noch bezahlbare Saisonkräfte, schon bald werden deshalb technische Geräte, sogenannte Traubenvollernter, die Weinlese übernehmen:

"Das heißt, eine technische Lese, an der kommt man mittelfristig nicht mehr vorbei. Es gibt Regionen, da werden schon 50 bis 70 Prozent der Ernte durch die Maschine gelesen. Es gibt sogar für die Steillagen Traubenvollernter, und die Neuanlagen, die man dann aufbaut, werden dann so aufgebaut, dass man mit der Maschine ernten kann."

Noch werden die Trauben in Hermann Hohls Weinbergen von Saisonarbeitern handverlesen - bis zu 10.000 Kilogramm pro Tag. (Uschi Götz)Noch werden die Trauben in Hermann Hohls Weinbergen von Saisonarbeitern handverlesen - bis zu 10.000 Kilogramm pro Tag. (Uschi Götz)

Punkt 12 Uhr, die Erntehelfer sitzen an einem großen Tisch in einem gemütlichen Bauwagen. Hermann Hohls Frau und seine Mutter servieren Bratwürste mit Kartoffelbrei. Sechs Helfer sind aus der Gegend, ein junges Paar und ein Mann mittleren Alters kommen aus Rumänien. Viele Winzer suchen vergeblich nach Helfern, vor allem Saisonkräfte aus dem Ausland werden längst von der Industrie abgeworben:

"Da ist es so, dass die etwas mehr bezahlen, als den Mindestlohn. Wir bezahlen den Mindestlohn, die Industrie bezahlt einiges mehr und dann gehen sie halt zu der Industrie. Und dadurch geht auch die Kultur der Weinlese verloren."

Nächste Herausforderungen: Trockenheit und Schädlinge

Eine jahrhundertealte Tradition steht vor großen Veränderungen, das bestätigt auch Nikolaus Merkt, promovierte Agrarwissenschaftler an der Universität Hohenheim. Der Weinbauspezialist kann sich an keinen so heißen Sommer erinnern und sagt, das große Zukunftsthema sei die Wasserversorgung der Weinberge:

"Bewässerung ist gut, aber woher soll das Wasser kommen? Ich möchte kritisch einführen, dass wir relativ niedrige Pegelstände haben bei den Flüssen, mit der entsprechenden Aufheizung. Ich darf auch an das Jahr 2003 erinnern, wo man auch schon mehr oder weniger die Weinberge bewässert hat."

Das Wasser kam damals aus dem Neckar, die Entnahme musste aber noch während der Saison verboten werden, die Temperatur des Flusses war zu stark angestiegen. In Hohenheim wird seit Jahren nach Lösungen gesucht. Ein Ansatz liegt bei einer veränderten Trieblänge der Rebe, kürzerer Trieb bedeutet weniger Blätter:

"Blattfläche heißt natürlich immer auch einen höheren Wasserverbrauch. Und wenn sie jetzt im Prinzip die Standardlänge nehmen: 120 Zentimeter und sie kürzen das ein auf 60 Zentimeter, haben sie die halbe Blattfläche. Das heißt, sie haben auch einen geringeren Wasserverbrauch."

Neue Aufgaben für die Agrarwissenschaft

Daran arbeiten die Hohenheimer Wissenschaftler zurzeit, erste Ergebnisse sollen demnächst vorgestellt werden. Auch Schädlinge, wie etwa die aus Asien eingewanderte Kirschessigfliege stehen im Fokus der Wissenschaft. Da gebe es bislang noch kein richtiges Konzept, um die Fliege zu bekämpfen. Allerdings machte der Schädling aufgrund der trockenen Hitze in diesem Jahr keine Probleme. Doch Merkt macht wenig Hoffnung:

"Man kann schon davon ausgehen, dass die tierische Schädlinge auf jeden Fall zunehmen. Bei den pilzlichen Krankheitserreger gibt es eventuell eine Verschiebung. Wir haben im Wesentlichen Mehltauerkrankungen, das ist einmal der Falsche Mehltau und auf der anderen Seite der Echte Mehltau. Der Falsche Mehltau liebt mehr so ein bisschen die feuchte Bedingungen, der Echte eher etwas die warmen. Das heißt, es wird hier eine gewisse Verschiebung geben."

Mehr zum Thema

Böttcherhandwerk - Das Holzfass feiert sein Comeback
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 28.06.2018)

Trinkkultur - Naturwein mit Hipster-Image
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 22.04.2017)

Rheingau - Streit in einer Weinregion
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 02.02.2017)

Zeitfragen

Energiewende Warum Frankreich nicht von der Atomkraft lässt
Ein Arbeiter steht auf der Baustelle des Atomkraftwerks in Flamanville im Nordwesten Frankreichs. (AFP / Charly Triballeau)

Bis 2025 wollte Frankreich ursprünglich den Anteil des Atomstroms zugunsten der Erneuerbaren auf 50 Prozent zurückfahren. Doch die Energiewende ist ins Stocken geraten. Ob Meiler stillgelegt werden, ist offen. Ein Grund: Wichtige Konzerne gehören größtenteils dem Staat.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur