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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 12.04.2018

Weidehaltung in SachsenTierhalter und Züchter machen gegen den Wolf mobil

Von Alexandra Gerlach

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Ein Rudel Wölfe streift im Februar 2017 im Wildpark in Poing (Bayern) durch ein Gehege. (dpa-Bildfunk / Alexander Heinl)
Wolfsrudel in einem Tierpark: In Sachsen wird über die Gefahr durch wildlebende Wölfe gestritten. (dpa-Bildfunk / Alexander Heinl)

Ist die traditionelle Weidehaltung bedroht? In Sachsen fordern Schäfer und andere Viehzüchter wirksame Abwehrmaßnahmen gegen den Wolf. Mit einem offenen Brief haben sich mehrere Verbände an die Bundesregierung gewandt – unter dem Titel "Wolf oder Weide".

Es ist früher Abend an diesem Frühlingstag im Februar. In Mischwitz, einem kleinen linkselbischen, Ortsflecken nahe Meißen steht Pferdezüchter Peter Kunath am Rande der Hausweide und ruft in die beginnende Dunkelheit.

Schnell kommen die Ein- und Zweijährigen Junghengste herbei. Sie wissen, dass es jetzt gleich Kraftfutter gibt und trotten geordnet in die großen, mit goldgelbem Stroh ausgelegten Laufboxen. Dort stehen sie in Gruppen zusammen, - hochbeinig und jugendlich keck – und trollen sich an ihre Krippen. Insgesamt 50 Pferde hat Peter Kunath aktuell in seinem Stall:

"Fremde zur Pension und Aufzucht und eigene. Wir haben drei Pferdeherden auf Dauerweide, ab Ende April bis Anfang Dezember, je nachdem, wie das Wetter und Futter ist. Das sind Jungstuten, das sind Hengste und dann noch mal ältere, nicht tragende Stuten usw. die Tag und Nacht draußen sind."

Erfolgreiche Haltung von Sportpferden auf den Weiden

Das ist seit 1991 sein erfolgreiches Geschäftsmodell, die Zucht und Aufzucht von Trakehner-Sportpferden in robuster Haltung auf den Weiden, hoch über oder auch direkt im Tal an der Elbe. Vor allem die Elbweiden sind besonders saftig und gut. Hier war auch im Winter 2013 eine kleine Herde vielversprechender Junghengste untergebracht. Bis zum 10. Dezember. Da wurde das Züchterehepaar nachts geweckt; die Hengste an der Elbe waren ausgebrochen. Kunath fand die 12 Pferde verängstigt und eng zusammenstehend an einem Gasthof, neben der Bundesstraße 6:

"Dann haben wir sie auf der B6 mit Begleitschutz der Polizei bis hier unterhalb von unserem Hof geführt, haben sie hier diesen Wanderweg hochgeführt, der ist beleuchtet. Und da haben wir gedacht, schnell in den Stall, kurze Wege, nicht erst noch weit irgendwo rum. Wie gesagt, wir wussten ja nicht, dass es hier Wölfe gibt. Wenn ich gewusst hätte, dass es Wölfe gibt, wäre ich auf der Straße geblieben."

Kunaths Hof liegt hoch über der Elbe, ein Hohlweg ist die kürzeste Verbindung zwischen den Flussweiden und dem Hof. Das Meißener Umland gilt zu diesem Zeitpunkt schon als Wolfserwartungsland. Einen Wolf leibhaftig zu sehen allerdings ist eher unwahrscheinlich. Die Jungpferde kennen den Weg und Peter Kunath, mit dem Leitwallach an der Hand, wähnt sich schon fast im Stall:

"Sekunden später rennt die ganze Herde ins Dunkle durch eine Kirschplantage wieder auf die B6. Die sind steil runter, auf dem kürzesten Weg auf die B6."

Neun Pferde bei Panik gestorben

Am Ende sterben neun junge Pferde, darunter auch zwei teure Auktionspferde, die als vielversprechender Dressurnachwuchs gelten. Der Züchter beziffert den Schaden mit rund 70 bis 80.000 Euro. Die Suche nach der Ursache für die Panik ergab verschiedene Befunde, darunter Wolfsspuren an der Weide und frische Wolfslosung, also Wolfskot oberhalb des Hohlweges.

Einen Schadensausgleich nach dem Naturschutzgesetz erhielt der Züchter jedoch nicht. Das Verwaltungsgericht Dresden entschied dagegen. Gerichtssprecher Robert Bendner zur Begründung:

"Das Gericht hat die Voraussetzung der entsprechenden Vorschrift nicht als gegeben angesehen. Es wird ein Schadensausgleich geleistet für Sachschäden, die durch den Wolf entstehen, Das Gericht hat hier gesagt, der Wolf muss dann auch der unmittelbare Verursacher des Schadens sein das war hier nicht der Fall, da die Pferde eben nicht vom Wolf gerissen worden sind, sondern eben bei einem Autounfall zu Tode gekommen sind."

Sächsisches Naturschutzgesetz gibt den Rahmen

In einem weiteren Fall vor dem Dresdner Verwaltungsgericht ging es um ein totes Kalb, das auf einer Weide aufgefunden worden war. Auch hier urteilten die Richter ähnlich, da ein unmittelbarer Zusammenhang mit einem Wolf, etwa in Form der für den Wolf typischen Kehlbisse, nicht hergestellt werden konnte, so Gerichtssprecher Bendner und nennt weitere Einschränkungen:

"Der gesetzliche Rahmen, der das Ganze vorgibt, im Sächsischen Naturschutzgesetz, dort in Paragraf 40, besteht darin, dass eben ein durch einen Wolf verursachten Sachschaden ersetzt werden kann, allerdings nur soweit Haushaltsmittel vorhanden sind und nur dann wenn die Tiere ausreichend gesichert waren."

Mit der zunehmenden Ausbreitung des Wolfes kommen sich Wölfe und Nutztierhalter immer häufiger ins Gehege. Martin Just ist Schäfer im Nebenerwerb im sächsischen Cunnewitz. In zwei Herden hält er 150 hochwertige Mutterschafe, die von Frühjahr bis Winter auf der Weide sind. Leichte Beute für den Wolf. Allein in den letzten zwei Jahren hat der Schäfer durch Wolfsrisse über 60 seiner wertvollen Zuchtschafe eingebüßt, obwohl er die empfohlenen Sicherungsmaßnahmen getroffen hatte:

"2015 sind sie über einen Elektrozaun drüber, welcher von drei Seiten zusätzlich mit Flatterband gesichert war und um die 20 Tiere getötet wurden, tragende Tiere. Und in dem letzten Jahr sind die Wölfe oder der Wolf das erste Mal in die Festzäune eingedrungen."

Wolfsmanager André Klingenberger (r) hängt gemeinsam mit Schafshalter Martin Domaschke Flatterband als Schutzmaßnahme gegen Wölfe in Rosenthal (Sachsen) auf. (dpa / picture-alliance / Miriam Schönbach)Schutz vor Wölfen: Ein Elektrozaun in Sachsen wird mit Flatterband ausgestattet. (dpa / picture-alliance / Miriam Schönbach)

Schwierige Schätzung der Wolfsbestände

Die Schätzung der Wolfsbestände bundesweit ist schwierig: Die Parlamentarische Staatsekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter sprach jüngst im Bundestag von 60 Rudeln und 13 "standorttreuen" Paaren. Die höchste Wolfsdichte hat derzeit die Lausitz. Von 200 Tieren ist die Rede, doch die Überprüfung der genauen Zahlen fast nicht möglich. Derweil gehen in der Region die Emotionen hoch. Rund 18.600 Bürger haben eine "Petition zur Wolfsbegrenzung" unterschrieben und dem sächsischen Landtag übergeben.

"Wir sind ganz normale Tierhalter, die mittlerweile nicht nur Sorgenfalten auf der Stirn haben sondern wirklich schon in Ängsten Tag für Tag leben."

Konflikte wie diese gibt es überall, wo der Wolf bereits zu Hause ist, also in Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und auch in Niedersachsen. Überall ist die Diskussion um den Wolf hochpolitisch und unerbittlich. Zunehmend fokussiert sich die Thematik auf die Frage: Wolf oder Weidehaltung?

Wölfe sollten als Wildtiere ganz normal ins Jagdrecht aufgenommen und bejagt werden dürfen, um die Bestände zu regulieren, lautet eine Forderung. Bislang ist der Wolf zwar ins Jagdrecht aufgenommen, zugleich aber ganzjährig so streng geschützt, dass der Abschuss eines Wolfes einer Straftat gleichkommt. Das wollen viele Bürger nicht mehr hinnehmen, erzählt auch der Landrat von Bautzen, Michael Harig.

Gefahr für die traditionelle Weidehaltung?

Sein Landkreis, ist so groß wie das Saarland und mit rund 130 Einwohnern pro Quadratkilometern relativ eng besiedelt. Er ist ländlich geprägt und hat noch viele Weidetierhalter. Doch diese Tradition sei in Gefahr sagt CDU-Mann Harig. Es gehe ihm nicht darum, den Wolf zu verhindern:

"Sondern es geht uns darum Artenschutz zu betreiben aber gleichzeitig auch die Interessen des ländlichen Raumes zu sehen und dazu gehört eine vernünftige Regulierung."

Bislang dürfen nur verhaltensauffällige Tiere, die sich etwa dem Menschen ungewohnt dicht annähern aus den Beständen - "entnommen werden" – wie es im Behördendeutsch so schön heißt. Diese Regelung ist bereits einige Male zur Anwendung gekommen, löst jedoch das grundlegende Problem aus Sicht der Viehhalter und Züchter nicht, sagt Landrat Harig:

"Denn wir haben eine ganze Menge Tierhalter, gerade von kleinen Beständen, zwei Tiere, fünf Tiere, zehn Tiere, die einfach sagen, das halten wir nicht mehr aus, auch nervlich nicht mehr aus und wir geben unser Tierhalten dran. Und das führt dazu, dass wir einen großen Verlust an Traditionen im ländlichen Raum erleben werden."

Offener Brief an die Bundesregierung

Jüngst haben in Sachsen acht Verbände von Nutztierhaltern bis Jagdgenossenschaften in einem offenen Brief an die Bundesregierung einen Forderungskatalog vorgelegt, der den Schutz der Weidetierhaltung zum Hauptpunkt macht. Unter dem Titel "Wolf oder Weide" warnen die Verfasser, dass eine Weidetierhaltung in Deutschland in der jetzigen Form in Zukunft nicht mehr zu leisten sein werde. Sie fordern eine Anpassung des Wolfsmanagements. Ihr Ziel: Aus einem "Wolf oder Weide" müsse ein "Wolf und Weide" werden.

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