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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 29.01.2020

Wehrsportgruppe HoffmannEine Geschichte staatlichen Versagens

Von Thies Marsen

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Polizisten transportieren am 30.1.1980 einen Jeep ab, der auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann in Heroldsberg bei Nürnberg sichergestellt wurde. (picture-alliance / dpa / Carl Staedele)
Polizisten stellen auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann bei Nürnberg ein Militärfahrzeug sicher. (picture-alliance / dpa / Carl Staedele)

Vor 40 Jahren wurde die Wehrsportgruppe Hoffmann verboten. Das Treiben der rechtsextremen Miliz hatten die Sicherheitsbehörden mehrere Jahre beobachtet. Allerdings begann das tödliche Kapitel der WSG erst nach dem 30. Januar 1980.

Bundesinnenminister Gerhard Baum verkündet am 30. Januar 1980 das Verbot der Wehrsportgruppe Hoffmann: "Die Tätigkeit der Wehrsportgruppe konnte nicht länger hingenommen werden. Durch ihr spektakuläres Auftreten ist sie ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, sie übt im gesamten rechtsextremistischen Lager eine Signal- und Sogwirkung aus. Sie stellt insbesondere eine Gefahr für Jugendliche dar, denen sie falsche Leitbilder vermittelt."

Schon frühmorgens hat die Polizei 23 Objekte in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern durchsucht und Unmengen an Material beschlagnahmt: Militärfahrzeuge, ein Panzer, Stahlhelme, Bajonette, Munition, Karabiner, Pistolen, Handgranaten – insgesamt 18 Lastwagenladungen.

Strammstehen und marschieren mit SS-Abzeichen

Ein Großteil stammt vom Schloss Ermreuth, knapp zehn Kilometer östlich von Erlangen – die Zentrale der Wehrsportgruppe. Hier bildet Anführer Karl-Heinz Hoffmann seit Jahren seine Gefolgsleute militärisch aus: Strammstehen, Marschieren, Schießen, durch den Wald robben. In Uniformen mit SS-Abzeichen.

Viele Dorfbewohner von Ermreuth finden nichts dabei.
Anwohner: "Ich meine, ich habe nichts gegen den Hoffmann. Der Hoffmann hat gegen uns nichts gehabt. Was der oben im Schloss macht, das ist ja seine Sache."
Reporter: "Ist ihnen da nichts aufgefallen, dass die Uniformen tragen?"
Anwohnerin: "Ich hab nur einmal gesehen, dass sie Netze hatten vor dem Gesicht."
Reporter: "Und fanden Sie das in Ordnung?"
Anwohnerin: "Naja, ich habe darüber gelacht."

Nicht ernst nehmen, herunterspielen, verharmlosen – typisch auch für Sicherheitsbehörden und Staatsregierung in Bayern.

"Das ist für mich das größte Rätsel, wie die bayerischen Behörden sechs Jahre zuschauen konnten, dass diese Miliz sich formiert, an Schlagkraft gewinnt", sagt Ulrich Chaussy. Der Journalist beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Hoffmannn und wundert sich: "Dass man weiß, die üben Bürgerkriegstaktiken. Und dass dem Milizenführer die Versicherung abgekauft wird, das Ganze habe mit Politik nichts zu tun."

Gefährlichkeit von Hoffmann unterschätzt

Die Geschichte der 1973 gegründeten Wehrsportgruppe Hoffmann ist vor allem eine Geschichte staatlichen Versagens, das mit dem Verbot noch lange nicht vorbei ist. Nun beginnt erst das tödliche Kapitel, das mindestens 17 Menschen mit dem Leben bezahlen werden.

Dabei hätte doch von Anfang an klar sein müssen, wie gefährlich Hoffmann ist. Schon 1974 verkündet der selbsternannte "Chef" in einem Interview mit dem Fernseh-Magazin Panorama: "Es wäre doch ganz einfach töricht zu leugnen, dass Adolf Hitler genial war und zweifellos sehr viele Dinge gemacht hat, wo wir heute langsam wieder drauf kommen, sie wieder tun."

Karl-Heinz Hoffmann, Gründer der verbotenen "Wehrsportgruppe Hoffmann", sitzt am 10.02.2016 im Berliner Verwaltungsgericht in Berlin. Der 78-jährige Hoffmann klagt gegen das Bundesinnenministerium wegen einer 2012 angeordneten zeitweiligen Überwachung, die er für rechtswidrig hält. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)Wehrsportgruppe-Gründer Karl-Heinz Hoffmann verklagte im Jahr 2016 das Bundesinnenministerium. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Hoffmann selbst bezeichnet sich als Faschist. Seine Wehrsportgruppe wird schnell zum Anziehungspunkt und zur Ausbildungsstätte einer ganzen Generation von Rechtsextremisten: "Dass man mal irgendeinen Aufstand macht. Dass das Volk zur Waffe greift und sagt: 'Die Besatzer sollen abrücken' - durchaus mit der Waffe in der Hand -, weil es gibt keine andere Methode, das zu erreichen", sagt einer von ihnen. "Wir sind alle, wie wir hier stehen, Antikommunisten bis in die Knochen", sagt ein anderer.

Hass auf Linke und Antifaschisten

Erstmals öffentlich ausleben können Hoffmanns Männer ihren Hass auf Linke im Dezember 1976 in Tübingen, wo die Truppe als Saalschutz eingesetzt ist für eine Veranstaltung des rechtsextremen Hochschulrings Tübinger Studenten. Als Antifaschisten dagegen demonstrieren, werden Hoffmanns Männer handgreiflich.

"Mit Totschlägern bewaffnet ging dort etwa ein Dutzend dieser Truppe überfallartig und geordnet gegen die passiven Demonstranten vor, wahllos wurde auf Köpfe und Körper losgedroschen", hieß es in einem Bericht.

Kontinuierlich baut Hoffmann seine Truppe aus: Auf bis zu 500 Männer – und auch Frauen –, die an den wöchentlichen Manöverübungen auf Hoffmanns Anwesen teilnehmen. Er knüpft internationale Kontakte. Und sein politisches Programm wird immer radikaler.

Manifest als Grundlage für Verbot

"Er hat diesen Text geschrieben", erklärt Ulrich Chaussy, "dieses 'Manifest zur Errichtung der rational-pragmatischen Sozialhierarchie'. In diesem Manifest fordert Karl-Heinz Hoffmann die Abschaffung von Wahlen, die Einsetzung einer Expertenregierung, ihre Mitglieder sollen ausgetauscht werden können. Wie, fragt man sich natürlich. Von Hoffmann offenbar. Die Regierung soll noch dazu anonym sein. Abstrus, vollständig abstrus."

Hoffmanns so obskures wie antidemokratisches Manifest bildet eine der Grundlagen für das Verbot seiner Wehrsportgruppe im Januar 1980. Nun verlagert Hoffmann seine Aktivitäten ins Ausland: Gemeinsam mit seinen treuesten Anhängern setzt er sich in den Libanon ab, wo er gute Kontakte zur PLO unterhält und gründet die Wehrsportgruppe Ausland.

Aus dem öffentlichen Bewusstsein in der Bundesrepublik verschwindet er weitgehend – bis zum 26. September 1980. In den späten Abendstunden detoniert am Haupteingang des Münchner Oktoberfests ein Sprengsatz, 13 Menschen sterben, über 200 Menschen werden teils schwerst verletzt.

Oktoberfest-Attentäter war bei Übungen dabei

Zwei Tage später erklärt Generalbundesanwalt Kurt Rebmann: "Nach den bisherigen Ermittlungen kommt als Täter der 21-Jähriger Geologiestudent Gundolf Köhler aus Donaueschingen in Betracht. Er kam bei dem Attentat ums Leben. Wir nehmen nicht an, dass Köhler als Alleintäter gehandelt hat, die Ermittlungen haben ergeben, dass Köhler Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann war."

Karl-Heinz Hoffmann bestreitet das, bis heute. Zur Zeit des Attentats herrscht Bundestagswahlkampf. Bayerns Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß hat Hoffmann und seine Leute selbst nach dem Verbot der Wehrsportgruppe noch als harmlose Spinner abgetan.

Die bayerischen Ermittler gehen mehr und mehr dazu über, Gundolf Köhler doch als Einzeltäter darzustellen. Der bayerische Verfassungsschutz nimmt direkt Einfluss auf die Ermittlungen, Spuren in die Neonaziszene werden nicht verfolgt, Gutachten und wichtige Beweismittel verschwinden spurlos.

Bis heute sind zentrale Fragen zum folgenschwersten Attentat der bundesdeutschen Geschichte ungeklärt, betont der Journalist Ulrich Chaussy: "Da die Ermittlungstätigkeit von den Behörden auf vielfältige Art und Weise blockiert worden ist. Wir wissen nicht, ob er die Bombe gezündet hat, ob er die Bombe gebaut hat, wir wissen nicht, wer bei Gundolf Köhler am Tatabend dabei gewesen ist."

Mord an Shlomo Levin und seiner Lebensgefährtin

Wenige Wochen nach dem Anschlag in München werden in Erlangen der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Shlomo Levin und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke erschossen in ihrer Wohnung gefunden. Levin war mehrfach öffentlich gegen Hoffmann aufgetreten, doch die Polizei ermittelt monatelang ausschließlich im persönlichen Umfeld der Opfer, bis endlich die am Tatort aufgefundene Sonnenbrille untersucht wird: Sie gehört Hoffmanns Lebensgefährtin Franziska Brinkmann.

"Im Mordfall Shlomo Levin haben wir inzwischen geklärt", sagt Oberstaatsanwalt Rudolf Brunner, "dass der Führer der Wehrsportgruppe Hoffmann im Zusammenwirken mit einem seiner Helfer und der Frau Franziska Birkmann am Doppelmord an Shlomo Levin und Frieda Poeschke schuldig ist. Nach einem flüchtigen Täter wird gesucht."

Was die Staatsanwaltschaft nicht weiß: Der flüchtige, von Hoffmann benannte Täter, Wehrsportgruppen-Mitglied Uwe Behrendt, ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, angeblich hat er im Libanon Selbstmord verübt. Hoffmann weiß das – und schiebt alle Schuld auf den Toten – mit Erfolg.

Zwar wird er wegen verschiedener Delikte zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Vom Vorwurf des Doppelmords aber spricht ihn das Gericht frei. Bald ist er wieder auf freiem Fuß. Seit 2010 ist Hoffmann wieder politisch aktiv, hält Vorträge, bei denen auch Unterstützer der Terrorgruppe NSU im Publikum sitzen. Auf seiner Homepage und auf Youtube veröffentlicht er endlose Rechtfertigungsmonologe.

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