Kommentar zum Wehrdienst

Die Gen Z muss endlich Verantwortung übernehmen

Junge Männer gehen angeführt von einem Soldaten in Tarnanzug an Militärfahrzeugen vorbei.
Neue Rekruten werden 1999 von einem Unteroffizier in die Kaserne geführt. Die Wehrpflicht ist in Deutschland seit dem 1. Juli 2011 ausgesetzt. © picture alliance / photothek / Thomas Imo
Von Leon Igel |
Viele junge Erwachsene haben keinen Bock auf Bundeswehr. Zugleich erwarten sie, dass die öffentliche Hand allerlei Probleme löst. Doch wer vom Staat nimmt, der muss auch geben.
Und schon wieder sind die Boomer schuld, denkt zumindest die Generation Z. Im Dezember hat die Bundesregierung den neuen Wehrdienst beschlossen. Er setzt zwar nach wie vor auf Freiwilligkeit. Doch die Regierung hofft, dass die Armee mit ihm kräftig wächst. Und sich Deutschland im Ernstfall gegen Putins Armee verteidigen kann. 
Experten gehen davon aus, dass dies nicht reichen wird. Und bald wieder die echte Wehrpflicht kommt. Denn nur 31 Prozent der 16- bis 30-Jährigen würden Deutschland überhaupt mit einer Waffe verteidigen wollen. Das fand der Generationenforscher Rüdiger Maas in einer repräsentativen Umfrage heraus. Die meisten jungen Leute haben auf die Bundeswehr also wenig Lust.

Wer will schon in den Krieg ziehen?

Das ist zwar nachvollziehbar. Wer will schon in den Krieg ziehen? Die Gen Z reagiert aber auch aus Trotz. Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt für viele junge Erwachsene einmal mehr, wie die Alten über ihre Köpfe hinweg entscheiden wollen. Warum sollten sie denn bitte ihr Land verteidigen? Nur weil das die alten Menschen fordern? Viele junge Leute denken: Sollen die Alten doch ausbaden, was sie selbst verbockt haben.

Die Welt hat sich grundsätzlich verändert

Was die Gen Z dabei vergisst: Die Welt hat sich mit der Rückkehr der Politik des Stärkeren grundsätzlich verändert. Daran können auch die Alten wenig ändern. Selbst Friedrich Merz nicht, und der ist mit siebzig Jahren ein Boomer. Gehört also zum Feindbild der Gen Z.
Ach, was wäre das doch für ein Segen, wenn die Boomer tatsächlich so mächtig wären, wie viele aus der Gen Z denken. Putins Angriffskrieg im Osten Europas wäre schnell gelöst. Und die Europäer müssten auch Trumps Aggressionen aus dem Westen nicht mehr fürchten. Leider ist die Lage komplexer.
Das Missverständnis der Gen Z rührt aus dem großen Paradoxon ihres Lebens. Sie fordern Freiheit, aber können in der jetzigen Weltlage nicht so leben, wie sie sich das erträumt haben. Damit kommen sie schlecht klar, denn sie sind die Kinder der Helikopter-Eltern. Jeder Wunsch wurde ihnen von den Lippen abgelesen, jede Herausforderung abgenommen. In ihrer Kindheit drehte sich alles nur um sie. Das hat Konsequenzen.  

Die Gen Z muss endlich das Jugendzimmer verlassen

Was die jungen Erwachsenen von Mama und Papa erfahren haben, erwarten viele auch vom Staat. Die öffentliche Hand soll Probleme lösen und die jungen Menschen beschützen. Diese Schlussfolgerung erlauben verschiedene Umfragen, zum Beispiel von der Bertelsmann-Stiftung oder dem Allensbach-Institut. Es lebe der Nanny-Staat! Doch eine Gemeinschaft kann so nicht funktionieren. Der Staat ist mehr als ein Wunsch-Erfüller. Wer von ihm nimmt, der muss auch geben. Wer Rechte will, hat auch Pflichten. Für das eigene Tun ist noch immer der Einzelne verantwortlich, und niemand sonst.

Merz will eine weitere Eskalation verhindern

Die Gen Z fühlt sich ohnmächtig und von den Erwachsenen übergangen. Wie soll es auch anders sein? Die Gen Z muss endlich das Jugendzimmer verlassen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Dazu gehört auch, nicht immer nach den Boomern zu schreien, wenn die jungen Erwachsenen mit der Realität konfrontiert sind.
Deutschland und Europa sind von außen bedroht. Wenn Boomer-Kanzler Friedrich Merz da vom Wehrdienst spricht, treibt er den Krieg nicht voran. Er versucht viel mehr, eine weitere militärische Eskalation zu verhindern. Die Geschichte lehrt: Despoten lassen sich vor allem durch Stärke abschrecken.

Die Freiheit ist ein flüchtiges Gut

Man könnte jetzt erwidern: Was geht mich das alles an? Wenn die Freiheit in Gefahr ist, ziehe ich eben weiter. Doch so leicht ist es nicht. Die Freiheit ist ein flüchtiges Gut. Wenn sich niemand um sie kümmert, ist sie plötzlich verschwunden. Wer frei sein möchte, muss Verantwortung übernehmen.
Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dazu. Der Respekt wäre den jungen Menschen sicher.  

Leon Igel, Jahrgang 1995, ist Journalist und Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung. Er ist auf dem osthessischen Land bei Fulda aufgewachsen, hat Germanistik und BWL in Mannheim studiert und zu Christoph Schlingensief geforscht. Heute beschäftigt er sich vorrangig mit gesellschaftlichen Entwicklungen und internationaler Politik.

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