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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 12.12.2011

Wegzug aus Murmansk

Die größte Stadt der Arktis stirbt aus

Von Christina Nagel

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Der Atom-Eisbrecher "Lenin" vor dem Hafen in Murmansk. (picture alliance / dpa / Tass Fedoseyev)
Der Atom-Eisbrecher "Lenin" vor dem Hafen in Murmansk. (picture alliance / dpa / Tass Fedoseyev)

Die russische Stadt Murmansk am Polarmeer hat ihre besten - sprich sowjetischen Zeiten - hinter sich. Heute wird kein radioaktiver Abfall mehr straffrei ins Meer gekippt und keine Boote mit Reaktoren an Bord verrotten im Hafen vor sich in – wofür engagierte Umweltschützer sorgten. Doch immer mehr vor allem junge Leute wollen weg aus der größten Stadt der Arktis.

Gerade noch rechtzeitig, bevor der nächste Schneesturm über die Kola-Halbinsel hinwegfegt, landet die Maschine aus Moskau auf dem Flughafen von Murmansk. Hier ist die Zeit stehengeblieben - und zwar irgendwann Mitte der 50er-Jahre. Gelbe Kacheln, ein altersschwaches Förderband, Gerümpel. Die Steh-Toiletten - Artefakte aus vergessen geglaubten Zeiten.

Ähnlich alt das Auto des Taxifahrers, der das Tempolimit ignorierend, mit 100 durch die windgepeitschte Landschaft rast. Felsen, kleinwüchsige Birken - und endlich auch ein erstes Straßenschild: Sankt Petersburg 1387 Kilometer, Murmansk 17. Die größte Stadt der Arktis taucht unvermittelt aus dem schneeverwehten Nichts auf. Graue Wohnblocks, die sich terrassenförmig bis zum Hafen hinunterziehen. Mitten drin die hell erleuchtete Hauptstraße - der Lenin-Prospekt. Der Stolz aller Murmandschaner, wie sie sich hier nennen:

"Ist die Beleuchtung nicht wunderschön?! Sie wird hier die ganze Zeit während der Polarnächte brennen. Wenn es auch am Tag dunkel bleibt. Unsere Verwaltung pflegt unsere Stadt. Und die Einwohner sorgen dafür, dass alles sauber bleibt."

Iwan Timofejewitsch weiß, wovon er spricht. Er kam als Soldat 1943 nach Murmansk. Damals, erinnert sich der 86-Jährige, habe die Stadt nur aus drei, vier Häusern aus Stein bestanden. Der Rest seien Holzhäuser gewesen. Als der Krieg endete, blieb er, heiratete, richtete sich ein. Seit 61 Jahren lebt mit seiner Frau Valentina zusammen. Fotos ihrer diamantenen Hochzeit zieren die Regalbretter ihrer kleinen, ordentlichen Wohnung. Daneben Bilder der Kinder, Enkel und Urenkel.

Wann immer sie zu Besuch kommen, wird das gute Teegeschirr aus dem Schrank geholt. Selbst gesammelte und eingelegte Pilze, Kraut und Wurst auf den Tisch gestellt. Iwan Timofejewitsch streicht über seinen imposanten grauen Schnauzbart. Natürlich, sagt er nachdenklich, habe sich vieles zum Besseren gewendet in den vergangenen 10, 20 Jahren. Aber leichter sei das Leben nicht geworden:

"Das ist so eine Sache. Uns Veteranen haben sie fast alle Vergünstigungen gestrichen. Es gibt noch ein Sozialpaket - 650 Rubel. Was kann man dafür schon kaufen?"

Wenn man sich in eine der langen Rentnerschlangen vor kümmerlich aussehenden Theken im sowjetisch anmutenden, aber günstigen Supermarkt anstellt, gibt es für die rund 15 Euro ein Brot, einen Liter Milch, ein Kilo Wurst, ein Kilo Käse, ein Päckchen Tee und zehn Eier.

Aber auch die Jugend habe es nicht leicht, fügt der mit beiden Beinen im Leben stehende Veteran an. Und das liege nicht am rauen Klima oder an den Polarnächten:

"Die jungen Leute finden keine passende Arbeit. Also in den Bereichen, in denen sie ausgebildet wurden. Sie ziehen deshalb weg."

Vor rund 20 Jahren lebten noch über 480.000 Menschen in Murmansk. Heute sind knapp über 300.000.

Auch Regina denkt darüber nach, wegzuziehen. Die 20-Jährige studiert Psychologie. Sie spezialisiert sich auf die Arbeit mit geistig zurückgebliebenen Kindern. Nebenbei engagiert sie sich sozial und kulturell. Und - ach ja, sie lacht: Künstlerin sei sie auch noch. Die umtriebige junge Frau, die unbeeindruckt vom Schneesturm durch die Stadt läuft, vermisst Möglichkeiten, sich selbst, ihre Träume und Wünsche zu verwirklichen:

"Früher dachte ich, Murmansk ist wie ein unbeschriebenes Blatt. Wenn du etwas tun willst, mach es selbst! Dann fängst du an und schon tauchen jede Menge bürokratische Probleme auf. Du überwindest sie, setzt dein Projekt um, nur um festzustellen, dass es kaum jemanden interessiert. Viele, die das erlebt haben, denken sich, okay, wenn mich hier niemand braucht, dann gehe ich eben woanders hin."

Das Problem sei in gewisser Weise systemimmanent, meint Regina. Da helfe es auch nicht, wenn Politiker oder Behördenleiter abgewählt oder ausgewechselt würden:

"Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, aber die Denkstruktur ist dieselbe geblieben. Die Reformen, die in Angriff genommen wurden, basieren auf den alten Vorstellungen. Deshalb gibt es aus meiner Sicht Veränderungen nur auf dem Papier, nicht aber in der Realität."

Mit energischen Schritten stapft Regina auf ihren hohen Absätzen eine weitere, verschneite Holztreppe hoch, mit deren Hilfe Fußgänger zwischen den Ebenen der Stadt hin- und herpendeln können. Vorausgesetzt man ist ausdauernd , nicht gebrechlich und ohne Kinderwagen unterwegs. Vor einem unscheinbaren, kaum beleuchteten Schuppen macht sie Halt. Die Fenster sind mit Laken und Decken verhängt. Nur vorn an der Tür hängt ein Schild, das beweist, dass sich hier tatsächlich die erfolgreichste Druckerei der Stadt befindet.

Mitbesitzer Oleg öffnet selbst die Tür. Und kommt gleich zur Sache. Voller Stolz präsentiert er die millionenschwere Technik. Neueste Maschinen aus aller Welt. Vieles aus Deutschland. Dazwischen stapeln sich Kalender in allen Farben und Formen. Erst die Wahl, jetzt der Jahreswechsel - für Oleg läuft es gut. Und trotzdem will er, sobald wie möglich, alles hinter sich lassen:

"Ich habe keine Lust mehr, einen Staat zu finanzieren, der zu 70 Prozent aus Beamten, Soldaten und Geheimdienstleuten besteht."

16 Jahre lang habe er gewartet und gehofft, dass die politische Führung ernst mache mit ihren Ankündigungen: mit der Modernisierung, der Förderung von Klein- und Mittelständlern. Beim Wort Investitionen winkt er spöttisch ab:

"In Murmansk?! Diese ganzen Erzählungen, was wird, wenn das gigantische Gasfeld in der Barentssee erschlossen wird?! Wir haben jetzt 2011. Das heißt, die Geschichte kam vor 40 Jahren auf, ungefähr als ich geboren wurde. Bis heute hat niemand etwas gemacht."

Die Erschließung der Arktis, die Modernisierung der riesigen Hafenanlagen, der Bau neuer Wohnungen - vieles werde versprochen, aber nichts werde wirklich umgesetzt. Oleg will deshalb auswandern. Sobald seine Söhne alt genug sind.

"Ich gehe nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Ich habe keine finanziellen Probleme, ich habe Arbeit. Mein Problem ist, dass ich das Gefühl habe, dass ich hier nicht gebraucht werde. Mich frisst das regelrecht auf, dass von mir nichts abhängt."

Er hat vieles versucht, war selbst politisch aktiv. Jetzt hat er die Nase voll. Auch weil er sieht, dass es anderswo anders geht.

"Bei uns hier ist die komplette Kola-Halbinsel militarisiert. Hier ist die Basis der Nordmeerflotte, alle Ufer sind gesperrt. Wenn wir 200 Kilometer fahren, nach Norwegen, sehen wir offene Buchten, sauberes blaues Meer. Hier ist es schwarz. Vom schweren Heizöl und anderen Dingen."

Jahre lang rotteten ausgediente Schiffe in den Buchten vor sich hin - direkt vor den Toren der Stadt. Was noch an Bord war, landete im Meer. Umweltschützer Andrej biegt von der Hauptstraße ab und deutet auf eine kleine Bucht.

"Hier rosteten früher alle möglichen Schiffe vor sich hin. Jetzt sieht man nur die Reste eines einzigen. Fast alles ist weg. Sehen Sie, es sind nur noch ein paar Reste."

Es ist vor allem das Verdienst der Umweltschutzorganisation Bellona, dass das große Aufräumen in den Buchten der Kola-Halbinsel begann. Mitte der 90er-Jahre veröffentlichte die Organisation einen Bericht über die Gefahr, die von ausrangierten Atom-U-Booten der Nordflotte ausging. Schwimmende Zeitbomben, erinnert sich Andrej, der damals selbst noch für die Atomflotte arbeitete, mit Schaudern:

"Sie lagen einfach im Meer - die wichtigsten Teile der U-Boote. Also der Reaktorblock plus zwei der Seitenteile. Sie lagen demontiert im Wasser und faulten vor sich hin. Ich habe völlig durchrostete U-Boot-Hüllen gesehen. Mit Löchern!"

Fotos kamen in Umlauf. Ein Schock für die Weltgemeinschaft. Unter Führung der G8 wurde ein internationales, milliardenschweres Hilfsprogramm gestartet.

"Ohne internationale Unterstützung wären wir heute längst nicht soweit. Russland hätte das allein nicht geschafft. In den 90ern hat alles langsam angefangen, dann nahm das Projekt Fahrt auf - heute ist fast alles fertig."

Mit deutscher Hilfe wurde in der Saida-Bucht ein Langzeit-Zwischenlager gebaut, in dem später 150 Reaktorsektionen für mindestens 70 Jahre sicher aufbewahrt werden sollen. An einem Entsorgungszentrum für radioaktive Abfälle wird noch gebaut. Mehr als eine Milliarde Euro Steuergelder stecken in dem Projekt. Für den Direktor des russischen Unternehmens SEVRAO, das für die Entsorgung und Wiederaufbereitung radioaktiver Abfälle zuständig ist, keine Selbstverständlichkeit. Valeri Pantelejew ist den Deutschen sehr dankbar für ihr Engagement. Es habe die Welt ein bisschen sicherer gemacht:

"In dem Langzeit-Zwischenlager sind bereits 40 Reaktor-Sektionen sicher gelagert, sieben weitere kommen in den nächsten Tagen dazu. Man kann also sicher sein, dass diese 47 Blöcke nicht mehr im Meer, wo sie zuletzt gelagert waren, versinken."

Im Gegensatz zu den Umweltschützern ist Pantelejew optimistisch, dass sich auch das Problem der Entsorgung von Brennstäben und Kernbrennstoffen in den kommenden fünf Jahren lösen lässt. Insgesamt, meint er, sei die Lage wesentlich besser als vor 20 Jahren:

"Wir lassen heutzutage nicht mehr zu, dass Radioaktivität in die Umwelt gelangt. Wir garantieren Sicherheit bei der Lagerung nuklearer Brennstoffe. Auch mit Blick auf mögliche Terroranschläge. Klar, wir wissen auch, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Aber wir sind dazu da, um die Wahrscheinlichkeit unvorgesehener Situationen zu minimieren."

Worte, die vor allem den Westen und die Umweltschützer beruhigen sollen. Denn die meisten Murmandschaner haben kein Atomkraft-Problem. Reaktorbetriebene Eisbrecher im Hafen, direkt vor ihrer Tür, sind normal. Und ohne die Nordmeerflotte, samt ihrer U-Boote, gehe nichts, meint der Blogger Alexander.

"Seien wir ehrlich, Murmansk ist nicht selbständig. Es kann nicht autonom überleben. Es kommt nicht mal ohne Einfuhr von Lebensmitteln aus. Wir leben, weil wir von den föderalen Strukturen unterstützt werden. Und das passiert solange, solange das Land hier strategische Interessen hat."

Zu denen gehört neben der Nordmeerflotte auch die geplante Erschließung der Arktis und ihrer Bodenschätze. Die junge Mann, der anonym einen sehr erfolgreichen Blog über Murmansk führt, grinst. Er ahnt, was jetzt kommt. Die Gretchen-Frage: Wann denn nun mit der Erschließung des Stockmann-Gasfeldes begonnen werde:

"Dieses Thema kommt immer wieder auf. In unserer Duma hat man jetzt sogar eine Wette abgeschlossen. Darüber, ob das Stockmannfeld bis zum Jahr 2017 erschlossen wird. Der Gewinner bekommt als Preis einen Strauß Rosen..."

Ein Wetteinsatz, der Bände spreche. Und trotzdem scheint von der Erschließung des gigantischen Gasfelds in der Barentssee so ziemlich jedes Investitionsprojekt der Stadt abzuhängen - die Schaffung neuer Betriebe, eine moderne Form der Energieversorgung und die Erweiterung des Hafens.

Direkt neben dem Fischereihafen liegt der Handelshafen von Murmansk. Womit hier bislang das Geld verdient wird, ist auf einen Blick zu sehen. Unermüdlich schieben Bagger Kohleberge zusammen. Dass die Fahrzeuge dabei manchmal fast senkrecht stehen, fasziniert nicht nur die Dockarbeiter, sondern auch unseren Führer Nikolaj Zaitzew immer wieder:

"Wir schlagen jährlich rund 12 Millionen Tonnen Kohle um. Die Kohle kommt aus den Schächten Sibiriens. Die Arbeit mit der Kohle ist aufwändig. Nichtsdestotrotz bearbeiten wir eben diese 12 Millionen Tonnen, die fast komplett nach Europa gehen."

Kohle werde auch in Zukunft eine Rolle spielen. Aber der Hafen werde sich verändern, meint Generaldirektor Viktor Morosow, wenn das Stockmann-Feld, in dem 3,9 Billionen Kubikmeter Gas und über 56 Millionen Tonnen Gaskondensat vermutet werden, erschlossen wird. Pläne für eine entsprechende Umstrukturierung des Hafens hat er bereits in der Schublade. Sie sind auf die nächsten zehn Jahre angelegt.

"Der Hafen von Murmansk wird in Zukunft in erster Linie ein Versorgungshafen sein. Über ihn wird auch die Versorgung des Stockmann-Vorkommens und anderer Gas- und Ölfelder laufen. Hier werden Reparaturen vorgenommen, Material umgeschlagen."

Sobald die Ausbeutung des Stockmann-Feldes in Gang komme, könne mit der Erweiterung der Hafeninfrastruktur begonnen werden:

"Wenn die Kola-Insel Gas aus dem Stockmann-Feld bekommt, werden hier Fabriken für die Weiterverarbeitung von Düngemitteln entstehen. Das heißt, wir brauchen dann neue Umschlagplätze."

Dazu ein neues Terminal und Flüssiggasfabriken. Die wichtigste Aufgabe im Moment sei es aber, den Hafen Stück für Stück weiter zu modernisieren. Und dafür zu sorgen, dass die harte Arbeit im Hafen bei Wind und Wetter, in den stürmischen Polarnächten, für die Mitarbeiter attraktiv bleibe.

"Die monatlichen Gehälter der Dockarbeiter und Mechaniker liegen im Schnitt zwischen 50.000 und 60.000 Rubel, also bei umgerechnet rund 1200 Euro. Eigentlich ist das nicht schlecht, wären da nicht Wohnungsmieten von 5000 bis 10.000 Rubel. Die sind wegen des schlechten politischen Managements überteuert. Im Unterschied zu westlichen Politikern halten unsere Politiker Bürger für Knechte. Sie meinen, dass sie dazu berufen sind, uns zu regieren."

Für Morosow ist klar, dass die Region nur überleben kann, wenn im Norden bessere Arbeitsbedingungen als anderswo garantiert werden.

"Wenn die Menschen keine Zuschüsse zu ihren Gehältern bekommen, werden sie abwandern. Wenn die Menschen die Stadt verlassen, werden Betriebe geschlossen."

Für die Stadt hinter dem Polarkreis könnte sich daraus ein tödlicher Kreislauf entwickeln. Mit der einzigen Perspektive: Wegzug!

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